Brot und Spiele

Vergangenen März rettete Josef Hader das kleine Theater am Alsergrund vor dem Aus. Die Stadt Wien hatte verabsäumt, bereits in Aussicht gestellte Subventionen auszubezahlen. Also hat Hader die Garantie abgegeben, zumindest bis Ende September für den Spielbetrieb im Alsergrund aufzukommen und das benötigte Geld aus der Privatkassa vorzuschießen.
Die Bühne für Nachwuchstalente wird seit wenigen Wochen vom Kabarett-Duo Buchgraber & Brandl geleitet. Im vergangenen Herbst haben die beiden Steirer den Goldenen Kleinkunstnagel 2008 gewonnen. Buchgraber & Brandl über Leben und Überleben mit der Ware Humor.

c Markus Schöller Welche besondere Beziehung hat Josef Hader zum Theater am Alsergrund?
Bu: Er hat in seinen Anfängen oft hier gespielt und mag das Theater. Er spielt auch heute noch manchmal hier.

Warum zahlt die Stadt eigentlich nicht?
Br: Ich glaub, die haben einfach kein Geld. Wir gehen aber nach wie vor davon aus, dass die Stadt tun wird, was sie zugesagt hat.

Kabarettsubventionierung war ja schon immer eine schwierige Sache.
Br: Einen Künstler zu subventionieren kann gefährlich sein. Er macht sich abhängig von der Stadt, beraubt sich selber seines „Zieles“, wenn er politisches Kabarett macht. In unserem Fall sehe ich das anders, weil wir ein Theater sind, das eine Plattform für Nachwuchstalente bietet. Der Poier hat hier genauso angefangen wie der Klaus Eckel. Der Platz, an dem Leute anfangen können, muss vorhanden sein, sonst richtest du dir irgendwann deine Szene zu Grunde.
Bu: Deswegen hoffen wir, dass das auch die Stadt so sieht und sich an dieser Nachwuchsförderung beteiligt. Wien rühmt sich auch immer wieder gerne, eine Theater- und Kabarett-Stadt zu sein. Dann sollte man etwas dafür tun.

Warum ist es so schwierig Publikum zu bekommen?
Bu: Weil die Leute immer seltener bereit sind, ein Risiko einzugehen. Wenn ich mir einen jungen Künstler anschaue, dann hab ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich bin sensationell begeistert oder ich denke mir: Jetzt weiß ich auch, warum den keiner kennt … Die Leute gehen sehr wohl zu den bekannten Kabarettisten. Oder zu den Lokalgrößen wie den Thomas Stipsits in Graz. Und dann gibt’s einen ganzen Haufen junger Leute, die das Potenzial haben, einmal groß zu werden. Aber die Risikobereitschaft der Leute, sich die anzuschauen, ist geschrumpft.

Ist die Situation für Kabarettbühnen unterschiedlich in Graz und Wien?
Br: Das Theatercafé „Hin und wieder“ ist in Graz die einzige klassische kleine Kabarettbühne, seit 25 Jahren der Platzhirsch. Die haben in dem Sinn keine Sorgen wie in Wien.

Was ist für dich „klassisches Kabarett“?
Bu: Was ist Kabarett? Und wo ist die Abgrenzung zwischen Kabarett und Comedy? Ich versuch seit Ewigkeiten draufzukommen, aber ich komm nicht drauf.

Macht ihr Kabarett oder Comedy?
Br: Wir machen definitiv Kabarett. Comedy ist leichtgängiger. Kabarett kann auch durchaus ernste Noten vertragen. Von Comedy erwarte ich mir, dass ich zwei Stunden lache, aber ein Kabarettabend sollte durchaus auch Nachdenkliches beinhalten.

Ihr macht in eurem Kabarett einen großen Spagat zwischen leichtem Humor und nachdenklichen Momenten. Ist es gut, die Schere groß aufzumachen?
Br: Für uns funktioniert die Schere zwischen ernst und lustig ganz gut. Ich mag es, auf einmal einen Haken zu schlagen und das Publikum unvorbereitet zu erwischen. Ich möchte es einmal schaffen, dass dem Publikum ein Lacher im Hals stecken bleibt. Dass die zum Lachen anfangen und mit einem Wort mehr die Stimmung abgewürgt wird. Damit kann man die größte Betroffenheit erzielen.

