Aller Anfang ist leer!

Eine Einführung in die Problematik, warum das mit dem Buddhismus alles nicht so einfach ist.

Haben Sie den Artikel übers Vakuum schon gelesen? Das sollten Sie vielleicht zuerst tun. An diesen will ich nämlich hier ein bisschen anknüpfen, wenn auch in einem ganz anderen Bereich.

Wenn man nämlich das ganze Geschwafel von schwarzen Löchern, dunkler Materie und dunkler Energie und Vakkuumenergie liest, wenn da so die Welt Stück für Stück zerstückelt wird und zuletzt kaum mehr was bleibt, außer dubiosen aus dem Nichts entstehenden Energien, kommt einem schon die Frage: „Ja, gibt’s denn überhaupt irgendwas wirklich?“

Sollten wir letztendlich tatsächlich zu diesem Schluss kommen, dass es nichts gibt, und jegliche Materie nur als ein Konstrukt anerkennen, das wir unserer beschränkten sinnlichen Wahrnehmung wegen benötigen, dann hätten wir uns diesen langen Weg der Wissenschaft eigentlich sparen können und stattdessen nur ein bisschen in alten buddhistischen Texten schmökern brauchen, die seit Jahrtausenden herumliegen, verstauben und vielleicht nur darauf warten, uns irgendwann alle eines Besseren zu belehren.

Nichts und wieder Nichts!

Z.B: Hier in dieser augenscheinlichen Welt ist Form Leere und Leere nichts anderes als Form; Leere ist nicht verschieden von Form, Form ist nicht verschieden von Leere. Was Form ist, das ist Leere; was Leere ist, das ist Form.

OK, ich glaub, wir wissens langsam!

Genauso verhält es sich mit Empfindung, Bewusstsein, Willensregungen und Erkennen.

…. auch alle leer scheinbar.

So haben alle Gegebenheiten die Leere als Kennzeichen, sie entstehen nicht, werden nicht zerstört, … Deshalb gibt es in der Leere keine Form, keine Empfindung, kein Bewusstsein, keine Willensregungen, kein Erkennen; keine Augen, Ohren, keine Nase, keine Zunge, keinen Körper, keinen Geist; keine Form, keinen Klang, keinen Geruch, keinen Geschmack, nichts was man spüren könnte und keine Gegebenheiten (die der Geist wahrnehmen könnte), …; kein Wissen, kein Nichtwissen, kein Ende des Wissens und kein Ende des Nicht-Wissens, sowie weder Alter noch Tod, kein Ende von Alter und Tod, kein Leid, keine Leidensursache, keine Beseitigung von Leid, keinen Ausweg, keine Erkenntnis, nichts was man erreichen könnte.

So weit so gut, es gibt also – kurz gesagt – gar nichts??? Und was ist hier eigentlich leer? Leere muss doch wohl eine Hülle haben, einen Rand, von dem aus man sie als solche definieren kann, oder?
Das sind die Fragen, die solch kühne Behauptungen im ersten Augenblick bei mir aufwerfen. Nach reiflicher Überlegung denke ich, es werden wohl die Begriffe sein, mit denen wir die oben genannten Formen bezeichnen, und diese Begriffe eben sind es, was leer ist. Da ist dann auch kein materieller Rand notwendig. Alles, was wir brauchen, ist unser Verstand, der sich Begriffe ausdenkt, die er vermittels unserer Sinne mit Formen füllt. Der Verstand ist es also, der die Leere mit Namen und somit mit Materiellem oder mit Formen füllt. Nur gehören eben die Sinnesorgane und ihre Sinne ja dann auch schon zu den sogenannten Formen, die’s ja scheinbar genau genommen gar nicht gibt. Und was ist mit dem Verstand? Gibt’s auch nicht?? Zum Verzweifeln!

