Das Maurerdekoltee

Langsam spaziere ich durch die klirrend kalte, menschenleere Nacht Wiens nach hause, eingehüllt in dicke Wollschichten. Ich bleibe stehen, um mir eine Zigarette anzuzünden und nehme ­rechts von mir ein überdimensionales Palmers-Plakat wahr, neige ­meinen Kopf nach links, um dem Windzug zu entgehen. Mein Blick fällt auf eine Baustelle, einen gelben Bagger. Und noch bevor meine Zigarette richtig entflammt ist, wird es mir schlagartig bewusst. Ich blicke zurück auf das gelbe Palmers-Plakat, dann wieder auf den nackten Bagger. Nein, wie erschreckend und oh, wie amüsant!

Rechts das mannshohe Unterwäschemodel, ein Körper in einem Hauch von Nichts. Makellos posiert er für alle und niemanden, soll Männer-und Frauenherzen zum Höherschlagen bringen, ist die fleischgewordene, äh bildgewordene Nacktheit im öffentlichen Raum.
Doch der eigentliche Wahnsinn tut sich links von mir auf:
Was der sexuellen Revolution noch blüht, hat die industrielle Re­volution mit dem Bagger lange schon geschafft. Die Erotik des Baggers ist tot. Ein Meer von Baustellen, nacktes Gelb, wo das Auge hinblickt, still posierende Raupenfahrzeuge. Und es schert sich niemand einen Dreck darum! Oft ignoriert und doch vergessen. Die goldenen Zeiten, in denen der Terminus „baggern“ noch ursprünglich war, sind längst vergangen. Wo sind all die Aktivi­sten geblieben, die solche und ähnlich erschreckende Enthüllungen an den Pranger stellten und in Nacht-und-Nebel-Aktionen verhüllten? Kann man tote Reize wiederbeleben?
Wer auch nur ein bisschen Angst um die Zukunft unser aller Sexualität hat, der solle gleich beginnen: Erschrecket und seid gereizt! Stopp dem globalen Bagger-Exhibitionismus-Wahn. Ein bisschen weniger Anstand, meine Lieben.

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