Der Backenzahn des Homo Luegens

Galilei hat getrickst, Newton hat gemogelt und ich habe die „Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis“ unterschrieben – über das Lügen in der Wissenschaft.

Die Wissenschaftsgeschichte ist voll von kleinen und großen Lügen, von Skandälchen und Skandalen, von Schummelei und Betrug. Das ist weiter nicht verwunderlich, zumal Wissenschaft von Menschen betrieben wird und Menschen lügen, sobald sie dazu fähig sind. Wenn ein Kind geistig imstande ist, bewusst Unwahres zu sagen, setzt es diese Strategie ein. „Hattu in die Windel gemacht?“ „Nein!“ Lügen ist ein Zeichen von Intelligenz und Kreativität, da man durch das Antizipieren der Unwahrheit an der Generierung der Wirklichkeit aktiv teilnimmt und versucht, andere auf einer Vernunftsebene zu beeinflussen. Lügen ist daher wohl auch eine der subtilsten Formen der Gewalt.

Die Soziologie beruhigt aber; die Wahrheit zu sagen sei moralisch ohnehin überbewertet. Tatsächlich betrachtet es die Leitkultur als unsittlich, einem hosenscheißenden Kleinkind die Wahrheit über das Christkind brühwarm zum Erdäpfelpüree zu servieren. Umgekehrt fingieren noble Heranwachsende gar wunderliche Lichterlebnisse während der Adventszeit, um ihre Eltern in ihrer wohlüberlegten Erziehungsmoral nicht zu kränken. Irgendwann aber müssen Katze und Osterhase aus dem Sack und alle Beteiligten legen die Karten auf den Tisch. Das ist die klassische „Ich weiß, dass du weißt, …“ Situation, auf deren katharsischen Moment die handelnden Personen oft schon ungeduldig warten.
Außerhalb sozialer Kleingemeinschaften bekommt die Lüge eine ganz andere Dimension. Die politische Lüge istfür die massenhaft Beflunkerten bei ihrer Entlarvung wohl in den wenigsten Fällen mit individuellen emotionalen Grenzerfahrungen verbunden. Die Lüge in der Wissenschaft wird von der Leitkultur ebenfalls verhältnismäßig gleichmütig akzeptiert. Bestimmt ist man schockiert, ja regelrecht empört, wenn jemand womöglich unter Verwendung von Steuergeldern kleinwüchsige Orang-Utangs um- und ausgräbt und sie der anthropologischen Wissenschaftsgemeinde als „Missing Link“ verkauft. Die öffentliche Lüge ist aber eine bewusste Täuschung von vielen und das kollektive Opfer großmächtiger als die kleine Zahl an TäterInnen.

Pimp my Paper!

