Über Gott und die Welt

„Was weißt du, was Wünsche sind! Was weißt du, was gut ist!“
Graógramán, der bunte Tod, in der Unendlichen Geschichte (Michael Ende)

Pik AssLaut Grassmanns Wörterbuch zum Rigveda ist die Bedeutung der Wurzel √div „spielen“, deva bezeichnet im Altindischen den Spieler, insbesondere den Würfelspieler. Wie weiter bekannt, ist deva aber auch der Standardterminus für „Gott“ in den altindischen Sprachen und wie allgemein angenommen wird, ein östlicher Verwandter des griechischen θεός und des lateinischen deus, des althochdeutschen ziu und des hethitischen sius in der großen indoeuropäischen Sprachfamilie. Der Gott, ein Spieler also. Diese Idee taucht auch später wieder ganz massiv in allen möglichen indischen Traditionen auf, wo vom Spiel (līlā) Gottes die Rede ist: Die gesamte Schöpfung, unsere Welt, unser Leben ist ein bloßes Spiel Gottes – Ausdruck seiner vollkommenen Freiheit.

Aber auch christliche MystikerInnen sprechen gerne davon, dass Gott mit uns spielt. Insbesondere Mechthild von Magdeburgs Beschreibungen der Minnespiele zwischen Jesus und den Jungfrauen im Himmel erinnern direkt an Krishnas Spiele mit den Hirtenmädchen. Und ihre Beschwerden, dass Gott mit den Seelen der Menschen spielt, scheinen vergleichbare Texte aus der indischen Bhakti-Literatur widerzuspiegeln.

Gott spielt.

Und auch wenn der zu Beginn angeführte sprachwissenschaftliche Konnex tatsächlich überhaupt nicht besteht, da deva (im Sinne von Gott) nichts mit der langvokaligen Wurzel √div zu tun hat, sondern vielmehr auf das Nomen div (Himmel) zurückzuführen ist und insofern einen Himmlischen bezeichnet, bleibe ich dennoch dabei: Gott spielt mit uns. Gott ist wie ein Kind, er ist allein in seiner weiten Leere, ihm ist langweilig. Er nutzt seine Fähigkeit, seine Schöpferkraft und schafft sich Spielzeug, einen Kosmos, eine Welt, Lebewesen, die diese bevölkern und schließlich ein Wesen nach seinem Ebenbild. Eine Puppe, mit der er in seinem neu geschaffenen Puppenhaus spielen kann, die er selbst spielen lassen will zu seinem Vergnügen, der er seine restliche Schöpfung als Spielzeug gibt … solange er nur selbst der größte Spieler bleibt.

Karo Dame „Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte. Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. (Gen 2.15, 18-19)

Da Gott nun nicht mehr allein ist, da es nun plötzlich Spielzeug um ihn gibt, das eine gewisse Eigenständigkeit an den Tag legt, braucht es Spielregeln.

Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben. (Gen 2.16-17)

