Das Glück ist ein Schulfach

Lehrer unterrichten keine Fächer, sondern Menschen. Über das Erlernen von Glück. In der Schule.

Es ist frühmorgens an der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg und Aufregung liegt in der Luft. Die mündliche Abiturprüfung steht an, alle Schüler sind bereits da. Außer einem: Florian taucht nicht und nicht auf. Schuldirektor Ernst Fritz-Schubert macht sich kurzerhand auf den Weg, um ihn zu suchen. Er fragt in der Klasse herum, wo er sein könnte und tatsächlich findet er ihn kurz später in seiner Wohnung.

„Warum kommst du nicht zur Prüfung?“, will er wissen.
„Ich weiß überhaupt nichts mehr und werde sowieso durchfallen“, lautet Florians Antwort, der immer ein passabler Schüler war. Schlussendlich konnte der Schuldirektor den Schüler vom Antritt überzeugen, und Florian bestand dann erwartungsgemäß auch.

Ein anderes Mal geschah dem gleichen Direktor, dass ein höhersemestriger Schüler zu ihm zitiert wurde. Er fiel durch kontinuierlich negative Beiträge in der Klasse auf. Der Direktor konfrontierte den Schüler damit:
„Hast du keine Lust mehr, zur Schule zu gehen? Dein offenkundiges Desinteresse ist störend und unerträglich.“
Er antwortete nur: „Ich weiß.“
„Warum tust du’s dann?“
„Weil alles keinen Sinn macht.“

Schule wird oft als Pflicht wahrgenommen, die Angst erzeugt und es nicht schafft, Sinn zu stiften. Ernst Fritz-Schubert will das ändern. Vorfälle wie eben beschrieben waren Anlass für den Schuldirektor, einen neuen Weg einzuschlagen. Er hat vor zwei Jahren das Schulfach Glück konzipiert.

Schule ist kein Grund zum Glück

In seinem Buch über das Projekt zitiert er den Psychologen Viktor Frankl: „Glück darf man nicht nachjagen, es stellt sich dann ein, wenn sich ein Grund dafür manifestiert hat.“
Schule ist kein Grund zum Glück für Schüler. Im Gegenteil konstatiert Fritz-Schubert: „Glücksmomente erleben die Kinder vor allem dann, wenn der Unterricht ausfällt.“ Ob sich das durch ein Schulfach Glück ändert? Kann man das Glück überhaupt lernen?
Die Financial Times glaubt nicht daran. “The first problem is that happiness is not a teachable subject. It is famously elusive and may be unattainable. Pursuing it as an aim is difficult since it is more readily gained as a side-product of some other achievement or condition.”
Zumindest das Argument des Nebenprodukts stimmt nicht ganz. Denn dem Erfinder ist durchaus bewusst, dass ein Frontalvortrag über die Thematik „Glück“ nicht Glück erzeugen kann. Im Glücksmodul werden vielmehr Tätigkeiten gefördert, die Glück hervorrufen. Dazu gehören Sport wie auch gesunde Ernährung. Ein Mal die Woche steht Glück am Stundenplan, am Ende des Jahres gibt’s wie bei Mathe oder Englisch Noten. In „Glück“ kann man sogar maturieren.

Glück ist Grund für ein Schulfach

Die ganzheitliche Annäherung an die Lebenszufriedenheit der Schüler steht im Vordergrund. Ziel ist es, „das Positive zu verstärken, die Zufriedenheit mit sich und der Umwelt zu erhöhen“.
Konkret bedeuten diese schwammigen Erläuterungen: Zum Beispiel setzt sich ein Schüler mit dem Rücken zur Gruppe, um dann mit Positivem über sich berieselt zu werden. Oder die Schüler machen „Entdeckungsreisen in die Schätze der Familie“. Rollenspiele stehen am Programm und Schauspieler, Therapeuten oder Sportler kommen in der Klasse vorbei, berichtet der Spiegel.
Sein Konzept hat bereits viel mediale Aufmerksamkeit erfahren. Manchmal in den Himmel gelobt, manchmal skeptisch als esoterisches Klump abgetan. Seit Herbst 2009 wird das Konzept jedenfalls in sechs Schulen in der Steiermark angewandt, allerdings ohne Noten und Matura. Auch in anderen Ländern wurden bereits ähnliche Versuche gestartet, die Fritz-Schubert auch als Vorbild für sein Fach gedient haben. Zum Beispiel wird in England in einer Privatschule „Well-being“ unterrichtet, und in Neumarkt in Bayern „Erwachsen werden“.
Vielleicht ist der Name „Glück“ tatsächlich unglücklich gewählt. Die Assoziation zum Selbsthilfe-Ratgeber-Regal im Buchladen drängt sich auf. Die konkrete Umsetzung hebt sich davon aber ab und trägt scheinbar durchaus Früchte. Zumindest der Direktor selbst meint, dass er von seinen Schülern nur positive Reaktionen dazu hat. Manche würden es als den „schönsten Gegenstand“ bezeichnen, „den sie je in ihrem Leben erfahren haben“, sagt er in einem Interview mit der Neuen Vorarlberger Zeitung.

Wie das Glücksmodul aufgebaut ist:

Insgesamt 36 Stunden, aufgeteilt in:

  • Psychosoziale Gesundheit aufbauend auf Selbstwert und Empathie, Kommunikation und Konfliktbewältigung als Methoden zur Gewaltprävention (12 Stunden)
    Bewegung (10 Stunden)
  • Zusammenhang von Ernährung, Gesundheit und Glücksempfinden (6 Stunden)
  • Körper als Ausdrucksmittel: Theaterpädagogische Elemente, Kultur als Bildungs- und Freizeitprogramm (8 Stunden)

( Quelle: Die Presse, 7. Juli 09)

Weil der Bagger so arm ist, konnte die Autorin nicht nach Baden Württemberg fahren – nein, nicht einmal in die Steiermark –, um sich selbst ein Bild vom Glück zu machen. Nehmen Sie’s daher als Anregung. Der Bagger würde sich freuen, wenn Sie Bericht erstatten könnten an: redaktion@derbagger.org.

Kommentare

Unsere Hochachtung!

Lieber Bagger,

hiermit sprechen wir Ihnen unsere Hochachtung aus, dass Sie als einziger uns bekannter Mensch die Glücksschule und Ihre Methoden kritisch beurteilen.

Es gibt also doch einige, wenige Menschen, die über Ihr Gelesenes nachdenken.

Mit freundlichen Grüßen
IFG München

Bernd Hornung

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