Wenn man dann aber noch ein bisschen weiter liest, in noch älteren und verstaubteren Schriften, dann bemerkt man, dass hier auch so machem alten Buddhisten die Sache zu heiß wurde und er einfach erklärte, die Namen und Formen entstehen durch den Verstand und der Verstand wiederum beruht auf den Formen und seinen Namen. Das klingt ein bisschen unbefriedigend und erinnert ein bisschen an die große Frage nach Henne und Ei.
Schön. Das wars?
Leider nicht, denn es gab da eben auch andere (vermutlich gehörte auch der Buddha selbst zu diesen), die da nicht so schnell aufgaben und meinten, der Verstand entsteht (über ein paar Ecken) aus dem Unwissen, was die Sache auch nicht einfacher macht. Denn, auch wenn das Unwissen ja praktischerweise schon mehr oder weniger ein Nichts ist, was uns immerhin die Frage erspart, woraus sie besteht oder entsteht, so würde man doch zu gerne wissen: Wer ist denn hier unwissend, wenn doch eigentlich alles leer und nicht existent ist?

Die Henne und das Ei

Aber vielleicht sollten wir zwecks der Übersichtlichkeit diese vage Theorie noch einmal kurz von vorne bis hinten aufrollen: Eigentlich gibt es nur Leere. Aber aufgrund des Unwissens (wessen Unwissen auch immer) entsteht der Verstand, oder besser das Erkennen, das durch seine Tätigkeit Namen und Formen erschafft. Dazu gehört natürlich alles, was wir hören, sehen, spüren, lesen. Auch dieser Text hier und vermutlich auch alle buddhistischen Lehren. Das alles existiert also eigentlich gar nicht.
Was es aber geben muss, ist scheinbar irgend etwas, das (oder irgend jemand, der) unwissend ist und sich dann den ganzen Unsinn ausdenkt. Vielleicht sollte man nun doch einmal kurz erklären, was hier nicht gewusst wird: Das sind nämlich laut der Tradition die sogenannten 4 edlen Wahrheiten, die kurz zusammengefasst besagen, dass
• erstens alles Leben Leiden ist, weil wir Sachen bekommen, die wir nicht wollen (Krankheiten usw.), und Sachen, die wir wollen, nicht bekommen (Geld, Macht, Liebe, Erfolg und ähnliches unnötiges Zeug),
• zweitens alles Leiden aus Begehren und aus dem Unwissen dieser vier Wahrheiten entsteht,
• drittens das Leiden aufhört, wenn man sein Begehren verliert,
• und viertens was die Mittel sind, um dieses verdammte Begehren loszuwerden.

Das sind nun alles Elemente, die doch ziemlich menschlich und lebensweltlich und gar nicht so abstrakt wirken. Und die sollen nun also alle schon da gewesen sein, bevor wir überhaupt begonnen haben, Namen zu erfinden und Dinge sinnlich wahrzunehmen? Das klingt nun alles doch wieder sehr nach der Geschichte mit der Henne und dem Ei.

Falsche Frage!

Aber vielleicht ist die Frage nach dem Zuerst auch ganz einfach die falsche. Vermutlich sollten wird das nicht als einen historischen Prozess sehen, nicht als eine Weltentstehungsgeschichte begreifen (es geschieht ja ohnehin ständig nur das gleiche … Samsara, Sie verstehen …), sondern mehr als einen Ablauf, der sich in jedem kleinsten Detail unserer Welt ständig und überall wiederholt, solange wir eben nicht zur befreienden Erkenntnis kommen, die uns ins selige Nichts führt … oder bessser gesagt, uns klar macht, dass wir schon immer nichts und ein Teil der Leere sind.
Ja, aber warum sollten wir nun eigentlich zu dieser Erkenntnis kommen? Wo das Leben doch so schön … NEIN! Das Leben ist nicht schön! Alles Leben ist Leiden! Aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht nächstes Mal.

Wem dieses seichte und zugegeben etwas arrogante Journalistengeschmiere hier zu unbefriedigend war, wer sich aber dennoch bis hierher durchgekämpft hat und tatsächlich ein bisschen auf den Geschmack gekommen ist, dem sei unten stehende ernsthaftere Literatur und natürlich Travis Lehtonens Artikel The Emptiness of Existence ans Herz gelegt. In Wirklichkeit ist das nämlich alles viel, viel komplizierter.
Wem das sowieso alles einerlei ist, der mache es wie ich auch (meistens), und beschäftige sich nun wieder mit handfesteren Themen, wie Geld, Macht, Liebe, Reichtum usw.

Weiterführende Literatur:
Hermann Oldenberg: Buddha, Berlin 1881.
Erich Frauwallner: Geschichte der Indischen Philosophie, Band 1, Graz 1953.

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