Wissenschaft und Forschung sind im höchsten Maße öffentlich. Neue theoretische Ansätze oder experimentelle Befunde werden zum Zweck der öffentlichen Diskussion in Fachjournalen publiziert. PhysikerInnen wissen, Theorien können nicht bewiesen, lediglich widerlegt werden. Solange niemand bei einem reproduzierten Experiment widersprüchliche Ergebnisse erhält oder Fehler in theoretischen Ableitungen entdeckt, ist es legitim mit solchen Erkenntnissen und deren Konsequenzen zu arbeiten. Ähnlich pragmatisch verhält es sich mit wissenschaftlichen Methoden. Verfahrenstechnische Kreativität von WissenschafterInnen ist ein Grundbaustein für gute Forschung, wobei sich die angewandten Methoden ausschließlich durch ihre Funktion legitimieren. Schrödinger und Heisenberg etwa beschrieben die Quantenmechanik in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts durch völlig unterschiedliche mathematische Herangehensweisen, die sich aber wenig später als völlig äquivalent herausstellten.
Wem beim Forschen das Quäntchen Glück oder der Genius als solcher fehlt, sieht sich mitunter gezwungen, sich unkonventioneller Methoden zu bedienen. So entdecken immer wieder WissenschafterInnen die Lüge als Mittel zum Erfolg. Die Beweggründe sind freilich mannigfach; der Leistungsdruck in der Wissenschaft hat inzwischen ungemütliche Ausmaße angenommen und Publikationslistenlängen und Zitierungszahlen hängen wie Damoklesschwerter über den rauchenden Köpfen des wissenschaftlichen Nachwuchses. Da werden schon mal Ergebnisse aufgepeppt und Parameter so hingebogen, dass sich eine Veröffentlichung lohnt. Dieser Umstand führt dazu, dass ganze Unterkapitel, Grafiken und Tabellen mit leicht abgeänderten Betitelungen oder Beschriftungen in mehreren Publikationen derselben AutorInnen auftauchen. Die Flut an Veröffentlichungen, die dereinst als Indikator für wissenschaftliche Exzellenz galt, hat sich in der Fachwelt als Schuss nach hinten herausgestellt. Heute werden nicht nur Diplomarbeiten (vielleicht eines fernen Tages auch meine) und Dissertationen durch Plagiatssoftware gejagt, die großen Journale prüfen inzwischen jede Einreichung ihrer FachkollegInnen und stoßen nicht zu selten auf minder exzellente Abschreibarbeiten.
Was das „Pimpen“ von Papers anbelangt, finden sich JungforscherInnen aber in guter Gesellschaft. Galilei wurde nachgewiesen, dass er seine Messungen mit der angegebenen Genauigkeit keinesfalls durchführen konnte, auch Newton wurde des Mogelns überführt.
Die moralisch zweifellos verwerflichere und wissenschaftlich geächtetere Lüge ist aber die Sensationslüge. Umso erstaunlicher, dass es immer wieder Leute probieren, wo das Risiko erwischt zu werden doch buchstäblich kalkulierbar ist. Man möchte fast meinen, die BetrügerInnen sprechen ihren FachkollegInnen die Kompetenz ab, den Fehler im widersprüchlichen Konstrukt ausfindig zu machen. Gerade weil es so absurd scheint, dass WissenschafterInnen ihre Karriere auf dieses abenteuerliche Spiel setzen, entfalten sich wissenschaftliche Lügen bisweilen zu filamentartigen Verschwörungsstrukturen.

Homo Luegens

Die beiden US-amerikanischen Chemiker Martin Fleischmann und Stanley Pons machten 1989 von sich hören, als sie berichteten, kalte Fusion experimentell nachgewiesen zu haben. Als kalte Fusion bezeichnet man die Verschmelzung von Atomkernen bei moderaten Temperaturen (i.e. nicht einige Millionen Grad Kelvin). Die Fachwelt war sich einig, das Energieproblem der Erde wäre gelöst, könnte man einen solchen Prozess in Gang setzen und kontrollieren. Tatsächlich geht man davon aus, dass diese Art der Nukleosynthese funktioniert; nachdem der Effekt in den vierziger Jahren theoretisch vorausgesagt wurde, hat man aber bald einsehen müssen, dass dabei keine Energie zu gewinnen ist.
Fleischmann und Pons haben sich dieser (inzwischen Lehr-)Meinung aber nie angeschlossen und beharren bis heute auf der Validität ihrer Ergebnisse. Bald wurden Verschwörungstheorien laut, die Energielobbies und Automobilindus­trie hätten interveniert, dabei finanzierte Toyota die Forschung der beiden Rebellen, nachdem sie von der Universität Utah entlassen worden waren, noch einige Jahre. Erfolglos.
Noch viel abstruser liest sich die Geschichte der Piltdown Verschwörung [1]. Charles Dawson, ein Anwalt und Amateurarchäologe, entdeckte 1912 erste Teile eines mirakulösen menschlichen Schädels, der als bedeutendes Puzzlestück in der Rekonstruktion der menschlichen Evolution galt. Eoanthropus dawsoni wurde aber über vierzig Jahre später als aberwitziger Hybrid aus einem mittelalterlichen Menschen, einem Orang-Utang und einem Schimpansen entlarvt. Man konnte nachweisen, dass die Knochen chemisch verfärbt worden waren, um sie urzeitilch erscheinen zu lassen. Außerdem wurden die Zähne künstlich nachgeschliffen, um menschliche Abnutzungserscheinungen zu imitieren. Als Draufgabe verscharrten die Beteiligten auch noch ein Werkzeug aus Feuerstein in der Nähe ihres unrühmlichen Beitrags zur Anthropologie.

