Ab ins Schlaraffenland mit euch!

„Meerkatzen, das heißt, Affen aus Afrika; Gestalten einer verkehrten Welt, wo die Häuser sich auf der Spitze einer Nadel erheben und die Erde über dem Himmel steht.“ Umberto Eco

„In der Schlauraffenzeit da ging ich und sah: an einem kleinen Seidenfaden hing Rom und der Lateran, und ein fußloser Mann, der überlief ein schnelles Pferd, und ein bitterscharfes Schwert, das durchhieb eine Brücke. Da sah ich einen jungen Esel mit einer silbernen Nase, der jagte hinter zwei schnellen Hasen her – “
Was soll der Unsinn? Nun ja, so beginnt Nr. 158 aus der Kinder- und Hausmärchensammlung der Gebrüder Grimm: das Märchen vom Schlauraffenland.

Wie vieles andere, was sie als authentisches Volksgut ausgaben, hatten die Grimms auch diesen Text nicht aus dem Munde einer analphabetischen Bauersfrau, sondern aus anderer Leuts Büchern. Er stammt aus dem 13. Jh. und erschien 1836 unter dem Titel Sô ist diz von lügenen in der Reihe Altdeutsche Blätter. Immerhin übersetzten sie das gereimte Mittelhochdeutsch eigenhändig beinah fehlerlos und zensierten nicht mehr als ein paar Fäkalausdrücke – zu denen kommen wir noch. Mysteriös bleibt nur, warum sie die schlichten affen in neuhochdeutsche „Schlauraffen“ umwandelten und dann auch noch im Titel deren „Land“ aufscheinen ließen. Denn abgesehen von Rom (siehe oben) spielt die Handlung eindeutig in Westdeutschland: „Ein [ein]jähriges Kind warf vier Mühlensteine von Regensburg bis nach Trier und von Trier hinein in Straßburg …“ Was verschoben worden war, um aus der vertrauten Welt die verkehrte zu machen, war eben nicht der Ort, sondern die Zeit; die affen zît mag etwas ähnliches gewesen sein wie die australische Traumzeit oder die „Drogenzeit“ eines LSD-Konsumenten à la Timothy Leary. Deswegen muß der ursprüngliche Erzähler trotzdem weder Fliegenpilz noch Stechapfel gegessen haben: Titel und Text sagen ja laut genug, daß alles erlogen ist.

Aber von wegen Essen …

Als Kinder haben wir die Geschichte trotzdem anders gehört. Wo bleiben die Kuchensträucher, die Wurst- und Brezelbäume und die gebratenen Gänse, die eßfertig in der Gegend umherflattern? Unser aller Kopfbild vom Schlaraffenland stammt aus der letzten Variante des Mythos, die in deutscher Sprache populär wurde – der einzigen, die je für Kinder gedacht war und noch heute unverändert in Kinderbüchern abgedruckt wird. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (unter anderem Mitherausgeber der Altdeutschen Blätter) dichtete sie 1844: „Kommt, wir wollen uns begeben / jetzo ins Schlaraffenland …“ Ganz bestimmt war sie bestens geeignet, biedermeierlichen Bürgerskindern das lange Warten aufs Abendbrot zu vertreiben, mit imaginärem Luxusnaschwerk aus südlichen Gefilden: „Feigen wachsen in den Hecken, / Ananas im Busch umher.“ (Und seit ich fünf Jahre alt war, frage ich mich, wie das aussieht, wenn Ananas im Busch umherwachsen.)
Beim Blick über die Schlaraffenliteratur fällt auf, daß tatsächlich alle Beschreibungen Schlaraffiens dieses Motiv gemeinsam haben: reichlich feines Essen, das einem in den Mund wächst. Wände aus Lebkuchen, Häuser mit Speckbroten gedeckt, Milch- und Honigbäche. Aber denselben Zug zeigen andere Geschichten auch. Hänsel und Gretels Hexenhaus hat ein Brotdach und Zuckerfenster. Für die toten Helden in Walhalla gibt es Met und gegrillten Eber ohne Ende, und der Eber hat sogar noch Spaß dabei. Heinrich Heine war einst im Traum ein Harlekin unter dem Spaghetti-Baum, und das Sonnenlicht in den Pasta-Zweigen war zerlassene Butter – all das, und noch manche anderen Sagen-Festmähler, die auf nicht ganz so wundersame Art zustandekommen (wie die wiederholten Hundert-Rinder-Opfer bei Homer, sakrale Grillpartys fürs Ohr), waren schlicht Hungervisionen. Die Leute, die sie einander erzählten, hatten eben zu wenig zu essen. Hoffmanns genäschige Zuhörer hungerten zwar nicht, aber von dem Stoff, mit dem man in seinem Schlaraffenland die Straßen pflastert – Bonbons, Torten und Marzipan – kriegt ein Klischee-Kind nie genug.

