„Der Fuchs und der Igel“ – der große Tolstoi-Essay von Isaiah Berlin

Isaiah Berlin (1909–1997) erlebt dieser Tage verstärkte und berechtigte Aufmerksamkeit. Anlass ist sein 100. Geburtstag und der aus Riga stämmige Gelehrte, der via Russland mit seiner Familie nach England emigrierte, wird deshalb von der Essayistenzunft neuerlich portraitiert. Berlin, ein u.a. lange Jahre in Oxford lehrender Philosoph, äußert sich in seinen zahlreichen Schriften stets sehr gut verständlich zu Fragen der Ideengeschichte. Aber auch die Literatur, v.a. die „Russischen Denker“ (1978, engl. Original – 1995 dt. Fischer) leuchtet Berlin aus einer Metaebene heraus aus – die „russischen Aufsätze“ waren meine sommerliche Lektüre. Besonderes Interesse bringt Berlin hier Tolstoi gegenüber auf – den er im „Fuchs und Igel-Aufsatz“ seinen Lesern als zerrissene Existenz vorstellt.

Graf Leo Tolstoi ist in der Diktion Berlins ein „Fuchs“, damit will er auf eine antike Fabel Bezug nehmend sagen: „einer, der von vielen Dingen weiß“, dem also plakativ gesagt nichts Menschliches fremd ist. Für diese Gabe des guten Hinschauens, des genauen realistischen Portraitierens der (fehlenden) Mitmenschen wurde Tolstoi von seinen Schriftstellerkollegen stets sehr geschätzt. Jedoch litt Tolstoi unter der eingesehenen, literarisch verarbeiteten, als schmerzend empfundenen Beliebigkeit seiner Zeitgenossen. Er wünschte sich, dass all diese Fehlerhaftigkeit seiner Umwelt eines Tages durch und zugunsten eines tragenden Systems abgelegt werden würde. Hier kommt die „Igelhaftigkeit“ („der Igel weiß eine Sache gut“) Tolstois zum Vorschein. Der indolente Pluralismus muss überwunden werden – die Heilsbotschaft Tolstois lautete verknappt: Werdet arbeitsame Bauern und lasst die Degenerationserscheinungen der Zivilisation hinter euch! Diesen Appell, der in so manchen der Tolstoischen Passagen voller Erkenntnis- und Geschichtsphilosophie (v.a. in „Krieg und Frieden“ auffindbar) rational begründet werden soll, nimmt Berlin ihm nicht ab. Tolstoi weiß in Berlins Lesart um die Sinnlosigkeit seiner eindimensionalen Welt-/Selbst- und Heilsaussage. Nur sieht er keinen anderen Weg aus dem so brillant aufgezeigten Laster als den der Igel. Als Fortsetzung (und Auflösung) dieser Monismus-Pluralismus-Thematik empfiehlt sich dem aufgeschlossenen Berlin-Novizen auch die Vorlesungsreihe „Die Wurzeln der Romantik“ (2004, Berlin Verlag). In dieser Zeit galt nämlich: „Rückhaltlosigkeit, Aufrichtigkeit, Reinheit der Seele, die Fähigkeit und Bereitschaft, sich seinem Ideal hinzugeben, ganz gleich, wie dieses letztlich aussah.“ Lauter (selbst-)gewisse Igel also, die sich in wahrhaft füchsischer Toleranz üben können!

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