Das Fußbad Jesu

Zum ersten Mal unangenehm aufgefallen waren sie ihm bei einer Hochzeit in Kanaa, Galiläa, auf der er und seine Apostel zu Gast waren.
„Was stinkt denn hier so, ist etwa ein Aussätziger unter uns?“, frug sich in seinem Geiste Jesus, der gerade dabei war, Wasser in Wein zu verwandeln.
Die Ursache seiner Nasenirritierung erkannte er in den Schweißlern des Petrus, der, seine Sandalen ausgezogen, neben ihm auf einem Sitzkissen lümmelte. Aber auch die andern Apostelfüße waren keinen Deut appetitlicher, wie sich in einer Sondersitzung zum Thema Apostelsche Fußpflege herausstellen sollte.
„Jessas Maria“, murrte Petrus, den Jesus zur Fußkontrolle mit elf weiteren Jüngern barfuß Habt Acht stehen ließ. Petrus war nicht der einzige Stinkfüßer.
Dem angewiderten Blick Jesu bot sich ein Meer aus eingewachsenen Zehennägeln, Nagelgrind, Zehenkäse, Hühneraugen, Kräuselhärchen und allem Erdenklichen, das auf schmutzigen Füßen zu finden ist.
„Herr im Himmel, eure Kasler sehen aus, als kämet ihr vom Tal der Leprakranken.“
Judas versuchte vergeblich seine Füße zu verleugnen und machte den daneben stehenden Matthäus für deren Geruch verantwortlich.
„Meine Herren, ich wünsche mir in Zukunft etwas mehr Körperpflege, vor allem was die Fußregion betrifft… Und wenn’s nicht anders geht, werd’ ich das regelmäßig kontrollieren müssen…“
Die nächsten Wochen taten sie wie Jesus von ihnen verlangt; bald aber hatten sie seine Fußpredigt vergessen und verfielen ihren alten, schleißigen Reinigungsritualen. Selbst Jesus war mit seinem Vorhaben inkonsequent, es gab ja schließlich viel wichtigere, wunderlichere Dinge zu tun, als Fußkontrollen abzuhalten.
Viel, viel später, in Betanien oder Jerusalem oder weiß der Teufel wo, auf jeden Fall nicht unweit von einem Ölberg, kam das Thema Fußhygiene dann doch wieder auf den Tisch. Vielleicht weil dort Thaddäus seine froschigen Gnubbelzehen unmanierlich aufgestützt hatte.
Alle antreten und Habt Acht stehen, das kennen wir schon.
Betreten blickten die Jünger auf ihre Füße, wie kleine Kinder, die etwas Schlimmes angestellt und dafür Schimpf kriegen sollten.
„In was für einem erbärmlichen Zustand eure Füße sind, da muss man sich ja genieren mit euch… Zur Strafe gibt’s kein Betthupferl… Stattdessen werde ich euch die Grundregeln der Fußwaschung am praktischen Beispiel lehren, so wahr mir Gott helfe.“
Als Jesus diese Worte gesprochen, ging ein Raunen durch die Apostelmenge; viel lieber hätten sie weiter an ihrem Granatapfelparfait genascht und den Römerwitzen der beiden Jakobusse gelauscht. Die ganze gute Stimmung war wie weggewaschen.
Unbeirrt entledigte sich Jesus seiner Überkleider, band sich die Kochschürze um, unter deren Schutz Petrus vorhin das letzte Abendmahl gezaubert und ließ Thomas ein bottichgroßes Becken mit warmem Wasser füllen.
Die Fußwaschung konnte beginnen. Aber halt, da fehlte doch wer.
„Wo ist Petrus?“
Nachdem man den Abtrünnigen draußen im Olivenhain entdeckt hatte, schickte man ihn sofort zu Jesus.

Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!
Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. (Joh, 13, 8)
„Lieber hab ich kein Teil an dir, als dass du mir die Füße einseifst.
Beginnst du erst mal mit Ribbeln und Wuzeln, dann lach’ ich mich kaputt.“
„Ich sehe, mein Bruder, du bist sehr kitzlig. Ausnahmsweise darfst du sie dir selbst säubern.“
Die anderen Zwölf aber mussten vortreten, Platz nehmen und ihre Stampfer ins Fußbad stecken, wo Jesus sie dann schrubbte und bürstete, polierte und feilte, Erde und Dreck sogar regelrecht von ihnen runterkratzte.
Er wusch die missratenen Spinnenzehen des Bartholomäus, schabte Lehmkrusten von Philippus’ grazilen Frauenfüßchen, erläuterte beim Reinigen der vielen Zehenzwischenräume, worauf es beim Fußwaschen ankäme und zeigte sich über die gehorsame Aufmerksamkeit seiner Jünger äußerst zufrieden.
Weil das Beckenwasser, das mit jeder Waschung trüber und dunkler wurde, Simon zu schmutzig und Andreas schon zu kalt war, musste zwischendurch mal neues geholt werden. Die laue Drecksbrühe schüttete Johannes einfach unter den nächstbesten Olivenbaum.
Nach und nach verwandelten sich alle 24 apöstlichen Schmutzfüße in sauber gepflegte, wie frisch geölte Babypopos glänzende.
Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und […] sprach zu ihnen: […] Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. (Joh, 13, 12ff.)
Sprachs und ging hinaus, um sich unter dem gleichen Olivenbaum zu erleichtern, wo Johannes vorhin das alte Fußbad entsorgt hatte.
Im Gehen warf er einen flüchtigen Blick auf den Inhalt seiner Jesussandalen: Ungewaschene, käsige Füße, die dringend einer Pediküre bedurften.
Er seufzte.
An Jesus hatte wieder mal keiner gedacht, nicht einmal er selbst.
Na ja, was soll’s, morgen war ohnehin Kreuzigung.
Er konnte doch nicht wissen, dass ihn später mal Millionen von Menschen zuhause oder andernorts bloßfüßig aufhängen würden. (Bagger, 9, 1).

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