Das bisschen Dekadenz wird uns nicht schaden: JA, PANIK

Ja, Panik ist zur Zeit vielleicht die zwingendste Band des Landes und das nicht ohne Grund: auf ihrem Zweitlingswerk The Taste And The Money (Schönwetter 2007) demonstrieren sie neben musikalischen Qualitäten (die Platte knallt!) auch inhaltliche Grösse (die Platte trifft!). Grund genug, sich den Texter, Gitarristen und Sänger Andreas Spechtl mal genauer vorzunehmen. Ende Februar hat die Kapelle ein sensationelles Auswärtsgastspiel im Berliner Bang-Bang-Club gegeben und im Anschluss wurde ein bierseliges Gespräch mitgeschnitten. Es ging dabei in erster Linie um inhaltliche Fragezeichen/Details – das mag mitunter wie penetrante Klugscheißerei wirken und auch so manche(n) verschrecken. Gut so.

„Die erste Ja, Panik Platte war ein Experiment und ein Austesten an sich selbst, die zweite war eigentlich von vorn herein viel durchgeplanter. Die Platte ist fast ein Konzeptalbum.“ Nicht nur gibt es retrospektiv ein Programm zur Platte (bei den Konzerten als charmante Reclam-Imitation zu erwerben), sondern auch in sich ruht die Platte in ihrer allgegenwärtigen Unruhe. Es geht um Selbstzerfleischung, Wut und Orientierungslosigkeit aber auch um Euphorie, Fremd- und Eigenliebe – vorgetragen mit großem Pathos und relativiert mit maximaler Wurstigkeit. Ein Thema, das Spechtl besonders belastet, ist der latente Sexismus, dem man sich im Rahmen einer Mann-schaft auch dann nur sehr schwer entziehen kann, wenn man lautstark dagegen revoltiert: „Unsere Existenz als Jungsband ist ja fast ein Hilfeschrei. Weil eigentlich sind wir ja auch nur das, was wir kritisieren. Wir sind halt auch nur eine Jungsband. Im Endeffekt: warum reißen wir großartig die Gosch’n auf? Wir sind ja eh genauso (…) und es ist einfach eine schreckliche Erkenntnis, wie es ist, wenn auf einmal eine Frau dabei ist, wie sich das Verhalten von jedem ändert.“

Dass Menschen nicht einfach Menschen sind, sondern bei jeder Gelegenheit vor dem jeweils begehrten Geschlecht Eindruck schinden ist zwar nachvollziehbar, aber eben auch sehr ernüchternd. Trockenheit und Bitternis jedweder Façon sind die Hassfiguren der Band, von denen sie sich demonstrativ distanzieren und so ihre eigenen Konturen schärfen, und das bedeutet auch, dass sie ihren Lebensstil auf Exzess ausrichten: „Ich find Exzess und Rausch super, weil es einfach ein gewisses Gegenstatement ist und das muss man schon machen. Und ich beweg mich schon in einem Umfeld, wo das oft auch übertrieben wird und so sind diese ganzen Texte auch zu verstehen. Ich mein: mach das und tu das, aber hab dich im Griff, Junge! Ja, Panik ist auf keinen Fall eine drogenverherrlichende Band, aber ich hab auch echt keinen Bock mich in den ganzen Wahnsinn einzufügen und ich stell mich gern mal wo hin bumhagelvoll und sag einfach: da – schaut mich an, ich bin ein intelligenter junger Mann und ich richt mich komplett zugrunde nur damit ihr seht, wie g’schissen eure Welt eigentlich ist. Aber im Endeffekt habe ich es trotzdem im Griff und ich bin ein denkender Mensch und ich hab keinen Bock daran zugrunde zu gehen.“ Da war er schon sehr betrunken und vielleicht lässt er sich an der Stelle etwas zu sehr in die Karten schauen, aber auch das zeichnet die Band aus: sie macht >Fehler< und gefällt sich darin ohne sich zu rechtfertigen. Freilich haben sie die großen Posen gelernt, aber es wäre ein schwerwiegender Fehler die Kapelle auf ihre „Lässigkeit“ zu reduzieren.

