Das Wiener Gemüseorchester

Das Wiener Gemüseorchester (WGO) ist ein kleines Ensemble, das mit Gemüse spielt. Auf Gemüse spielt. Mit frischem Gemüse.

Das WGO gibt es seit 1998. Und schon damals spielten sie in Berlin. In Deutschland sind sie vielleicht bekannter als in Österreich. Und sie haben schon die halbe Welt bereist: eine kleine Auflistung in Dreiergruppen: Beirut Barcelona Bristol, Athen Hongkong Aarhus, Ulm Köln Utrecht, Modena Valencia Schweden, Nanterre London Potenza, Leeds Shanghai Tartu.

Aus der Website: Dem Gemüseorchester sind keine musikalischen Grenzen gesetzt. Die unterschiedlichsten Stile fließen hier zusammen: die Gegenwartsmusik, beat-oriented House, experimentelle elektronische Musik, Free Jazz, Noise, Dub, Clicks‘n‘Cuts – der musikalische Umfang und Spielraum wird ständig erweitert und die gerade entwickelten Instrumente mit ihren spezifischen Sounds bestimmen oft die Richtung.

Tamara Wilhelm vom Wiener Gemüseorchester wird per du angeredet, da sie mit Jan Korbelik (und noch länger mit Daniela Zeilinger) seit Jahren befreundet ist.

Jan Korbelik: Wo habt ihr in der letzten Zeit gespielt?
Tamara Wilhelm: Ja – in Deutschland, Estland, Slowenien, Luxemburg … Schau auf die Website, dort sind alle Konzerte aufgelistet.

JK: Gibt es Unterschiede in der Wahrnehmung des Mit-dem-Essen-Spielens in verschiedenen Ländern? Oder Betrachtung der Musikinstrumente als Essen?
TW: Als wir in Estland waren, haben wir in Tartu auf dem Hauptplatz gespielt. Und da haben sich ältere Frauen das Restgemüse geholt, wir konnten sehen, dass es wirklich arme Frauen waren. Das ist hier schon anders.

JK: Wie bekannt seid ihr eigentlich in Österreich oder im Ausland?
TW: Bekannt – ich weiß nicht, in Wien kennen uns jedenfalls schon viele. Und im Ausland? Wir spielen viel mehr im Ausland, aber das Ausland ist auch viel größer als Österreich!

JK: Wie viele seid ihr jetzt eigentlich und wer leitet die Gruppe?
TW: Wir sind ein Kollektiv, in Vollbesetzung elf Leute, dann gibt es die Technik. Ohne Leitung. In dieser Orchestergröße kenne ich eigentlich kein Ensemble, wo es nicht einen künstlerischen Kopf gibt.

Tamara WilhelmJK: Wenn ihr keinen Kopf habt, wie ist es mit notwendigen Entscheidungen?
TW: Es ist für uns extrem wichtig, dass Entscheidungen gemeinsam gefällt werden. Es ist wahnsinnig viel Arbeit, wir widmen viel Zeit den Diskussionen. Es ist ziemlich unvorstellbar, wir überwinden immer wieder Konflikte. Die Zeit und Energie, um die Konflikte zu lösen, bringt aber viel, weil das gemeinsame Ziel wichtiger als das Durchsetzungsvermögen ist.

JK: Und was ist das Ziel?
TW: Einfach das Ensemble in dieser Form weiter zu führen, Musik zu machen und Konzerte zu spielen.

JK: Wie habt ihr eigentlich angefangen?
TW: Es ist schon elf Jahre her, es war damals als ein einmaliges Happening gedacht. Wie es dann weiter ging, hätte niemand gedacht, und das war eben der Anfang!

JK: Wie ist das Publikum eigentlich so?
TW: Hm – gute Frage! Durch diese gewisse Skurrilität kommen auch viele Menschen, die mit dieser Art Musik – ich meine experimentelle Musik – nicht viel am Hut haben. Das Tolle sind aber die Publikumsreaktionen: Es kommen viele Leute, die sich einen lustigen Abend erwarten und wir merken auch, dass am Anfang viel gelacht wird. Dann wird diese Stimmung viel mehr ein Zuhören und schlägt in Konzentration um.

Per Fernfunk schalten wir jetzt (unvorbereitet) Kunstwissenschafterin und Bagger-Autorin Daniela Zeilinger aus Berlin zu. Frau Zeilinger, in der Kunst des Interviews äußerst gewandt, ist auch mit Frau Wilhelm lange befreundet und deswegen bleiben wir beim „du“. Frau Zeilinger ist ein Interviewtalent und eine Neugierds­nase.

