Der Schneeleopard

Wir erinnern uns: Nach dem spurlosen Verschwinden von Gustav van Broghs zweiter Exfrau, Sabrina van Brogh-Metternich, eröffnet Ludmilla publikumswirksam ein Heim für Waisenkinder, um den millionenschweren Industriellen Henry Dufay zu beeindrucken. Inzwischen kommt ihr aber zu Ohren, dass sich der verschollen geglaubte Gustav wieder in der Öffentlichkeit zeigt – und zwar in ungewohnter Begleitung.

Mit zusammengekniffenen Augen taxierte Ludmilla die neue Gattin ihres Exmannes. Diese schien ein ganz anderes Kaliber zu sein als die stets etwas plump wirkende Sabrina, van Broghs zweite Frau und Ludmillas unmittelbare Nachfolgerin.

Ariana van Brogh war indes der prüfende Blick ihrer Konkurrentin nicht entgangen; weshalb sie sich auch besonders gekonnt in Pose warf und huldvoll an ihrem Champagnerglas nippte, als sich nun der für seine skandalösen Storys berüchtigte Society-Reporter Jack Johnson der Gruppe näherte, die sich nach der offiziellen Eröffnung der Galerie um die Bar versammelt hatte. Johnson hatte vor kurzem eine eigene TV-Show bekommen, nachdem er sich, wie man munkelte, auf unlautere Art und Weise die Gunst des Programmdirektors verschafft hatte; nun befand er sich, seinen Kameramann im Schlepptau, auf der Suche nach verwertbarem Stoff – dieser war ihm, was wenig verwunderte, sowohl in Gestalt weißen Pulvers willkommen als auch in Form von Gerüchten, Intrigen und Eklats in der Welt der Glamourösen und Berühmten. Johnson tauchte überall dort auf, wo er Ränke witterte. Diesmal führte ihn sein Instinkt zur Eröffnungsfeier der Galerie BeauBeau der angesehenen Wohltäterin Anneliese de Mayère, welche bekanntermaßen sehr eng mit dem alternden Schauspieler Gustav van Brogh befreundet war – Gerüchten zufolge war sie sogar mit seinem Kind schwanger, als sie damals vor gut siebzehn Jahren in jenen mysteriösen Autounfall verwickelt wurde, bei dem neben dem Ungeborenen auch der Mann ihrer Schwester Magda, Greg Lancie, zu Tode kam. Warum er sich in jener Nacht im Jaguar seiner Schwägerin befunden hatte, ist nicht bekannt. Anneliese de Mayère selbst litt nach dem Unglück monatelang an einer schlimmen Amnesie. Ihren eigenen Angaben zufolge konnte sie sich an die Umstände und den Hergang nicht mehr erinnern; ein gefundenes Fressen für die Boulevard-Journalisten, die sich gegenseitig mit immer fantastischeren Theorien und Spekulationen überboten.
Aber Jack Johnson war nicht wegen Anneliese gekommen – vielmehr war es die Anwesenheit Gustav van Broghs, welcher sich nach dem vorzeitigen Tod seiner zweiten Ehefrau Sabrina van Brogh, geborene Sherling und Erbin des traditionsreichen Sherling-Imperiums, komplett in sein Anwesen zurückgezogen hatte und nun überraschend wieder in der Öffentlichkeit auftrat – an der Seite einer bezaubernden jungen Frau, die Johnsons geneigtem Publikum allenfalls als Betty Sanders, Tochter eines Schlangenzüchters, aus einer kurzlebigen TV-Reality-Show bekannt war; schlicht gesagt ging es in der Serie darum, dass sich die in einem Haus zusammenwohnenden Teilnehmer mittels Schaumstoffschlägern gegenseitig aus dem Rennen beförderten. Nun versuchte die Dame offenbar, ihrer Karriere durch die Ehe mit van Brogh, der seinerseits nicht gerade als Verächter des weiblichen Geschlechts galt, etwas mehr Glanz zu verleihen. Johnson ahnte wohl, dass sein Interesse an dieser Person von vielen der anwesenden Gästen geteilt wurde; ebenso wie Ludmilla fragte er sich, wie Betty – Ariana – es geschafft hatte, sich still und heimlich an den alten van Brogh heranzumachen und diesen zum Erscheinen bei einem angesagten Society-Event zu überreden konnte.
Ariana war sich des Aufsehens, das sie erregte, sehr bewusst und kostete die Aufmerksamkeit, die ihr geschenkt wurde, mit größtem Genuss aus. Triumphierend lächelte sie in die Runde, reichte grazil ihre behandschuhte Rechte zum Gruß und begeisterte mit ihrem eleganten Zigarettenspitz aus Elfenbein-Imitat. Zwischendurch wandte sie sich ihrem Ehemann zu, um ihm zärtlich ins Ohr zu hauchen; dessen Augen funkelten mit den Diamanten an Arianas Ohrläppchen um die Wette – möglicherweise lag dies an seiner neu erwachten Lebensfreude, wahrscheinlicher machte sich bereits der unbescheidene Genuss alten Rotweins bemerkbar.