Drey meyl hinder Weyhnachten

Das Schlaraffenland, das jeder kennt (und oft den Grimms zuschreibt, schließlich liest man davon in Märchenbüchern „nach“ den Gebrüdern Grimm), hat aber noch ein paar Features mehr. Zum Beispiel hat mir ein würdiger alter Herr versichert, es liege „drei Meilen hinter Weihnachten“, und wer hinein will, müsse sich durch einen Berg von Hirsebrei essen. Das kommt nicht mehr aus einer bloßen Prosaifizierung von Hoffmanns Kinderliedchen; dafür – für den ältesten deutschen Text, der das Schlauraffen Landt eingehend beschreibt – zeichnet Hans Sachs verantwortlich.
Auch Sachs, im Jahre des Heils 1530, schildert hinter dem Hirsebreiwall zunächst ein Freßparadies: „Auff den Tannen wachssen Krapffen / Wie hie zu Land die Tannzapffen.“ Das ist aber erst das halbe Gedicht. Wichtiger sind die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Schlauraffen. Es fängt damit an, daß sie fürs Schlafen bezahlt werden, wenn auch nicht gerade üppig: „Wer sehr faul ist vnd schlefft darinnen / Dem gibt man von der stund zwen pfennig“ – wie bitte? Selbst wenn ich 48 Stunden am Tag schlafe, käme ich im Monat gerade auf 30 Mark, keine 15 €. Verdauungsabgase sind schon lukrativer: „Ein Furtz gilt einen Binger haller, / Drey gröltzer (= Rülpser) einen Jochims Thaler.“ Aber man stelle sich den Verwaltungsapparat vor, der für die Entlohnung nötig sein muß, zu schweigen vom altdeutschen Währungschaos – oder möchten Sie Bingener Heller und böhmische Joachimstaler in Euro umrechnen? Reicher wären wir mit der vorigen _Bagger_ausgabe geworden: „Für eyn groß lüg geyt man eyn Kron.“ Aber spätestens hier rückt das Land etwas ins Zwielicht.

Unvernunftadel

Vergessen wir einmal, daß Milchbäche mit eingeweichten Semmeln bei warmem Wetter stinken und niemand wirklich möchte, daß es Gulasch und Palatschinken regnet; Bemerkungen über die unappetitlicheren Aspekte des Nahrungsüberschusses sind nicht Gegenstand dieses Artikels. Bedenklich stimmt uns schon eher, daß aus Sachs’ bürgerlicher Perspektive die schlaraffischen Bauern zum Obst und Gemüse zählen: Sie wachsen auf Bäumen wie Pflaumen, und „wens zeytig sind, so fallens ab / Yeder in ein par Stiffel rab“. Ja, und wenn schon feudalistische Gesellschaft – wie klettert man ans andere Ende der Leiter und wird Feudalherr?
Die Machtpositionen wollen verdient sein: „Wer wüst, wild und unsinnig ist, / Grob, unverstanden alle Frist, / Auß dem macht man im Land ein Fürstn“, und „wer der faulest wirdt erkant, / Derselb ist König in dem Landt.“ Endlich etwas, was dort genauso ist wie bei uns und sich seit 1530 nicht wesentlich geändert hat. Allerdings vergeht einem da die Lust aufs Auswandern. In diesem Schlaraffenland ist Dummheit nicht Recht, sondern Pflicht! Man muß sich hüten und „aller vernunfft gantz müssig stan“ – manche können zwar nicht anders, aber freiwillig tut das doch keiner gern. Protestantische Arbeitsethik muß man auch draußen lassen: Wer gern arbeitet, wird verbannt. Dieselbe Strafe steht auf „zucht und Erbarkeyt“.
Ein Paradies auf Erden, wie es Ovid und andere für das Goldene Zeitalter beschrieben haben, ist nichts mehr für den braven Bürger der Neuzeit; unbehandelte Waldfrüchte sind keine paradiesische Nahrung mehr, und die Eierkuchenbäume und watschelnden Gänsebraten sind nur ein Traum zum Lachen. Außerdem hält man Arbeitseifer und „Zucht“ für natürliche Eigenschaften des Menschen und will, bitte sehr, Kleider vom Schneider und Schuhe vom Schuster. Was mögen Sachs’ Lehrbuben gedacht haben, wenn der Meister ihnen zurief: „Wenn du faul bist, schick’ ich dich ins Schlaraffenland“? Falls sie das Land aus mündlichen Erzählungen kannten, klang das wohl nach Belohnung.