Wie seht ihr euch im Vergleich zu Hader, Dorfer, Düringer? Nur ein Unterschied im Bekanntheitsgrad?
Bu: Der grundsätzliche Unterschied besteht in der Struktur. Wir sind ein Duo. Momentan gibt es wenige Duos, das ist grundsätzlich reizvoll. Ein Dialog zu zweit auf der Bühne funktioniert anders, als wenn ihn einer darstellt. Du kannst allein nicht so schnell reagieren, nonverbale Reaktionen sind fast unmöglich bzw. viel langsamer und schwerfälliger. Und die vierte Wand macht für mich einen Unterschied.

Was ist das?
Bu: Die Bühne hat drei Wände. Die vierte Wand ist die, die zum Publikum geht. Die kann offen sein oder zu. Wenn ich wie der Dorfer oder Düringer mit dem Publikum spreche, dann gibt’s die vierte Wand nicht. Bei uns ist die vierte Wand fast immer da. Wir sind uns des Publikums nicht bewusst. Wir haben diesen Raum und das Publikum schaut uns zu. Das macht auch ein bisschen den Unterschied zwischen Kabarett und Comedy aus. Bei Comedy gibt’s immer einen, der den Leuten etwas erzählt. Und Kabarett ist eine in sich geschlossene Sequenz.
Br: Thematisch gibt’s den Unterschied, dass der Dorfer zum Beispiel politisch ist. Das sind wir nicht. Wir konzentrieren uns lieber auf sozio-gesellschaftliche Themen.

Wann findet ihr andere peinlich oder schlecht?
Br: Es gibt Leute, die gehen in ihrer Performance zu weit. Stermann und Grissemann über den Petzner war Schmerzgrenze. Man ist hin und hergerissen zwischen den zwei Extremen „Wow, ist das geil“ und „Das tut total weh.“ Sie setzen die Provokation bewusst so hoch an, dass es schmerzt, man aber trotzdem lachen muss. Das ist gefährlich und kann kippen.

Was ist eure Schmerzgrenze?
Br: Beim letzten Stück haben wir die Zugabe in der Unterhose gespielt. Der Martin besteht ja nur aus Muskeln – ich ja nicht nur (lacht). Genau damit haben wir gespielt. Solange man sich selber verarscht, find ich’s nie peinlich. Es sei denn, man macht einen Seelenstriptease.

Stichwort: Selbst verarschen – Findet ihr euch selbst lustig?
Bu: Jetzt oder auf der Bühne?

Auf der Bühne.
Br: Es gibt gewisse Stellen, wo man sich beim Schreiben schon freut: Das gibt einen Lacher. Umso schöner, wenn das dann auch auf der Bühne aufgeht. Ich hasse es aber, wenn jemand auf die Bühne kommt und man ihm schon ansieht, wie ihm der Schelm aus den Augen springt, weil er von sich selbst überzeugt ist, dass er so lustig ist. Ich möchte die Pointe so trocken wie möglich servieren.

Wie machst du das?
Br: Ich bin der Dirigent. Ich kann das Publikum führen. Wenn man eine Pointe richtig setzt, weißt du genau: Wenn ich das EINE Wort sage, dann ist die Pointe da. Das macht total Spaß. Wenn ich über den Schmäh schon vorher lache, dann schieß ich die Pointe ab.

c Markus SchöllerWas habt ihr am Anfang für Fehler gemacht?
Bu: Man vertraut seiner Geschichte und sich selber zu wenig. Man fängt zum Hudeln an. Der integrale Bestandteil ist, dass das Timing stimmt. Man muss den Leuten auch die Zeit zum Nachdenken und Reagieren geben. Bisher hatten wir 250 Vorstellungen mit allen Programmen. Da lernt man sich sehr gut kennen. Wir wissen, was wann zu tun ist.

Langweilt ihr euch manchmal?
Br: Langweilen nie, aber es gibt Abende, an denen ich mich dabei ertappe, an etwas völlig anderes zu denken … was ich morgen zu tun habe oder so. Das darf natürlich eigentlich nicht passieren.

Fühlt ihr euch oft unter Druck gesetzt, lustig zu sein?
Bu: Unter Freunden nicht. Manchmal, wenn man sagt, dass man Kabarettist ist, erwarten sich die Leute sofort eine Wuchtel nach der anderen. Das zipft mich dann an. Und in Radiointerviews steht man unter Druck, gut rüber zu kommen. Da fehlt uns noch die Routine.

Schwieriger Job eigentlich. Humor als Kompetenz.
Bu: Es ist gar nicht so leicht, Leute richtig zum Lachen zu bringen.

