Der gesuchte Suchende

Der Italiener Tabucchi, Professor für portugiesische Sprache und Literatur, ist einer der Schriftsteller, die man wegen der rastlosen Ruhe ihrer Texte bewundern muss. Wer sich fragt, was denn „rastlose Ruhe“ sein soll, der möge bitte einfach Tabucchi lesen – es ist schwer, seinen Stil anders zu beschreiben. Er schreibt, als ob er nichts Besonderes zu sagen hätte, aber gleichzeitig liefert er einen Plotpoint nach dem anderen ab. Sein Buch „Erklärt Perreira“ ist sogar 1955 mit Marcello Mastroianni in der Titelrolle verfilmt worden.

„Indisches Nachtstück“ handelt von einem Mann auf der Suche nach einem anderen. Ein Portugiese ist verschwunden und wird gesucht. Der Erzähler, der zugleich der Gesuchte ist, klopft an jede Tür in Bombay, Madras und in Goa. Nichts. Wobei: Nein, gelogen, er sucht und wird selbst zum Gesuchten. Von wem? Von sich selbst.
Es wäre gemein, noch näher auf diesen Inhalt einzugehen, denn es würde die Überraschung verderben, die dieses Buch für einen bereit hält. Nur so viel: Es ist keine schlimme Überraschung.
Das Buch hat knapp 130 Seiten und ist interessanterweise auf Flohmärkten immer zu kaufen. Zu viele Menschen scheinen daran vorbeizugehen. Ein wenig muss man jedoch einräumen, dass das Indien, das Tabucchi beschreibt, wirklich ein sehr künstliches ist und durchsetzt von Clichés, die man wahrlich satt hat.
Wenn man das Buch also nicht als Reiseführer versteht und ein wenig die Exotikgier überliest und sich der Grundidee der Handlung anvertraut, wird man sich über den Besitz dieses Buches freuen.

„ Wir sind alle tot, haben Sie das noch nicht begriffen? (…) alles tot, es hat alles keinen Sinn gehabt.“
„Nein“, sagte ich, „etwas bleibt immer zurück.“
„Was?“, fragte er. „Ihre Erinnerung? Euer Gedächtnis? Diese Bücher?“
Er machte einen Schritt auf mich zu, und ich verspürte großen Ekel, denn ich wusste bereits, was er tun würde, ich habe keine Ahnung, warum, aber ich wusste es bereits. Er stieß mit dem Stiefel ein kleines Bündel beiseite, das zu seinen Füßen lag, und ich sah, dass es eine tote Ratte war.“ (S. 79)

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