Das Lachen der Vernunft über die Unvernunft

Gernhardts Gedichte

Robert Gernhardt zu lesen ist eine große Lust. Kaum ein Gedicht, das man nicht mit breitem Grinsen quittiert. An Lebensweisheit sind sie reich, die oftmals so leicht hingeschrieben wirkenden Verse des Deutsch-Balten Gernhardt. 1937 in Reval geboren, floh er im Krieg mit seiner Familie in den Westen, studierte in Stuttgart Malerei, lebte künftig in Frankfurt und zeichnete, malte, schrieb für satirische Magazine wie „Pardon“ und später „Titanic“. Ganz nebenbei erschienen viele Bücher – häufig selbst illustriert wie zum Beispiel „Reim und Zeit“. 1996 wurde er am Herzen operiert und ließ seine Leserschaft teilhaben am körperlichen Verfall, am krankheitsbedingten Gebrechen.

Er fand Worte für sein oder gar „das“ Leid in Spitälern, für das, was ihn dorthin gebracht – die eigene Unvernunft, der Übermut dem Leben gegenüber. Daher scheint es nur folgerichtig, wenn er in seinen K(rebs)-Gedichten vor allzu großem Leichtsinn warnt und zur regelmäßigen Vorsorgeuntersuchung aufruft. Denn das Leben ist kurz und kostbar – Gernhardt rang dem Krebs noch vier Jahre ab, bevor er nach langen Toskana-Aufenthalten 2006 in Frankfurt starb.
Wer nun glaubt, Gernhardts Werk teilt sich in zwei Phasen – die lustige vor Herzinfarkt und Krebs, die ernste danach –, der irrt. Denn der Dichter Gernhardt war zu jeder Zeit ein Lebenskünstler, Lebenwollender und ein so gut Lebenkönnender, weil er das Leben und dessen Genuss ernst und die Unwägbarkeiten ironisch nahm. Er wirkt nie wie ein Gebrochener, der sich angesichts dessen was auf Erden passiert, und dessen, was unter die Erde bringt, grämt – sondern wie einer, der stetig mutig hinschaut. Hinschaut und verteidigt, wofür es sich zu leben lohnt: Oft ist es das Kleine: sei es der Buchfink im Spitalsgarten oder Halberstadt aus dem ICE gesehen. Hinschaut und anklagt, wenn was im Argen liegt und dennoch zu wenig beachtet wird wie zum Beispiel Krieg, Leid und Unvernunft.
Und das Schönste ist und bleibt seine leichte Sprache, der unernste Gebrauch all der Wendungen und Reime, die Gernhardt so meisterlich setzt. Die Leichtigkeit gepaart mit dem manchmal unvermeidlich Holprigen: Das lehrt hin und wieder mehr über das Leben, als es ein allzu geschliffener Vers könnte. Da gibt es also Sackgassen, Ungereimtes, Plumpes, Derbes und wir haben im Leben (wie Gernhardt im Gedicht) die Pflicht, dennoch weiterzutun – auch wenn es uns gerade nicht sehr sinnvoll erscheint.
Sympathisch ist auch die Leiblichkeit des Gernhardt: Es gibt kein Tabu! Ob er über scharfe Frauen „in Mantua“ und seine rationalisierende Schüchternheit, die ihm den Genuss derselben verleidet, spricht – oder ob er in „mein Körper“ eine „Revision“ des Körperbildes anstößt: Nichts Menschliches ist ihm fremd, dem „abgeklärten Dichter“: „Ob ich dem X seinen Bucherfolg neide?/Die Welt ist doch groß. Sie hat Platz für uns beide./Der nimmt mir doch nichts, diese schmierige Kröte,/außer: Den Ruhm und die Fraun und die Knete.“ Und das ist das Einladende an Gernhardt: Es gibt nichts, was man nicht denken dürfte, nichts, was man nicht in lyrische Verse gießen dürfte, und natürlich schon gar nichts, worüber man nicht lachen dürfte.
Eine große Lust ist es in Robert Gernhardts Werk zu lesen. Und freilich könnte man traurig sein, dass von ihm nun nichts Neues mehr kommt – doch hätte er das gewollt? Hätten wir dann aus seinem „Trauer“-Gedicht Lehren gezogen? Das endet nämlich so: „Trauer ist endlich./Und jeder Trauernde ein Verräter,/der sich fügt und Vernunft annimmt,/früher oder später. (Irgendwann hat es sich/jedenfalls ausgetrauert. Cosima glaubte, nach Richards Tod vergehen zu müssen./Sie hat ihn dann siebenundvierzig Jahre überdauert.)“ Gerhardts Werk wird das sicher noch länger schaffen – auch ohne seine wundervollen Live-Lesungen (die man zum Glück noch als CD erhält!).

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.