Der Gott in meiner Mortadella

„I’ve always hated things made in the shape of things – volumes of Dickens that turn out to be a biscuit tin, and dodges like that.“ (Lord Peter Wimsey)

kurze BeschreibungBisweilen legt uns die Natur Dinge auf den Teller, die zwar wie Essen aussehen, aber zugleich auch wie etwas anderes. Besonders verwirrend, wenn die Nahrung menschliche Züge annimmt. Wer hat noch nie eine Tomate mit Nase gegessen? Am Kiosk kann man Ansichtskarten von Karotten kaufen – Karotten, die männlichen und weiblichen Genitalbereichen ähnlich sehen. Es gibt Kartoffeln mit Brüsten; solche mit Augen sowieso. Und Mitte der 1980er berichtete die Kleine Zeitung von einer Aubergine, die das Gesicht des damals amtierenden Bundeskanzlers Fred Sinowatz trug – zumindest Nase und Backen. Geerntet in einem steirischen Garten. Wäre uns nicht allen manchmal lieber, es säße lauter Obst und Gemüse im Parlament? Allerdings wird das schwierig: was wächst schon im Garten, das der Unterrichtsministerin ähnelt?

Aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben, und es kommen ja auch tierische Substanzen in Frage. Ich habe schon Ostereier gesehen, die sahen (mit Drahtbrille und Papiermaché-Lippen) aus wie Alfred Gusenbauer. Und Goya hat einmal drei alte Fischweiber bei der Betrachtung einer Scholle gemalt; die Zeichnung auf dem Rücken der Scholle sieht tatsächlich wie ein menschliches Gesicht aus – sie ähnelt bis aufs Haar den grinsenden Fischweibern.

Huhn und Ei

Menschliche Züge darf das Essen ja noch ruhig haben, aber manchmal entwickelt es göttliche. Nicht alle, denen so etwas begegnet, wissen damit umzugehen. Eine vorbildliche Haltung gegenüber solchen Wunderbildchen hat Giovanni Guareschi am Beispiel seines Helden Don Camillo geschildert. Im Dorf machen Zeitungsmeldungen die Runde: In Ancona hätte ein Huhn ein Ei gelegt, auf dessen Schale reliefartig ein Kruzifix eingraviert war. Peppones Parteigänger werden unruhig. Könnte man nicht auch arrangieren, daß sich ein Huhn in die kommunistische Partei einschreiben läßt und vier Tage später ein Ei mit Hammer und Sichel legt? Nein, könnte man nicht, resigniert Peppone; eine Ideologie, die Gott und Transzendenz rundweg ablehnt, kann keine Wunder für sich beanspruchen, nicht einmal als Zeitungsente. Ente? Am Sonntag darauf legt Don Camillos schwarze Henne wahrhaftig ein Ei, auf dem eine Hostie im Strahlenkranz abgebildet ist. Aber Camillo zeigt Größe. Er hält den Dorfkommunisten das Ei zwar erst vertraulich unter die Nase, aber dann zerquetscht er es in seiner mächtigen Faust. „Um euch die Größe Gottes klar zu machen, brauche ich nicht die Hilfe einer dummen Henne“, verkündet er und dreht ihr den Hals um; sie endet im Suppentopf. Jesus selbst lobt seinen Priester dafür; ein Gott, der wirklich da ist, braucht eben keine plumpe Reklame.

Heilige Tortilla!

