Das Werk aller Werke

Diaphanes Verlag hat 2008 ein Buch verlegt mit dem Titel “ Archäologie des Kinos. Gedächtnis des Jahrhunderts”, es beginnt mit einem Gespräch zwischen Youssef Ishaghpour und Godard und war auf französisch schon 2000 zu haben. Für die Übersetzung der 108 Seiten hat man wohl 8 Jahre gebraucht oder aber es wurde herumgezickt. Nun denn, wer Godard Filme kennt und seiner Bildsprache wegen zu schätzen weiß wird dieses Buch verschlingen, denn endlich spricht er. Wenn da nicht Ishaghpour wäre. Ein wenig wünscht man sich dass Ishaqpour doch bitte etwas weniger sprechen möge, nicht weil das was er zu sagen hat uninteressant wäre, nein- es ist nur so sehr durchsetzt mit dem Verlangen unbedingt Godard gegenüber sich behaupten zu müssen. Leider. Nur soviel: Selbst im Interview schafft Godard Bilder die sofort im Kopf des Lesers arbeiten. Natürlich geht es darum wie das Kino arbeitet, wie der Film arbeitet, was Godard bisher gemacht hat, wie Godard neue Medien sieht u.v.m. Vielleicht erlauben die Godard Liebhaber eine kleine Kritik an Godard: seine Dialoge sind schwach obwohl er gerade von dieser Schwäche lebt. Genau deshalb will man Godard selbst sprechen hören (auf Papier),zumal er sich verändert hat. Seine Zusammenarbeit mit Anne-Marie Miéville erwähnt er dezent aber oft. (Film über MoMa in NY- W. Benjamin Bezüge)
Dieses Buch muss man kaufen. Und wenn man es erst einmal gekauft hat , gelesen hat, dann vielleicht von der letzten Seite wieder anfangen zu lesen, damit man behält was er sagt. So wie wenn man eine DVD sieht und auf Pause drückt um Sequenzen nochmal zu sehen oder zurückzugehen zu anderen Ausschnitten ohne den Zusammenhang zu verlieren.
Hier eines der allerliebsten Ausschnitte:
“Godard: (…) Ich habe das deutliche Gefühl, dass das Bild es erlaubt, weniger zu reden, aber etwas besser zu sagen.
Ishaqpour: Worte sind Feinde für Sie.
Godard: Nein, nur dann, wenn Worte gedankenlos entgegengenommen werden wie Befehle oder wenn sie zu Messern werden, die man in böser Absicht nutzt.
I.: Wenn Sie vom Leben sprechen, das in sich selbst Fülle ist, eine auf jeglichen Sinn irreduzible Vollkommenheit, so erhebt sich der Nullpunkt des anderen in dem Moment, da man das Wort Mensch ausspricht.(…)
G.: Trotzdem liegt darin auch ein Mysterium, denn angefangen hat das Kino mit dem Stummfilm, aber dreißig Jahre gab es keinen Grund dafür, dass es stumm war, es hätte durchaus Ton haben können, doch es hat stumm begonnen, und dann war es wie ein verdorbenes Kind. So sehe ich das eher, trotzdem gibt es eine, wie man sagt, historische Tatsache. Man müsste noch mehr finden…zum Beispiel die Erfindung des Drehbuchs: Meiner Ansicht nach war das ein Buchhalter der Mafia. Das ist eine Vermutung, die sich aber eigentlich beweisen lassen sollte.”
Filmtheoretische Bücher sind meiner Ansicht nach einfach nur langweilig, so interessant wie im Trockenen zu schwimmen …….aber dieses Interview muss man nachdem man es gelesen hat- geistig einrahmen- so gut ist es! Lesen! Unbedingt lesen!
Noch immer Zweifel?
Dann hier:
“Wenn Sie wollen, ist Geschichte für mich das Werk aller Werke. Sie umfasst sie alle. Geschichte ist der Familienname, es gibt Eltern und Kinder, da sind Literatur, Malerei, Philosophie…(…) Das Kunstwerk wenn es gut gemacht ist, enspringt der Geschichte, und wenn es so will, so ist es ihr künstlerisches Bild. (…) Mir scheint, die Geschichtsschreibung könnte ein Kunstwerk sein (…)”
Na bitte. Sag ich doch! Es lohnt sich.

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