Die Kuchenabtei

Sachs hatte (wie die anonyme Quelle der Grimms) hauptsächlich den Verkehrte-Welt-Charakter des Schlaraffenlandes gesehen, von dem das kostenlose Schlemmen nur ein Aspektchen ist; und weil Sachs ein ordentlicher Mensch war, erschien ihm das als Beinahe-Hölle. Seinen literarischen Siegeszug begann das Land aber ganz anders: als Gegenentwurf zum christlichen Paradies. Muß es denn im Garten Eden nicht infernalisch langweilig sein? Wen würde man schon treffen, wenn man dort hinkäme – sagen wir, als mittelalterlicher Klosterbruder? Solche Leute wie den Abt und den Bischof, und höchstens noch Henoch oder Elias; und dann wird dort tagaus, tagein nur der Herrgott gepriesen. Ein lustigerer Ort mußte her.
Im Lande Cocaigne oder Cocagne (vielleicht abgeleitet von coquin „Schelm“), wo der Boden aus eitel Gold und Edelsteinen besteht, erhebt sich eine prächtige Abtei mit Wänden aus Pasteten und einem Kirchturm aus Würsten. Wein quillt aus den Brunnen, Zimt und Zibeben wachsen im Garten, und eine lange Aufzählung widmen die Verfasser den Arten von Dreck und Ungeziefer, die es in Cocagne nicht gibt. Nach der Morgenmesse schwärmen die Mönche aus und fliegen spazieren(!), jeder fängt sich eine der Nonnen vom Nachbarkloster und geht mit ihr im Fluß schwimmen oder sonstwohin. Wer der bravste Mönch ist, darf zwölf Ehefrauen im Jahr haben, und wer am meisten schläft, wird Abt. So heißt es jedenfalls im Fabliau de Cocagne, einer altfranzösischen Verserzählung, die um 1250 bereits in drei Fassungen verbreitet war. Entlaufene Mönche, Volksprediger oder andere lustige Kleriker steckten schnell ganz Europa damit an; Nachdichtungen, je nach Landeseigenart ausgeschmückt, wucherten ringsum wie die Napfkuchen im Dorngestrüpp.
Selbstverständlich herrschten in dem üppigen Ersatzparadies Mönchtum und Klerus – das waren die höchsten Formen menschlicher Existenz, daran regte sich nicht einmal im Traum Kritik. Höchstens klangen die Titulaturen etwas fremd, z. B. „Saufhold, von Bacchus’ Gnaden Erzschluckspecht der Kirche von Gugganien“ (Suffoldus Bachi gratia ecclesie Gugganiensis gulescopus). Unschuldslämmer waren die geistlichen Machthaber da wie dort nicht: Wer Orffs Carmina burana gehört hat, weiß sich vor dem Abbas Cucaniensis („Abt von Kuckucksmünster“) in acht zu nehmen – der Kerl schläft nicht etwa, sondern sitzt von früh bis spät in der Kneipe und würfelt; obendrein schummelt er dabei, denn wer ihn morgens aufsucht, hat spätestens nach der Vesper sein letztes Hemd verspielt und muß sich nackt davonschleichen.

Pflaumenmus?

Man sieht: Seit ca. 800 Jahren kriegt jede Zeit das Schlaraffenland, das sie verdient. Heute haben wir gleich mehrere. Gerüchten zufolge gibt es z. B. in Italien einen Bezirk Cuccagna und in Kanada ein Städtchen namens Cocagne. Aber das echte liegt natürlich auf EU-Gebiet. Es trägt den niederländischen Namen Kockengen und findet sich als Teil der Gemeinde Breukelen in der Provinz Utrecht. Daß es trotz seines Rufes nur rund 3000 Einwohner hat, liegt vermutlich an dem erwähnten Schutzwall. Er ist leider nicht aus Hirsebrei, und auch Hoffmann – „es liegt ein breiter Hügel / ganz von Pflaumenmus davor“ – hat bei all seiner Kenntnis der niederländischen Literatur nur die Farbe richtig erspäht. Die stinkige Wahrheit steht in einem mittelenglischen Manuskript von ca. 1330, das im British Museum aufbewahrt wird: Wer ins Land Cockaygne will, der watet „seue yere in swine is dritte“, sieben Jahre in – mit Respekt zu sagen – Schweinekot. Und zwar bis zum Kinn. Dennoch oder deswegen beten die britischen Mönchlein zum Schluß, jeder Leser möge einst diese „große Buße“ auf sich nehmen und in das Land vordringen. Übrigens herrscht dort ewiges Leben, und nach Sachs sprudelt dort ein Jungbrunnen.
Also, worauf warten wir noch? Nur keine Bedenken wegen des Schweinemists – für schlaue Leute gibt es einen Hintereingang. Mozart zum Beispiel kannte ihn und ging dort nach Belieben ein und aus. Beweise? Am 5. November 1777 schrieb er spät abends an seine Cousine: „ich gehe izt nach schlaraffen, und thue ein wenig schlaffen.“ Und am nächsten Morgen war er wieder in Mannheim und setzte den Brief fort. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht auch hinbekämen. Bis dahin überlassen wir das Schlußwort, wie im alten Volksmärchen, einem krähenden Huhn: „Kikeriki, das Märchen ist auserzählt, kikeriki.“
Oder wie es dort eigentlich heißt, aber die Grimms nicht zu übersetzen wagten: „Es ist auserzählt, ein Lümmel hat in die Hose geschissen, es ist zu Ende gepißt.“ Amen! Wer’s nicht glaubt, zahlt einen Taler.

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