Nun ist nicht jeder so abgeklärt wie Don Camillo, besonders nicht jenseits des großen Teiches. Eine gewisse Maria Rubio aus New Mexico machte 1977 viel Aufhebens von einem hausbackenen Tortillafladen, auf dem man angeblich die Gesichtszüge Jesu Christi sehen konnte. Bis 2005 stand dieses leicht angeschmorte Teigfetzchen im Schrein der Wundertätigen Tortilla hinter Mrs. Rubios Haus, empfing Pilger und heilte Kranke. Dann ließ Mrs. Rubios Enkelin es eines Tages fallen – sie hatte es zum Vorzeigen in die Schule mitgenommen – und es zerbröselte samt seiner Wundermacht. Aber es hatte einen Standard gesetzt: eßbare Ikonen, die etwas gelten wollten, mußten sich seither an ihm messen lassen. Zwar fand sich bald darauf jemand, der Jesus in einer Pasta-Reklame erkannte, in der Fotografie eines Spaghettiknäuels. (Woran erinnert uns das bloß?) Man munkelt auch von einer Zimtschnecke, die aussah wie Mutter Teresa (kein Witz!); sie verschwand ebenfalls 2005, und zwar durch Diebstahl. Aber zum wahren Nachfolger der Santa Tortilla wurde erst das Madonnen-Röstbrot der Diana Duyser.
Mrs. Duyser (Hollywood/Florida) briet sich 1984 ein Käsesandwich von unglaublicher kulinarischer Banalität: zwei billige Toastbrotscheiben, billiger Schmelzkäse dazwischen, kunstlos in der Bratpfanne erhitzt, ohne Fett. Sie hatte gerade eine Ecke abgebissen, als sie in den Schmorspuren (kann es sein, daß das Ding ein bißchen angebrannt war?) das Gesicht der Muttergottes erkannte. Grund genug, das Brot nicht zu essen, sondern auf Watte in einem Plexiglas­schächtelchen aufzubewahren. Wundersamerweise schimmelte es nie (naja, trockenes Brot und hartgewordener Käse?), während es zwanzig Jahre auf Anerkennung durch die katholische Kirche wartete – vergeblich, obwohl man doch dort sonst nichts gegen Brot hat. Schließlich, 2004, versteigerte Mrs. Duyser ihr altes Brötchen auf Ebay. Ein Online-Casino kaufte es um 28000 $. Seither läßt sich die Röstmadonna von Pilgern bestaunen und sammelt Geld – für gute Zwecke natürlich. Diana Duyser ließ sich das Marienantlitz (man kann es mühelos im Internet finden – und nein, es ist nicht sehr überzeugend) aufs geräumige Dekolleté tätowieren (bäh!), gibt seither viele Interviews, hält amateurhafte Predigten und macht Reklame für alles mögliche. Sicher auch für gute Zwecke. So sind alle glücklich.

Was man sieht, muß auch da sein!

Es soll ja vorkommen, daß der Natur ein bißchen nachgeholfen wird, wie etwa bei dem erwähnten Osterei. Dann sind solche Erscheinungen kein Wunder. Ich meine, man kann ja auch Rennautos aus Karotten schnitzen, Rosen aus roten Rüben, und das Affenhirn in Faces of Death war bekanntlich gedämpfter Blumenkohl mit Lebensmittelfarbe und etwas Gelatine. Man muß auch nicht alles glauben, was einem erzählt wird; Don Camillos Hostien-Ei ist zum Beispiel nicht ausreichend beglaubigt. Aber der Duysersche Toast? Millionen Leute haben ihn gesehen, manche haben ihn unter die Lupe genommen und vermessen – es scheint kein Trick dabei zu sein, obwohl ein paar nichtswürdige Ungläubige an speziell geformte Waffeleisen und kunstreiche Bepinselung des Toastbrots mit einer Hefelösung dachten. Verbringt vielleicht doch irgendein Gott seine Zeit damit, unscharfe Porträts auf Röstbrote zu brennen?
Die Probe aufs Exempel macht man am besten mit Bildern, von denen einigermaßen feststeht, daß sie nichts darstellen, oder wenigstens nichts Heiliges. In Folge 12 der 3. Staffel ihrer Fernsehserie Bullshit! mit dem Titel Signs from Heaven (25. Juli 2005) gaben die amerikanischen Show­stars Penn & Teller nicht nur dem Duyser-Käsebrot sein Fett („It’s a grilled fuckin’ cheese fuckin’ sandwich!“), sondern zogen auch mit einem kryptischen Foto durch die Straßen. Es zeigte unregelmäßige Formen in Weiß und Schweinsrosa. Passanten sahen allerhand darin: eine Katze, einen Dinosaurier, aber auch Jesus und – Höhe­punkt! – das Grabtuch von Turin. Was war’s? Eine Ausschnittvergrößerung vom Querschnitt einer Scheibe head cheese – die amerikanische Proletenversion der Preßwurst. Ich finde immer noch, Mortadella hätte mehr Stil gehabt­­ – allein wegen der Pistazien.

Pareidolie

Wer auch daran schuld sein mag, aber das menschliche Gehirn ist darauf programmiert, bekannte Strukturen wiederzuerkennen. Diese Funktion ist lebensnotwendig; wem sie fehlt, der hat Alzheimer. Aber gerade weil sie so wichtig ist, spielt sie auch Streiche und läßt uns die vertrau­ten Muster auch dort finden, wo sie gar nicht sind. Leute hören sich leere Tonbänder an, oder das Rauschen brachliegender Rundfunkfrequenzen, und erkennen darin grammatisch einwandfreie Äußerungen der verstorbenen Prinzessin Diana. Blanker Irrsinn. Noch leichter fallen wir auf Gebrabbel herein, das zwar artikuliert ist, aber doch keinen Sinn ergibt, wie Usedump gewadal Slap, Nekräst negibäul geid, Thymmula dinari golba caduna trepon und Efentra katydej enedo vorofasd. Könnte das erste nicht niederländisch sein, das dritte Latein und das vierte ungarisch oder polnisch – vor allem, wenn man keine dieser Sprachen kann?
Ebenso geht es bei der optischen Wahrnehmung. Je bewußter wir hinsehen, und je mehr Bilder wir im Kopf haben, desto eher sehen wir etwas Bekanntes wieder – auch wenn das Wahrgenommene pures Chaos ist. Zusätzlich wählen wir den Beobachtungsbereich willkürlich aus. Wieviele angebrannte Toastbrote haben Sie schon ge­sehen, auf denen das Fliegende Spaghettimonster nicht abgebildet war? Toasten Sie weiter. Bei vielen tausend Brotscheiben und mit etwas gutem Willen finden Sie früher oder später eine Ikone. Oder braten Sie doch Palatschinken, die haben auch tolle Muster. Die Natur bietet chaotische Strukturen; der Mensch wählt aus, was ihm etwas sagt, und sieht darin, was er sehen will. Wie beim Rorschach-Test. Psychologen haben einen Terminus dafür: Pareidolie.

