Achtung: Heiß und fettig!

Der Weg zum Steinkohlekraftwerk führt uns mitten durch das Ruhr­gebiet. Bochum, Gelsen­kir­chen, Recklinghausen lassen wir hinter uns, um wenig später nach Herne zu kommen. Bereits einige Kilometer vor Herne ist das Kraftwerk mit seinem 300 Meter hohen Schlot nicht mehr zu übersehen. Je näher wir kommen, desto mehr dominieren Kohlehalden und Industrieanlagen die Umgebung direkt am Rhein-Herne-Kanal.

Strom für zweimal Wien

Vor Ort im Kraftwerk werden wir zu allererst in einen klimatisierten Seminarraum geführt und von Herrn Mohnheim, dem Technikchef des Kraftwerks, begrüßt. Voller Elan erklärt uns der Mittfünfziger mit Schnauzer und rot-braunem Haar die grundlegenden Infos zum Steinkohlekraftwerk in Herne. Bereits seit 1962 wird demnach in den beiden ersten Heizblöcken je bis zu 150 MW an Strom pro Stunde erzeugt. 1966 folgte der doppelt so große dritte Block, dies­mal auch mit gekoppelter Wärmeerzeugung. 1989 kam zuletzt der vierte und heutzutage modernste Block im Kraftwerk dazu, und im Zuge dessen wurde der erste, veraltete Block geschlossen.
Wie wir in einem Informationsvideo erfahren besitzt das Kraftwerk heute insgesamt eine Gesamtkapazität von 950 MW und vermag damit immerhin eine Stadt mit beinahe 3 Mio. Einwohnern für ein Jahr mit Strom zu versorgen. Während der rund 20 Minuten werden uns die Abläufe im Kraftwerk vor Augen geführt. Unserem Gastgeber merkt man dennoch mehrmals deutlich an, dass er dem Video noch an derselben Stelle viel mehr hinzuzufügen hätte. So behält er es zwar vorerst für sich, um uns gleich nach Ende des Videos einzuweihen, dass man als richtiger Kraftwerker niemals von „Emissionen“ spricht, sondern immer nur von Rauchgasen.

Die Tradition der Kraftwerker

Überhaupt liegt Hrn. Mohnheim einiges am traditionellen Berufsstand der Kraftwerker, den eigentlichen Künstlern, die ein Kraftwerk am Laufen halten. Umso mehr betrübt es, dass die Auswirkungen der Öffnung der europäischen Strommärkte nicht immer positiv für Kraftwerker waren. Wo früher an die 600 Mitarbeiter gear­beitet haben, gibt es seit einigen Jahren nur mehr 250 Arbeiter und Angestellte, die den ordnungsgemäßen Ablauf garantieren. Mit einem Augenzwinkern gesteht er ein, dass „früher nicht jeder immer viel zu tun hatte“. Dennoch kann es jetzt schon manchmal knapp werden, wenn pro 8-stündiger Schicht statt der früher üblichen 6–8 Arbeitern heutzutage nur mehr allerhöchstens 2–3 Kraftwerker, Leittechniker oder Schlosser ein Auge auf den Heizblock haben. Zusätzlich stehen noch Elektrotechniker auf Abruf bereit, besonders in Krankheitsfällen können aber durchaus Engpässe entstehen. Da ist es durchaus eine Ironie des Schicksals, dass ob der jahrelangen Aufnahmestopps neuer, jun­ger Mitarbeiter in naher Zukunft sogar die Ge­fahr besteht, nicht einmal mehr diese wenigen Stellen adäquat besetzen zu können.

Simpsons-Feeling in der Schalt­zentrale

DampfkesselDie wirkliche Tour durchs Kraftwerk beginnt dann mit dem Gang zum Heizblock und dem Verteilen des für alle vorgeschriebenen Kopfschutzes sowie der eindringlichen Bitte „auch wirklich nichts anzufassen“, schließlich kann hier jedes Teil im schlimmsten Fall heiß sein oder zumindest schmutzig machen. Gerade Letzteres wird sich im Laufe der nächsten 1,5 Stunden noch das eine oder andere Mal bestätigen.
Spätestens im Aufzug wird dann deutlich, dass in Kraftwerken in gänzlich anderen Dimensionen gedacht wird. Vergeblich sucht man nach einer gleichmäßig aufsteigenden Stockwerksangabe, stattdessen wird hier alles in Metern über null an­gegeben. Entsprechend führt uns die Fahrt ins „Hirn“ des Kraftwerks nicht in Stock 3, 5 oder 8, sondern vielmehr auf 14m über null. Dort angekommen zwängen wir uns in die Schalt­zentrale des Kraftwerks, von wo beide Blöcke 3 und 4 gesteuert und hunderte ihrer Messwerte verfolgt werden. Der Anblick der drei gemächlich von Monitor zu Monitor blickenden Kraftwerker lässt unbewusst Erinnerungen an die Simpsons hochkommen.
Wenige Meter weiter betreten wir den eigent­lichen Entstehungsort des Stroms, wo der im Kessel auf bis zu 530° erhitzte Dampf die Blätter der überdimensionalen Dampfturbine mit mehr als 3.000 Umdrehungen in der Minute antreibt. Dieser Druck hält die Turbinenwelle in Bewegung, welche schließlich den Generator antreibt. Um einen Eindruck zu bekommen, wie viel Energie im Generator umgewandelt wird, reicht es bereits, nur neben Dampfturbine und Generator zu stehen.
Schnell wird klar, warum dies der einzige Raum ist, vor dessen Eingang ein offensichtlicher Man­gel an den sonst im Überfluss verfügbaren gelben Ohrstöpseln herrscht. Ein ohrenbe­täubendes Surren und künstliches gelbes Licht dominieren die Halle, zuletzt sorgen das fühlbare Vibrieren der Turbine sowie eine Innentemperatur von konstant 35 Grad für ein wenig angenehmes Arbeitsklima. Ein bis zu 150 Tonnen tragfähiger Kran lauert still über unseren Köpfen und wartet darauf, irgendwann einmal wieder die Turbine zu bewegen.