DZ: Hat sich die einstige EU-Norm über Gurkengröße bzw. -krümmungsgrad in eurem Orchester bemerkbar gemacht? Ist sie zum Standard geworden?
TW: Woher soll ich dies wissen? Ich kann dazu nur sagen, dass wir Gurken von einer bestimmten Größe benötigen und darum auch nur solche kaufen.
Die Größe finden wir auch immer schon irgendwo in Europa. Wir waren schon irgendwo, wo wir die richtigen Gurken nicht finden konnten, wo war es nur?

DZ: Was macht ihr mit dem Gemüse, nachdem mit diesem gespielt wurde? Wird es gegessen?
TW: Zum Essen ist es nicht mehr geeignet: Es wurde durchgeblasen, mit einer Bohrmaschine bearbeitet, ziemlich durchgerüttelt, auch schmutzig … Was nicht verwendet wurde, wird zu einer Gemüsesuppe, Reste in die Biotonne (sofern es eine in dem jeweiligen Land gibt).

DZ: Gibt es Länder, in denen das problematisch wäre? Wie wäre ein Konzert in einem Land mit Hungersnöten?
Immer wieder werden wir mit solchen Einwänden konfrontiert.
Aber: das Gemüse wird verwendet, bevor wir es „zerstören“. Die Frage stellen wir uns natürlich auch: Wie wäre es, in Afrika ein Konzert zu machen?
Das hängt mit der Frage des Essens und Vergeudens usw. zusammen. Wir sind eine Wohlstandsgesellschaft. Und wir haben auch in China gespielt. Es gibt keine Hungersnöte mehr in China, aber es gibt viele Leute, für die das tägliche Essen nicht so selbstverständlich ist. Solche Frage können wir nicht so leicht beantworten.
Es gibt aber auch afrikanische Musikinstrumente, die aus Gemüse, Kürbissen und vielem anderen gemacht werden.

DZ: Wäre das Gemüse prinzipiell austauschbar – könnte man zum Beispiel auch Plastikinstrumente erfinden, die länger halten? Könnte man etwas anderes verwenden, was dem Klang einer Tomate nahe käme?
TW: Möglicherweise, aber vielleicht doch nicht. Nein, das glaube ich eher kaum. Das Gemüseorchester­ – eigentlich ist es ein Klanguniversum; die Klänge aus verschiedenem Gemüse bringen das breiteste Spektrum von Tönen hervor.

D.Z.: Ist jedes Konzert anders, schon weil die Instrumente es so vorgeben?
TW: Ja, jedes Konzert klingt anders. Einfaches Beispiel: Wir bauen Blockflöten aus Karotten, und die klingen schon anders als Blockflöten aus Holz. Ja genau – da ist auch die Vergänglichkeit und Unzuverlässigkeit unserer Instrumente.

DZ: Ist also eine Art von Improvisation immer schon eingeplant, als Teil des Konzepts?
TW: Genau – wir wissen, dass Instrumente anders klingen können und dass sich der Klang von einer Minute auf die andere auch ändern kann. Die Stücke müssen so konstruiert werden, dass wir darauf vorbereitet sind

DZ: Recherchiert ihr vorher immer, wenn ihr in eine Stadt fährt, wo es dort das „richtige“ Gemüse gibt?
TW: Inzwischen ist es so, oder die Zeitpläne sind so, wenn wir irgendwo hinfahren, bestellen wir das Gemüse schon im Vorhinein. Die Veranstalter bekommen eine Liste – so zum Beispiel 50 große Karotten und 20 kleinere, und wenn wir was Zusätzliches brauchen, dann wird es noch nachgekauft.

DZ: Kann es passieren, dass eine Bestellung völlig daneben geht?
TW: Ganz nicht, aber es war schon mal, dass zum Beispiel die Karotten zu klein waren oder nur kleine da waren. Wobei es kleine Unterschiede geben kann: Holzige Karotten, einfach keine g’scheiten gibt es auch mal … Oder einmal in London: Die Karotten waren unfest, wässrig und die waren (uff) ziemlich schwierig zu bearbeiten.