Das gilt natürlich nicht für Gott selbst – er spielt unbegrenzt und allumfassend –, aber für seine Puppen – nicht, dass sie ihm auf der Nase herumtanzen und sein unbegrenztes Spiel einengen. Für Puppen kann eben nicht die gleiche Freiheit gelten wie für den höchsten Spieler. Sie sind Spielzeug, Objekte. Und was macht ein Kind, wenn sein Spielzeug nicht so funktioniert wie es soll? Es wird zornig, hat es nicht mehr lieb und wirft es in die Ecke – oder aus dem Paradies. Soll es doch selbst schau’n wie es zurechtkommt, ohne seine Hilfe. Und wenn es dann reumütig zurückkehrt – na gut, dann kann man Gnade vor Recht ergehen lassen und das Spielzeug in den versprochenen Himmel lassen. Aber soweit sind wir noch nicht. Nach wie vor liegen wir in der Ecke herum und hoffen auf Gottes Aufmerksamkeit, hassen ihn für seine Ignoranz oder haben überhaupt schon vergessen, dass es ihn gibt. Eine ziemlich aussichtslose Situation also für ein versöhnliches Ende. Und auch wenn uns Gott hie und da die Hand hingehalten hat, mit einer Sintflut die Spreu vom Weizen getrennt hat, uns Gebote geschickt hat, die uns wieder auf den rechten Weg führen könnten, sogar sich selbst in der Gestalt seines Sohnes unser angenommen und uns Schuldenerlass angeboten hat, wenn wir doch nur endlich brav seien – die meiste Zeit scheint es doch so, als ob ihm sein Spielzeug etwas langweilig oder widerwärtig geworden ist und er sich lieber mit Vergnüglicherem die Zeit vertreibt, weiß Gott womit.
Erstaunlich, wie menschlich das Verhalten Gottes wirkt. Kein Wunder, denn entweder hat er uns nach seinem Abbild, oder wir ihn nach unserem Abbild erschaffen. Wie dem auch immer sei, eigentlich spielt es gar keine Rolle, jedenfalls existiert er und ist mächtig – mächtig, weil er Vorbild seines Abbilds ist. Wie können wir anders, als zu versuchen, wie Gott zu sein? Wohin mit unserer Schöpferkraft? Das gewöhnliche menschliche Spiel hat seine Grenzen, seine Regeln; wer sich allmächtig fühlt, spielt Gott. Pharaonen, Alexander der Große, römische Kaiser, ehrgeizige Politiker moderner Weltreiche, Wissenschaftler im goldenen Zeitalter der Naturwissenschaften.

Freier Wille

„Tu was du willst“ ist die Botschaft auf dem Medaillon, das Bastian in Michael Endes Unendlicher Geschichte erhält. Sein Auftrag ist es, durch seine Schöpferkraft, die in seinen Wünschen besteht, Phantasien – eine märchenhafte Parallelwelt, die unsere eigene Phantasie darstellt – neu zu gestalten. Schmerzhaft muss er allerdings feststellen, dass diese Maxime nicht die reine Willkür meint, der er – berauscht durch seine Allmachtsgefühle – zunächst auf den Leim geht. Er gerät in Konflikt mit seiner eigenen Schöpfung und es bricht Krieg aus in Phantasien, da er tut, was ihm beliebt, nicht was seinem innersten Willen entspricht, den er erst entdecken muss, um Phantasien und damit auch die äussere Welt tatsächlich zu heilen. Klingt esoterisch? Das ist es wohl auch, man kann vermutlich nicht ganz ausschließen, dass Michael Ende sich bewusst war, dass er hier den zentralen Satz aus dem Liber AL vel Legis von Aleister Crowley, einer schillernden Figur aus der Zeit der Jahrhundertwende, weiterverwendete: „Do what thou wilt shall be the whole of the Law“. Crowley, der angefangen von gefährlichen Bergbesteigungen und – für seine Zeit – freizügstem Umgang mit der Sexualität über Drogenexperimente, Freimaurermitgliedschaften, Geheimbund- und Klostergründungen bis hin zu dubiosen Ritualen und esoterischer Magie so ziemlich alles tat, was er gerade wollte, legte zwar nach eigenen Aussagen darauf Wert, dass er diesen Satz nicht als ein „tu, was dir gerade beliebt“ sondern als ein „erkunde was dein innerster Wille ist und handle danach“, lebte aber auch gemäß dieser Auslegung nicht gerade das Leben eines prophetischen Vorbilds oder gar Heilands, als welcher er 1925 bei einem okkulten Treffen ausgerufen wurde.
Um Michael Ende von diesem Vorwurf etwas reinzuwaschen, sei aber auch noch auf Augustinus verwiesen, der wohl beiden als Inspiration gedient haben dürfte: dilige, et quod vis fac. Liebe, und was du willst, das tue. Kurz gefasst und den Originalkontext berücksichtigend gibt Augustinus damit die Maxime, man solle stets aus Liebe handeln. Was diese Liebe genau ist, wurde viel diskutiert und soll in diesem ohnhin viel zu langen Artikel nicht nochmal angerissen werden. Ganz sicher aber verlangt Augustinus, dass das Handeln erst geschehen soll, nachdem man bezüglich der Handlung mit sich im Reinen ist – und das ist wohl auch die Botschaft, die Bastian in der Unendlichen Geschichte erst richtig verstehen muss. Da hilft kein langwieriger Gesetzestext; er muss selbst verstehen, was seine eigenen Regeln sind, um sein Spiel richtig zu spielen. Und auch hier ist es letztendlich die Liebe, die ihn wieder zurück in unsere Welt führt und einen besseren Menschen werden lässt.
Allen drei Autoren – Ende, Crowley und Augustinus – ist wohl gemeinsam, dass sie von einer Grundqualität im Menschen ausgehen, die ihn leiten und ihm das beste und einzige Gesetz sein kann, wenn er sich ihrer nur bewusst wird.