Die Wahrheit zu sagen ist deshalb einfacher, weil sie intrinsisch konsistent ist. Die Tücke der Lüge ist es, dass man bereits mit einem scheinbar unbedeutenden Detail eine parallele Wirklichkeit kreiert, deren komplexe Wechselwirkungen mit der wirklichen Welt a priori nicht abschätzbar sind. In die Intrige rund um Eoanthropus dawsoni waren, wie es scheint, einige kluge Köpfe involviert, die sich tapfer, kreativ und gleichzeitig erbärmlich um die Wahrheit gewunden haben. Trotz ganz offenkundiger Indizien in der manchmal geradezu törichten Konstruktion von Koinzidenzen, übertönte die verständliche Euphorie über den Fund die Stimmen der Zweifler. Bei den Piltdown Grabungen wurde schon bald kritisiert, dass die Funde entweder nicht richtig dokumentiert, also zurückverfolgbar sind bzw. nicht direkt dem Erdreich entnommen, sondern in ausgebreiteten Kieshäufen erspäht wurden. Einer der Beteiligten der Piltdown Affäre schreibt fünf Jahre, bevor der Skandal auffliegt, in einem Buch:

„Wir machten unsere Ausgrabungen in einem recht tiefen und heißen Graben, in dem Pater Teilhard in schwarzer Kleidung, besonders energisch war; und da wir dachten, dass er ein wenig erschöpft wirkte, schlugen wir vor, er solle uns die schwere Arbeit für eine Zeit ausführen lassen, während er sich bei der Suche im vom Regen verwaschenen, ausgebreiteten Kies ein wenig ausruhen konnte. Sehr bald rief er aus, dass er den fehlenden Eckzahn (den eines Schimpansen, Anm.) gefunden habe, aber wir waren ungläubig und sagten ihm, dass wir schon mehrere Eisensteinstücke, die wie Zähne aussahen, an der Stelle gesehen hatten, an der er stand. Er bestand jedoch darauf, dass er sich nicht täuschte, so verließen wir beiden also unsere Ausgrabungen, um hinzugehen und seine Entdeckung zu verifizieren. Es gab keinen Zweifel daran, und wir alle verbrachten den Rest jenes Tages bis zur Dunkelheit damit, in erfolgloser Suche nach weiteren Fossilien auf dem Kies herumzukriechen.“
Man kann diese zwei wenig glorreichen Beispiele aus der jüngeren Wissenschaftsgeschichte als würzigen Beitrag zu Fortschritt und Entwicklung oder als ungewolltes Plädoyer für mehr Ehrlichkeit lesen. Jedenfalls bemerkenswert ist in beiden Fällen die Vehemenz der Negation einer vollen Hose, obwohl man die Wurst schon meterweit gegen den Wind riecht …

[1] „Wie das Zebra zu seinen Streifen kommt“ – Stephen Jay Gould. Suhrkamp, 1991.

Kommentare

zeit.de artikel

"Über Jahre hinweg hat ein dubioser Wissenschaftler die Fachwelt mit gelehrt klingendem Unsinn genarrt. Nun sind Gutachter, Verlage und Kollegen blamiert"

http://www.zeit.de/2009/03/N-El-Naschie

Widerstand ist zwecklos

Der ZEIT Artikel über Hr. Mohammed S. El-Naschie, den größten Physiker unserer Zeit wurde nun endlich entfernt. Es ist eine Schande wie die Neider Hr. El-Naschie immer wieder den Nobelpreis vorenthalten. Es muss mit seinem Einsatz für Israel zu tun haben oder damit, dass er Muslim oder Araber ist. Seine Theorien sind bahnbrechend und jeder der das nicht findet ist doof. Und wird verklagt. Die ZEIT hat jetzt eingesehen, wer hier den Längeren hat. Hr. El-Naschie lässt sich doch nicht von einer renommierten deutschen Wochenzeitung diktieren, was wahr ist und was nicht. Er ist der Erfinder unzähliger nach ihm benannter Theorien! Er hat in sich schon irgendwie immer recht! Und das kann er auch mit Geld und Einfluss gegenüber der ZEIT durchsetzen. Und Hr. El-Naschie hat als Leidtragender nun irgendwie im Nachhinein logischerweise auch das Recht, den Autoren Hr. Drösser mit Hitler zu vergleichen. Zum Beispiel hier in diesem Blog: http://www.sciam.com/article.cfm?id=the-self-organizing-quantum-universe
Wie auch immer. Das Gute hat gesiegt. Nieder mit der Wahrheit, der Pressefreiheit und dem LHC! Jeder der das anders sieht ist ein Nazi!
Es lebe das Selbstplagiat und der Wissenschaftsbetrug!

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