Über das Recht auf Unrecht

Krzysztof Kieslowskis Film „Drei Farben Rot“ (1994) ist der letzte Teil seiner Farben-Trilogie, nach „Drei Farben Blau“ (1993) und „Drei Farben Weiß“ (1994). Ein Film, der die Aussagekraft des Kinos bestätigt.

Eine Hand ergreift den Hörer, die andere drückt die Tasten. Man hört das Anwählen des Apparates. Und sieht den Weg der Töne, von einem Apparat zum nächsten: Die Kamera gleitet das Telefonkabel entlang, bis zur Wand. Wir sind im Kabel, alles dreht sich, Farben und Formen verschwimmen, Schnelligkeit. Kabelrohre führen uns ins Wasser, und wieder heraus, hinein in unterirdische Schächte, bis ans andere Ende. Besetzt.
So beginnt Krzysztof Kieslowskis Film „Drei Farben Rot“.

Der Mann versucht es nochmals, ehe er aufgibt und seine Wohnung verlässt. Die Kamera begleitet ihn hinaus, um dann auf den Häuserblock gegenüber zu schwenken, fährt die Hausmauer hoch, vom kleinen Cafe im Erdgeschoss, hinauf zur Wohnung im 1. Stock, das Fenster ist geöffnet, wir treten ein. Es ist die Wohnung von Valentine (Irène Jakob), Studentin in Genf, Nebenjob Fotomodell und zurzeit Plakatmädchen für eine Kaugummiwerbung. Das Telefon läutet. Sie schafft es gerade noch den Hörer abzuheben – Michel, ihr Freund, gerade in England, ist am anderen Ende des Apparates. Die Kamera lässt uns zu VoyeurInnen werden, und gleichzeitig zu BelauscherInnen eines intimen Gespräches. Sie vermisst ihn. Fühlt sich alleine: „Ich habe gestern abend deine Jacke mit ins Bett genommen.“
Der Zufall führt sie eines Abends in das Haus eines pensionierten Richters (Jean-Louis Trintignant), dessen nunmehrige Beschäftigung darin liegt, die Telefongespräche sämtlicher NachbarInnen abzuhören. Valentine ist schockiert. Ihr Gespür für jene Dinge im Leben, die verkehrt laufen, und ihre Eigenschaft, nicht einfach zuzusehen, sondern zu handeln, lassen sie Verachtung spüren für den ehemaligen Richter. „Warum hören sie nicht auf zu atmen?“, fragt sie ihn einmal, „Eine gute Idee“, sagt er. Und doch fühlt sich Valentine seltsam angezogen vom alten Mann und kehrt immer wieder zurück in sein Haus …
Belauscht wird auch jener Mann, der im Haus gegenüber von Valentine wohnt, Auguste (Jean-Pierre Lorit), da seine Freundin zufälligerweise im Nebenhaus des alten Richters lebt. Auguste hat gerade sein Jurastudium beendet und als Richter zu arbeiten begonnen. Fast täglich kreuzen sich die Lebenswege von Valentine und Auguste, ohne dass sie je Kenntnis voneinander nehmen. Und ebenso mysteriös scheinen sich einzelne Erlebnisse des pensionierten Richters in Augustes Leben zu wiederholen.
Das Leben aller ist merkwürdig verkettet miteinander, der Film voll mit Orten, die bereits zu anderen Zeitpunkten im Film (unbewusst) gesehen wurden, Zufällen und Vorahnungen, Verweisen auf Geschehnisse und Personen innerhalb des Films, und Andeutungen auf die ersten beiden Filme der Trilogie. Blau, Weiß und Rot – die Reihenfolge der Filme stimmt überein mit der Farbgebung der französischen Nationalflagge. Und die Themen folgen der Parole der französischen Revolution: Liberté, Égalité, Fraternité. Brüderlichkeit, oder gendergerecht ausgedrückt, Geschwisterlichkeit, als Grundthematik des Films „Drei Farben Rot“.
Es sind die kleinen Details im Film, die enorme Aussagekraft bergen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Die Großaufnahme einer zerknüllten Marlboro-Schachtel neben einem zerbrochenen Bierglas genügt, um damit auszudrücken, dass Auguste von seiner Freundin verlassen wurde, Schmerz inklusive. In solchen Momenten zeigt sich die ganze Schönheit des Kinos.
Ebenso wie in einer ausgeklügelten Farbgebung. Die Farbe Rot wird teils subtil, teils effektvoll eingesetzt. Einmal ist es Valentines blutverschmierter Zeigefinger, der als Suchhilfe über eine Landkarte fährt, eine andere Einstellung zeigt das rote Bremslicht in Großaufnahme und lässt uns erahnen, dass bald etwas Schreckliches passieren wird …
Kieslowski versteht es, filmische Mittel irritierend einzusetzen: Spiegelungen im Glas sind erst auf einen zweiten Blick als solche erkennbar. Die Kamera führt bei manchen Szenen ein Eigenleben, nimmt scheinbar die Perspektive der Protagonistin ein, und entpuppt sich am Ende der Szene doch als eigenständig. Die ZuseherInnen werden dadurch in ihrer BeobachterInnenposition entlarvt. Und sind so dem Richter in Rente in seiner Tätigkeit des Spionierens gar nicht so unähnlich.
Wer hat das Recht über Unrecht zu urteilen? Ist die Tatsache, über wahr und unwahr entscheiden zu können, ein Mangel an Bescheidenheit, pure Eitelkeit? „Wenn ich an deren Stelle wäre, würde ich das gleiche tun“, so der Richter zu Valentine, „Stehlen, Lügen. Selbstverständlich. Alles hängt davon ab, dass ich in meiner Haut stecke und nicht in ihrer.“ Er spricht aus Erfahrungen, und aus Enttäuschungen.
„Drei Farben Rot“ ist darüber hinaus ein Film über jene unglaublichen Zufälle im Leben, die an Vorbestimmung denken lassen, ein Film über Freundschaft und Menschlichkeit. Ohne dabei moralisierend zu sein. Kieslowski urteilt nicht. Anstelle eines Punktes, setzt er ein Komma. Durch seine offene Erzählweise bleiben Leerstellen, Fragen, es liegt an den ZuseherInnen ihre je eigenen Interpretationen und Positionen zu finden. „Drei Farben Rot“ ist einer jener seltenen Filme, die, mit mehrmaligem Sehen an Tiefe gewinnen.

Kommentare

Am 25.2. auf Arte!

Wer diesen Film im Fernsehen sehen will, sollte sich am 25. Februar um 21.00 Uhr vor die Glotze begeben und auf das Programm ARTE schalten!

(Und wer ihn - wie in der Rezension empfohlen - mehrmals sehen will, hat dann auch noch am 06.03.2008 um 14:55 die Gelegenheit dazu, da gibts nämlich eine Wiederholung)

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.