DZ: Verwendet ihr Bio- oder fair gehandeltes Gemüse?
TW: Bio? Eigentlich nicht, weil das Bio-Gemüse eher klein und nicht ebenmäßig gewachsen ist. Wir brauchen eigentlich Gurken, die richtig gerade gewachsen sind.
In Almería, wo die Einwanderer unter ziemlich schwierigen Bedingungen das Gemüse für uns hier produzieren … wir haben dort mal mit SOC [eine Gruppierung der spanischen Sozial- und GewerkschaftsaktivistInnen, d. Red.] zusammengearbeitet und haben ein Konzert zu ihren Gunsten gespielt. Das Konzert war in Wien und zwei Aktivisten haben hier eine Ausstellung gemacht.

D.Z.: Und nach einem Konzert gibt es eine Suppe – ergab sich das sozusagen automatisch, war das von Anfang an so?
TW: Ja, das hat sich auch so ergeben. Die Idee der Suppe gab es von Anfang an. Es ist so entstanden: Es war überschüssiges Gemüse da, das wurde einfach gekocht – und dann wurde das Suppenkochen normal.
Unser Richard [Repey, d. Red.] ist ein guter und kreativer Koch und macht immer eine urleckere Suppe. Er ist nicht mit Instrumenten irgendwie konzeptgebunden, kann die Rezepte regional anpassen.

D.Z.: Hatte die Idee auch damit zu tun, dass das Spielen an sich schon sinnlich war? Also wurden die Sinne so angesprochen, dass man dann auch Lust auf Essen bekam?
Auch – das Konzert ist ein multisensorisches Erlebnis: bei unseren Konzerten zerbrechen die Instrumente und das riecht man dann im ganzen Saal – das Publikum hört es, riecht es, isst es und nimmt es im Bauch dann mit nach Hause.

DZ: Gibt es Spezialisierungen innerhalb des Orchesters?
TW: Prinzipiell machen alle alles, aber es gibt gewisse Vorlieben für Instrumente und Parts, z.B. für die tragenden Rhythmusparts usw.

DZ: Hast du eine Vorliebe?
TW: Das ist auch eine schwierige Frage – eines meiner Lieblingsinstrumente ist derzeit die Petersilie.

DZ: Das Grünzeug oder die Wurzel?
TW: Das Grünzeug. Es ist möglich, es aneinander zu reiben und es entstehen sehr unterschiedliche Sounds – Zirpen und ein bisschen Quietschen – schön, wirklich sehr schön. Petersilie ist flexibler als die anderen Instrumente – der Sound ist dort mehr vorgegeben.

DZ: Ist das ein wesentlicher Unterschied zu „herkömmlichen“ Instrumenten: die Flexibilität und Multifunktionalität?
TW: Das ist das Schöne: Es ist alles so flexibel, und es ist viel zu entdecken! Wir entdecken immer neue Instrumente, neue Sounds, mehr Tonumfang. Harmonisch sind wir eingeschränkt, aber das macht nichts! Dafür haben wir ein viel größeres Geräuschuniversum.

DZ: Spielen bei euch vorwiegend ausgebildete, professionelle Musiker und Musikerinnen oder eher AutodidaktInnen?
TW: Wir haben niemanden, der eine klassische Musik-Ausbildung hätte. Natürlich gibt es Leute, die aus den verschiedensten Bereichen der Kunst kommen, wie bildende Kunst, Architektur, elektronische Musik, dann auch Informatik usw.

DZ: Hat das Orchester Ambitionen für die Zukunft – oder ist die Idee, auf/mit Gemüse zu spielen, irgendwann “erschöpft“ bzw. ausgeschöpft?
TW: Wir entdecken ständig neue Sachen und auf der musikalischen Ebene kann man das ewig machen – ich glaube eher, dass die Möglichkeiten ins Unendliche gehen können

DZ: Ich hab’ übrigens wirklich Hunger. Ich muss mir dann endlich mal was kochen …
TW: Eine Gemüsesuppe?

DZ: Nein, aber Gemüse! Also Kart-, eh, Erdäpfel mit Karotten, also Möhren und Lauch, äh, Porree. Und Salat – die Zeit wird jetzt zu knapp!
TW und JK: Schönen Abend nach Berlin!

JK: Ja Tamara? Was bleibt uns noch? Bier fertig essen und auf Wiedersehen! Das ist glaube ich alles und – danke Tamara, dass du zum Gespräch gekommen bist, und sogar das alkoholfreie Bier gebracht hast!

Bemerkung:
Es gibt viel mehr Informationen als hier Platz ist: z.B. auf der Website www.gemueseorchester.org
Aber es geht nichts darüber, selbst bei einem Konzert zu sein. Ihr werdet immer wieder angenehm überrascht werden!

Interview: dz & kor

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