Spielregeln

Was ist nun aber, wenn uns Regeln vorgeschrieben werden? Wenn man plötzlich nicht mehr von einem Apfelbaum essen darf, wenn lügen, töten, nach Fremdem verlangen, stehlen usw. verboten wird, wenn diese Regeln bis ins kleinste Detail weiter ausgearbeitet werden? Dann führen wir ein geregeltes Leben und fühlen uns sicher. Wenn dann zu unserer Sicherheit Institutionen eingerichtet werden, die darauf achten, dass die­se Regeln auch eingehalten werden? Dann sind wir erleichtert, dass wir nicht selbst ihre Einhaltung sichern müssen. Wenn dann diese Institutionen mit dem entsprechenden Instrumentarium ausgerüstet werden, um gegen die immer erfinderischeren Regelbrecher vorgehen zu können? Dann sind wir beruhigt, dass es Leute gibt, die sich um diese Probleme kümmern und wir unseren eigenen nachgehen können. Und wenn wir nicht aufpassen, merken wir nicht, wie wir Schritt für Schritt unsere eigene Urteilskraft, unsere Zivilcourage und unsere Freiheiten verlieren und zu Spielsteinen (oder Puppen) werden – beruhigt, gelähmt und eingeschläfert von unserer eigenen Sicherheit. Wir spielen nicht mehr, mit uns wird gespielt. „Tu was du willst“ gilt nur für diejenigen, die die Regeln entwerfen, die das Spiel bestimmen und spielen.
„The leaders of the free world are just little boys throwing stones“ singt die eigentlich völlig unpolitsche britische Band Elbow – belustigt über das kindische Verhalten gewisser Personen. Sie spielen ja nur, die lieben Kleinen … diejenigen, die die Regeln machen, seien es nun Götter, Religionsstifter, Diktatoren, Schattenorganisationen oder gar demokratisch ge­­wählte Regierungen. Naja, und solange ihre Regeln halbwegs vernünftig sind, ist’s ja auch okay mitzuspielen, und wenn sie dann einmal ein bisschen mit Steinen werfen – solang’s uns halbwegs gut geht, wir in unserem Wohlstand, in unserer Sicherheit nicht direkt bedroht sind, kann man da auch einmal ein Auge zudrücken und gute Miene zu bösem Spiel machen. Aber halt! Können wir denn noch anders?
Nicht dass es ein Demonstrationsverbot oder ähnliches gibt. (Nicht bei uns, sowas gibt’s nur in Diktaturen.) Wir haben Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit, gewählte Volksvertreter und leidlich gesicherten Wohlstand. Wir haben einen Sicherheitsapparat, der uns vor Spielverderbern schützt, der unser System erhält. Unser System? Wie gesagt, Spielen tun die, die die Regeln bestimmen. Wir sind längst nur noch irrelevantes Stimmvieh, Spielsteine, die glauben gemacht werden, dass sie den Spielfluss mitbestimmen. Und obwohl die meisten das ohnehin nicht mehr glauben, spielen sie dennoch mit, lassen mit sich spielen und spielen den Spielmachern in die Hände.
Genug der Wirtshaus-Tiraden.