Darüber hinaus sind es die Normalität und die Normativität des Alltags, die mit größtmöglicher Leidenschaft torpediert werden: „Es gibt die grundsätzlichen Probleme der Freizeit und der Langeweile und die sind nicht gelöst. Die sind dadurch gelöst, dass man ruhig gestellt wird. Und so lang muss man sich mit aller Gewalt dem Exzess und dem Rausch hingeben, und die Dekadenz ist für mich eine der wenigen Möglichkeiten dem ganzen Scheiß, der da passiert, ins Gesicht zu spucken. Es ist natürlich eine Frechheit das zu praktizieren, aber es ist eines der wenigen klaren Statements. (…) Wenn du mich da oben siehst, dann glaub ruhig, dass ich ein wütender junger Mann bin, aber glaub nicht jedes Wort, das ich sing. (…) Im Endeffekt geht es ja darum, dass man sich etwas erschafft, dass es so ein kleines Ding gibt, dass es so einen Ansatz gibt und dann baut man drum herum ganz arg viel Fiktion auf. Also das ist arg übertrieben. Ja, Panik und die Ich-Figur sind überzogen und übertrieben. Sachen, die da als „Ich“ gesungen werden, die schnapp ich irgendwo auf. Das ist so ein Stimmungsfang meiner Umgebung – weil es halt im Popsong meistens ein „Ich“ braucht, damit er funktioniert.“

Fast alle österreichischen Bands singen entweder deutsch oder englisch und auch von den wenigen, die beide Sprachen verwenden wird kaum innerhalb eines Songs gewechselt. Bei Ja, Panik schleichen sich immer wieder mal plötzlich englische Zeilen ein, das „passiert so, (…) es fällt mir kurz ein und irgendwie find ich es zu gut um es wegzuschmeissen, dann denk ich mir: sing ich halt kurz englisch – kann ich echt nicht begründen genauer, aber ich find’s spannend.“ Diese intuitive Herangehensweise macht die Texte Spechtls generell sehr plastisch und lebendig. Das sind keine dekorativen Grußkärtchensprüche, sondern das ist der Versuch eines Menschen sich auszudrücken – auch wenn er selbst gern behauptet, er hätte alles nur geklaut bzw. mit den Augen anderer gesehen. Entscheidend ist, dass er eine Form findet, die „Zitathölle“ zu überwinden (selbst die Covernummer Satellite of Love wirkt nicht aufgesetzt). Diese Form manifestiert sich auch in den (Anti-)Reimfiguren und Strukturen der Songs allgemein: „Bei der zweiten Platte hab ich oft auch mal drauf verzichtet, dass sich was unbedingt reimen muss. Oft dann auch auf so Rap-Sachen zurückgegriffen, wo sich zwei Sachen hintereinander reimen oder auch nur so grob phonetisch was reimt. Es gibt ja viele >Reime<, die man singen kann, dass sie sich reimen. Wenn man es vorliest, reimt es sich nicht. Grad bei den lauten Stellen ist nur so ein phonetisches Gleichgewicht hergestellt, dass es irgendwie rund ist. Und es ist auch ganz weg von so Silbenfetisch. Also mein Traum ist ja eine Platte ohne Reim aufzunehmen und es trotzdem funktioniert.“ Ein stückweit hat er formale Kriterien jetzt schon überwunden und schlägt Haken, wo man sie nicht vermutet um an anderer Stelle extra-dick aufzutragen. Manchmal wär es vielleicht schöner, die Spannungsbögen würden sich lösen, aber so bleibt ein flimmerndes Fragezeichen und vielleicht hört sich die Platte gerade deshalb nicht ab. Auch die rotzige Produktion der Platte (simultan aufgenommen, kaum Overdubs, wenige, dafür aber sehr verzwickte Effekte) stützt den unverkrampften Charme – gerade weil er sich nicht jedem/jeder sofort eröffnet und manchen auf ewig verschlossen bleiben wird. Schließlich geht es bei Rockmusik doch auch und vor allem darum, sich ein Refugium zu schaffen, das der >Mehrheit< unergründlich bleibt und also etwas das nicht >besudelt< werden kann. (Dass es meinerseits nicht besonders cool ist zu sagen, Rockmusik sei eine im Grunde elitäre Angelegenheit, ändert freilich nichts an ihrer Funktion.)

„Ich sag, es sind Lügner, die in vorhandenen Formen irgendetwas neues schaffen wollen – das geht nicht.“ Das wäre jetzt ein schöner Schluss gewesen, aber so schnell kommt er damit nicht durch. Nach allem was gesungen, gesagt und geschrieben wurde, ist klar, dass er an die Option des gänzlich Neuen grundsätzlich nicht glaubt und ihm ohnehin nur das Wiederkauen bleibt. Ich habe schon mal geschrieben, dass ich die Band dennoch für eine der wenigen halte, die das Genre bereichern, anstatt es zu strapazieren. Freilich haben Ja, Panik das Spiel nicht erfunden, aber sie sind gut darin und sie dehnen die Regeln mit bewundernswerter Leichtigkeit und äußerster Vehemenz gleichermaßen.

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