Ein Blick von oben auf den Kessel

Zurück im Aufzug geht es dieses Mal bis in die höchste Etage auf 110 Meter. An dieser Stelle ist der Heizkessel des 4. Heizblocks aufgehängt, mit unzähligen Schrauben von mehreren Zentimetern Durchmesser befestigt. Aufgehängt nicht zuletzt deshalb, weil sich Kessel dieser Größenordnung bei Betriebstemperatur um mehr als 1 Meter ausdehnen. Lediglich durch die Aufhängung kann der Kessel problemlos nach unten wachsen, wenn die getrocknete und zu Staub zermahlte Kohle mit Druckluft in den Kessel eingeblasen und dort bei Temperaturen von bis zu 1.400° C verbrannt wird. Dabei gilt, je kleiner der Kohlestaub, desto größer ist die Oberfläche und umso effektiver und umweltverträglicher geht die Verbrennung vonstatten. Kilometerlange, mit Wasser gefüllte Schläuche innerhalb des Kessels werden durch die bei der Verbrennung entstehenden Rauchgase erhitzt und leiten den Dampf zur Strom­erzeugung in die Dampfturbine.
Kurz vor Ende unserer Tour führt uns dann der Weg über Stiegen aufs Dach des Heizblocks in eine Höhe von 120 Metern. Obwohl der Blick vom schlechten Wetter leicht getrübt ist, bietet sich uns ein perfekter Rundblick auf die umliegenden Kohlehalden, andere Kraftwerke und weite Teile des Ruhrgebiets inklusive der neuen Fußball-Arena „Auf Schalke“.

Der Umwelt zuliebe

Auf dem langen Weg zurück zum Ausgangs- und zugleich Endpunkt der Tour kommen wir an den sieben alten, pilzförmigen Kühltürmen vorbei, von denen heutzutage nur mehr zwei in Betrieb sind. In den unten herum offenen Türmen fällt das im Kondensator des Heizblocks erhitzte Wasser aus rund 30 Meter Höhe herunter und kühlt dabei wieder auf rund 20° C ab. Etwa 6% des Wassers verdampfen durch die obere Öffnung des Kühlturms und werden in der Folge mit jähr­lich 11 Mio. Kubikmetern Was­ser aus dem angrenzenden Rhein-Herne-Kanal ersetzt.
Direkt neben den Kühl­tür­­men befinden sich die Produktionsstätten für jene Endprodukte, die ursprünglich nicht immer erwünscht waren, heutzutage aber für einen nicht zu vernachlässigenden Teil am Ergebnis eines Kraft­werks teilhaben. Neben Strom und der aus dem Dampf ge­wonnenen Fernwärme müssen im Steinkohlekraftwerk auf­grund von Umweltschutz­be­­­stimmungen die in den Rauch­gasen enthaltenen Asche- und Staub­teilchen, Stickoxide und Schwefeldioxid entsorgt und weiterverarbeitet werden. Während die Stickoxide in der so genannten DENOX-Anlage mit Ammoniak reagieren und dabei zu Stickstoff und Wasser­dampf umgewandelt werden, bleiben die Asche­teilchen an Elektrofiltern haften und werden dort sprichwörtlich abgeklopft und auf diese Weise gesammelt. Die Schwefeldioxide werden in einer Rauchgasentschwefelungsanlage her­aus­­gewaschen, wobei Schwefeldioxid mit Kalkmilch reagiert und reiner ungefährlicher Gips entsteht.
Alle diese aus den Rauchgasen gewonnenen Reststoffe können bereits im Kraftwerk unschädlich gemacht werden und sogar noch einer weiteren nützlichen Verwendung zugeführt werden. Insgesamt werden neben der Stromerzeugung jährlich 242.000 Tonnen Filterasche produziert, 153.000 Tonnen Granulat für die umweltschonende Salzstreuung und rund 86.000 Tonnen Gips.
Aussicht

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.