Neue Regeln

Kreuz KönigDas Problem unserer Zeit ist, dass gewisse Kreise versuchen, unter anderen Vorzeichen als damals Kontrollstaaten zu errichten wie sie es in gewissem Ausmaß in Osteuropa bereits gab, wie es in China nach wie vor einen gibt. China, die neue große Weltmacht der Zukunft, elitär gelenkter Turbokapitalismus, feste Kontrolle der Bevölkerung, niedriges Lohniveau, durch marginale Arbeitnehmerrechte günstiges Investitionsklima für Unternehmer, gewaltiger zukünftiger Markt, wenn das Lohnniveau etwas steigt. Welche Regierung sollte da nicht neidisch werden? Kein Wunder also, dass der inzwischen aus gesundheitlichen Gründen zurückgetretene Präsident des österreichischen Verfassungsgerichtshofs, Karl Korinek, feststellt, dass ihn die Überwachungsmethoden in Österreich an jene der Stasi der ehemaligen DDR erinnerten. Der Unterschied ist, dass die technischen Möglichkeiten um ein Vielfaches größer und ausgefeilter sind. Dank hervorragender Abhörmethoden konnte vor einiger Zeit auch Österreich erste Erfolge im Krieg gegen den Terror verbuchen: ein junges Islamistenpärchen konnte rechtzeitig hinter Gitter gebracht werden, bevor es sich unter Umständen dazu entschlossen hätte, einen Anschlag zu planen.
Da wären wir nun also endlich beim leidigen Thema „Krieg gegen den Terror“, von dem wir bisher im Bagger glücklicherweise verschont wurden. Aber jetzt muss es doch sein. „Der Terror“ ist ein boshafter Kriegsgegner. Man kann sich nie so ganz sicher sein, ob er schon besiegt ist. Deshalb muss man auch immer auf der Hut vor ihm sein, denn gerade wenn man es am wenigsten erwartet, ist er plötzlich wieder da. Deshalb muss man stets gerüstet sein gegen ihn. Man muss ihn in Schach halten und am besten im Keim ersticken – das ist aber bisher nicht gelungen. Außerdem macht er den Leuten Angst, weshalb man sie ganz besonders vor ihm schützen muss. Geben tut es ihn schon länger, zwar nicht so sehr bei uns (bis auf ein paar Briefbomber und ähnliches, auf die wir ja fast schon stolz sind), und vor allem nicht global. Früher war er z.B. in Nordirland oder in Spanien lokalisiert – heute kann er immer und überall zuschlagen. Den Krieg erklären musste man ihm nach dem 11. September 2001 – aus allgemein bekannten Gründen. Seine Truppen nennt man Islamisten. Er ist kein eigener Staat. Das macht aber nichts, da kann man nämlich Stellvertreterkriege führen, in sogenannten Schurkenstaaten, die höchstwahrscheinlich Islamisten beherbergen und den Terror fördern – wenn nicht vor dem Krieg, dann auf jeden Fall danach. Bisher wurden zwei solche Schurkenstaaten erledigt. Der nächste kommt auch bald dran. „Die haben meine größte Sandburg kaputt gemacht! Denen zerstör’ ich die ganze Sandkiste!“
Aber das ist nicht das ganze Problem. Im Hintergrund läuft da noch ein viel größeres Spiel. Die bipolare Weltordnung hat sich aufgelöst, die Phase der multipolaren Prägung ist nur eine Übergangsphase, die Globalisierung verlangt nach einer globalen Ordnung. Die Frage ist: Wer darf die Spielregeln aufstellen?

Bin ich nun ein Spinner, wenn ich mir mit dieser Ansicht noch Gedanken darüber mache, ob ich mit den Regeln einverstanden bin? Wenn ich da noch mein eigenes Spiel spielen will? Vielleicht. Ich hoffe nicht. Denk, was du willst.

Weiterführende Literatur:
Michel Ende: Momo.
Michel Ende: Die Unendliche Geschichte.
Bardo Weiß: Die deutschen Mystikerinnen und ihr Gottesbild.

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