Darf man über alles lachen?
Br: Ich glaube schon, dass man grundsätzlich thematisch über alles lachen können muss. Es gibt natürlich extrem geschmacklose Witze, Stichwort Amstetten, Kampusch. Ein Opfer zu verarschen, finde ich nicht okay. Zum Beispiel Flüchtlinge, die in einem Boot sitzen.
Bu: Aber Humor ist eine Möglichkeit, Sachen aufzuarbeiten. Während des Zweiten Weltkriegs gab’s viele Judenwitze von Juden. Sogar die meistverfolgte Bevölkerungsgruppe hat es geschafft, die Situation ins Absurde zu drehen, als Form der Bewältigung. Das ist natürlich eine Gratwanderung: Wer erzählt den Witz? Wer darf den erzählen?

*Ihr in eurer Funktion als Theaterleiter: Was wollt ihr erreichen? Ein Sprungbrett bieten? *
Br: Das Hauptproblem wird sein, zu entscheiden, wen wir spielen lassen und wen nicht. Ich ziehe den Ruf des Theaters runter, wenn ich Leute spielen lasse, die nicht gut sind. Ich möchte, dass die Leute herkommen und wissen, dass sie etwas mit einem gewissen Level sehen – auch wenn es nicht unbedingt ihr Humor ist.

Seid ihr Professionelle oder macht ihr Dilettantismus?
Bu: Dilettantismus ist es sicher nicht. Das traue ich mich mittlerweile aus voller Brust zu sagen. Wir machen jetzt den Schritt in Richtung Professionalität. Wir müssen überlegen, wie wir unser „Produkt“ am besten auf die Bühne bekommen, wie man es entsprechend verscherbelt. Insofern ist es professionell.
Was noch abzuwarten ist, ist wie erfolgreich es ist.

Was sind eure Ziele?
Br: Davon ganz normal leben zu können. Wir müssen noch schauen, dass der Job im Theater und als Kabarettist wirtschaftlich gut läuft.
Bu: Im Endeffekt musst du jeden Auftritt spielen, den du kriegst. Wir würden nicht für jede Partei spielen. Aber selektiv zu sein können wir uns nicht leisten. Vielleicht später einmal. Wenn wir dann reich und berühmt sind und ganz viele Frauen haben, die uns nachrennen (lacht).
Wie lange hält der Idealismus, den man in der Branche braucht, an?
Bu: Das sag ich dir, wenn er aus ist. Mein Idealismus ist ungebrochen.

Nie ein „Mist, wär’ ich doch Banker geworden“? – Wobei das momentan auch nicht der Traumjob ist.
Br: (lacht) – Nein, um Gottes Willen! Die Entscheidung, Kabarett zu machen, bereue ich nie. Wir verankern uns in der Erinnerung unseres Publikums. Alleine zu wissen, dass du es schaffst, dem Publikum – sind das zehn Leute oder 200 – einen Abend zu bescheren, den sie in der Form nicht noch einmal erleben werden, weil die Show einzigartig ist, – alleine das ist ein total geiles Gefühl.

Viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch.

Buchgraber & Brandl

Eigentlich ist Martin Buchgraber Jurist, Joachim Brandl hat ein Diplom in Anglizistik. Ihr erster gemeinsamer Schmähversuch in Graz vor fünf Jahren war aber so erfolgreich, dass die beiden Steirer alsbald beschlossen, die humoristische Zusammenarbeit weiterzuführen. Erfolgreich heißt: Kaum auf der Bühne, hatten sie auch schon den 2. Preis des Grazer Kleinkunstwettbewerbs in der Tasche. Seit diesem denk/würdigen Moment folgten drei merk/würdige Programme, von Buchgraber & Brandl geschrieben, vom renommierten Simpl-Regisseur Bernhard Murg auf die Bühne gebracht. Für „Schuss damit!“ gab’s im vergangenen November sogar den Goldenen Kleinkunstnagel.
Im aktuellen Programm „Alles … und das sofort“ kann sich der Zuschauer ein Bild von einem Duo machen, das die letzten Jahre damit verbracht hat, sein Talent fein zu polieren und auf der Bühne für überzeugende Glanzmomente sorgt. Die Casting-Kultur ist darin dankbares Thema, originell und vielseitig auf die Bühne gebracht.

Infos:
www.buchgraberundbrandl.at
www.alsergrund.com

Das Theater am Alsergrund macht vom 26. Juni bis 13. September Sommerpause.
Buchgraber & Brandl gibt’s wieder am:
20. September 2009: „Alles …und das sofort!“
21. September 2009: „Denk nicht an Morgen!“ (ihr erstes Programm)
Beginn jeweils 19:30 Uhr
Wo?
Theater am Alsergrund, Löblichgasse 5-7

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