Ludmilla fuhr indes damit fort, Ariana scharfe Blicke zuzuwerfen. Sie sah ihren Plan gefährdet, van Brogh wieder zurückzugewinnen und sein gesamtes Vermögen zu erben und überlegte nun einen Ausweg. Jack Johnson beobachtete sie und fragte sich, wohl ebenso wie Ludmilla selbst, was diese mit ihrem lächerlichen Verhalten bezwecken wolle. Gedankenverloren starrte er die Mittvierzigerin an – in ihm reifte eine Idee. Ludmilla, der die unverhoffte Aufmerksamkeit anfangs nicht gerade unrecht war, begann sich unter Johnsons starrem Blick unwohl zu fühlen und zupfte nervös an ihrem üppigen Dekolleté herum. Da dies keine Änderung bewirkte, versuchte sie es mit einem Räuspern, welches im allgemeinen Gemurmel völlig unterging. Schließlich rümpfte sie die Nase und wollte sich abwenden, als ihr ein Gedanke kam. Sie setzte ihr reizendstes Lächeln auf und trat entschlossen auf Johnson zu. Die Bewegung riss Johnson aus seinen Gedanken, und er blickte verwundert auf.
„Ich glaube, wir wurden einander noch nicht vorgestellt. Ludmilla Downey, ehemalige van Brogh.“
Und sie reichte ihm die Hand, woraufhin er einen Handkuss andeutete.
„Sehr angenehm. Jack Johnson ist mein Name“, erwiderte er, „natürlich sind Sie keine Unbekannte für mich, Gnädigste, ebenso wie ich Ihnen nicht ganz fremd sein dürfte …“
Ein schelmisches Lächeln huschte über seine Lippen und entblößte eine Reihe vergilbter Schneidezähne. Ludmilla betrachtete ihn mit Geringschätzung.
„Kommen Sie, ich gebe Ihnen einen Scotch aus. Ich hätte da einen Vorschlag für Sie. Sie trinken doch Scotch?“
Sprach’s, hakte sich bei Johnson unter und zog ihn in Richtung Bar. Ariana, die das Gespräch beobachtet hatte, zückte ihr Mobiltelefon und wählte eine Nummer. Am anderen Ende meldete sich eine Frauenstimme. Den Blick unverwandt auf Ludmilla gerichtet, die sich eben die Hände rieb, erwiderte Ariana den Gruß. „Hi Sabrina…“

Und weiter dreht sich die vernichtende Spirale der Intrigen, weiter geht das immer wahnwitzigere Spiel … sollten Sie sich für die Fortsetzung dieser spannenden Geschichte interessieren, so beschaffen Sie sich auf jeden Fall die nächste Bagger-Ausgabe! Wenn Sie (und d. Verf.) Glück haben, finden Sie dort Teil XII – Bittere Rache.

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