Oder?

Beruhigend, nicht? Wenn Sie in den Fettaugen auf der Suppe ein nacktes Mädchen erkennen, oder in den Marmeladeflecken auf dem Küchenboden den Satan – manchmal sieht man nämlich auch, was man fürchtet – dann ist das ganz normal. Eben ein Fall von Pareidolie – ein gut erforsch­tes Phänomen, nichts Aufregendes dahinter. Wir können aufatmen.
Hm. Ganz so ist es aber doch nicht. Hat uns nicht die Kunst des 20. Jahrhunderts an einen Punkt gebracht, wo wir kaum noch einer Struktur Absichtslosigkeit zubilligen können? Der formlose Fettklumpen eines Beuys, Farbklecksereien à la Pollock, selbst Fotos von banalen Suppendosen – sind das nicht Kunstwerke, hinter denen formulierbare Absichten stehen? Und wenn Menschen zu dergleichen fähig sind – sind es nicht Götter und Dämonen doppelt und dreifach? Auch hier gilt die akustische Parallele. Ich verrate Ihnen: die obigen Beispiele für sinnlose sprachliche Äußerungen sind in Wirklichkeit wohldurchdachte Produkte geübter Wortkünstler. Sie stammen der Reihe nach aus Michael Endes Trödelmarkt der Träume, Goethes Reineke Fuchs, einem Epigramm des Humanistendichters Euricius Cordus und der dritten Ausgabe des Baggers(Oktober 2007).
So betrachtet haben wir gute Gründe anzunehmen, daß es gar kein echtes Chaos gibt. Die Portion Spaghetti Bolognese auf Ihrem Teller sieht ganz und gar aus wie das Fliegende Spaghettimonster. Ein Zufall? Nein. Mindestens handelt es sich um ein Bild der Gottheit, das der Küchenchef aufgrund von Inspiration geschaffen hat. Und woher weiß ich, daß es nicht die Gottheit selbst ist, die sich da auf dem Teller niedergelassen hat? Allein deswegen würde ich sie nicht essen; aus schierer Ehrfurcht, nicht vielleicht nur, weil ich Vegetarier bin. Großes Piratenehrenwort. Und zum Beweis, daß ich nicht schwindle, werde ich jetzt noch ein Wunder wirken.

Der Stern der Weisen

Kennen Sie mein persönliches mystisches Symbol? Ein zwölfstrahliger Stern. Er hat gewisse Ähnlichkeit mit einer zwölfblättrigen Lotosblüte. Haben Sie das Bild im Kopf, so daß Sie es zeichnen könnten? Nein? Macht nichts. Ich werde den Stern auf Ihren Küchentisch projizieren – nicht nur geistig, sondern physisch. Ein Wunder, wie es nicht alle tun.
Lesen Sie die letzten zwei Worte des vorigen Absatzes von hinten nach vorn. Dann borgen, erbetteln oder stehlen Sie ein unangebrochenes Glas Nußnougatcreme – vorzugsweise gleich 750 Gramm, mein Wunder verlangt Substanz. Stellen Sie jetzt das Glas auf den Tisch (eventuell ein paar Scheiben Weißbrot bereitlegen). Visualisieren Sie die Zahl 12. Zwölf Apostel, zwölf Monate, zwölf Stämme der Urbevölkerung Tibets. Lesen Sie laut und feierlich mindestens drei Absätze dieses Artikels.
Und jetzt öffnen Sie das Glas. Weißen Deckel abschrauben, Goldfolie vorsichtig ablösen. Der Stern schimmert Ihnen entgegen. Huldigen Sie mir!
Sollten Sie den Stern nicht sehen, dann haben Sie sich eben nicht stark genug konzentriert.
Oder das Glas vorher zu sehr geschüttelt.

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