Buddhistisches Vakuum, meditativ

Diese Leerheit ist eine ganz andere als unsere normale, menschliche gähnende Leerheit. Buddhistische Leerheit gähnt nämlich nicht: ist eine NYE, Not Yawning Emptiness. Wie hats eigentlich bei den Buddhisten angefangen, diese Lehre der Leerheit? (Was Buddhismus ungefähr ist, wissen heute die meisten aus den Hollywood-Filmen.)

Buddhisten sind die Alten, die Braadn und die Zenmaasta — das Wort zen kommt vom chinesischen čchang (Bier), und das wiederum vom Sanskrit-Wort suff (Meditation). Zenmaasta praktizieren dzuō čchan oder zazen, „Meditation im Sitzen“, also sitzen ständig umatum.

Die folgende Lehre der Alten ist wirklich sehr interessant. Zuerst die übliche buddhistische Pasta — es gibt keine ewige Substanz, keine ewige Materie — aber dann wird es spannender (passt auf, ich pass auch auf):
Alles, was wir sehen, erleben, wahrnehmen, denken usw., besteht aus Daseinselementen, dharmas. Das Wort bedeutet einfach ein Dings. Diese Dharmas tragen wiederum eine Eigenschaft — aber jeder Dharma nur eine einzige. Und: Sonst gibt es nichts: alles was ist, ist ein Dharma oder besteht aus Dharmas. Auch nirvāna (Befreiung von allem, was du nicht magst, auch Erlöschen genannt, mit oder ohne Schrotflinte) ist ein Dharma.
Die Alles-existiert-Schule zählt 75 Dharmas auf. Die meisten von ihnen sind abstrakt: Qualitäten, Zustände, Beziehungen usw. Elf sind materiell. Insgesamt gibt es 72 salopp ausgedrückt „bedingte Dharmas“. Dann haben wir drei „unbedingte Dharmas“: Raum und zwei Arten von Nirvāna. Raum ist jedoch nicht wie eine Bagger-Kabine, wo etwas hineingelegt werden kann (BaggerfahrerIn, Kiste Bier, Bibliothek, Kastenwesen), sondern eher eine Eigenschaft, dass hier Raum ist und dass hier nichts im Weg steht und stört.
Die bedingten Dharmas, die 72 Stück, also alle bis auf die drei unbedingten, sind in den „Rahmen“ der fünf Aggregate eingeschlossen. Und aus diesen fünf Aggregaten bestehst du und auch ich. Und sonst gibt es nichts. Nichts! Ist das nicht lustig? Wo bleibt die Welt? Für die bleibt kein einziger Dharma übrig. Aber da die Welt (deine/meine Welt) doch existiert, muss sie eben in deinen Dharmas, die deine Persona ausmachen, in deinen fünf Skandhas (Körper/Form, Empfindungen, Wahrnehmung, Sinneseindrücke/Geistesfaktoren und Be­wuss­tsein, alles lauter Dinger aus der Schul­psychologie) irgendwie sein. Im ersten Skandha sind die 11 materiellen Dharmas drinnen. Empfindungen, Wahrnehmung und Bewusstsein bestehen jeweils nur aus einem Dharma. Bleiben 58 Dharmas für das Bewusstsein. Ich hab´s nachgezählt.
Wenn die Welt nicht „draußen“ ist, bedeutet das einen subjektiven Idealismus wie bei Berkeley (esse = percipi, sein ist nichts als wahrgenommen zu sein)? Gar nicht, die Dharmas und Skandhas existieren auch ohne mich.
Und jetzt kommt noch was: Die Dharmas existieren nur einen Augenblick, die kürzeste mögliche Zeitspanne. Das Entstehen und das Vergehen passiert in einem einzigen Moment, nicht dass Dharmas in einem entstehen und in einem anderen vergehen. Wieso kommt es, dass wir überhaupt existieren? Weil es so etwas gibt wie „individueller Strom des Lebens oder Bewusstseins“, santāna genannt. Es gibt da keine Substanz, keine Seele, die Skandhas ändern sich ständig, aber so ein Flux, das Leben wie ein Prozess ist da. Vielleicht ein Vergleich: In der Schule wurde uns gesagt, dass sich unsere Zellen alle sieben Jahre austauschen, hier geht aber alles viel, viel schneller. Und nicht nur die Zellen, sondern jeder Bruchteil eines Gedanken usw. Ich bin ein santāna, du bist auch ein santāna. Und es gibt viele solche, aber „Welt“ ist da keine, und das Gitarrespielen musst du auch selber lernen, es ist nicht unbedingt drinnen.
Wo ist aber der, der das Ganze verursacht hatte, Gott? Na eben, es gibt keinen Dharma, wo er hineinpassen würde. Ist aber kein Makel an der schönen Lehre: Glaubt ja nicht, dass sich Gott darum schert, was sich ein Haufen Allesexistiertiker ausgedacht hatten. Das wäre dann doch kein Gott, QOD. Und das Ganze können wir auch ganz anders verstehen und interpretieren. Vielleicht gibt es zwischen den Dharmas doch irgendwelche Räumlichkeiten, die geheimnisvolle Leerheit, wo zwei Baggerfahrer, Satyr und Ernst, alles ständig umgraben.

Quellen:
Buddha: Collected Scriptures, Carudatta Press, Lucknow-Maitreya 1914.
Egon Bondy: Indická filosofie, Prag 1992.
Egon Bondy: Čínská filosofie, Prag 1993
Auf Sanskrit: Vasubandhu der Jüngere (5. Jh A.D.), Abhidharmakóša, alles gleich im ersten Kapitel.

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