Der Wahrheit auf der Spur

Wenn drei so weitgereiste Herren wie hier beisammen sitzen, sollte doch wohl die eine oder andere Weisheit zu erfahren sein.

_Nach ihren letzten Ausflügen hat sich unsere Wanze diesmal in eine sehr eigentümliche Spelunke verirrt. Dort sitzt sie nun – gut getarnt auf der vergilbten Tapete – und wartet geduldig auf ein belauschenswertes Gespräch, als plötzlich mit ordentlichem Getöse eine Kanonenkugel durchs offene Fenster hereindonnert, von der – bevor sie krachend in die gegenüberliegende Wand einschlägt und auf der anderen Seite die Küche in helle Aufregung versetzt – behende ein altmodisch gekleideter Herr abspringt, der sich – als wäre nichts gewesen – kurz umschaut und dann an den einzigen besetzten Tisch zu zwei gleichfalls eigentümlichen Gestalten setzt. Während sich draußen eine dort angebundene, gerade knapp mit heiler Haut davon gekommene alte Mähre langsam wieder beruhigt, entwickelt sich zwischen dem Neuankömmling und den beiden ebenfalls nicht mehr ganz jung wirkenden Gästen, die durch den theatralischen Auftritt nicht sonderlich beeindruckt erscheinen, ein Gespräch, dem unsere Wanze – nun doch etwas neugierig geworden – ein Weilchen lauscht._

Münchhausen: Die werten Herren haben doch wohl nichts dagegen einzuwenden, dass ich mich so frank und frei zu ihnen gesetzt habe? Sie mögen verzeihen, aber ich sitz’ eben nicht gern allein herum, da mich dies gänzlich der Möglichkeit beraubt, meine Geschichten mit anderen zu teilen – was ich doch für mein Leben gern zu tun pflege.
Don Quijote von der Mancha: Wir werten Ihren Auftritt, edler Herr Ritter, nicht als Angriff auf diese Burg, auch wenn Kanonenkugeln für gewöhnlich keine solche Interpretation erlauben. Also gesellen Sie sich zu uns, und breiten Sie uns eine Ihrer Geschichten aus, wenn Ihnen beliebt, denn wir beide, Herr Gulliver und meine Wenigkeit, haben uns schon in Unterredungen erschöpft.
Münchhausen: Ja, da ist mir ein erbärmliches Missgeschick passiert. Verzeihen Sie vielmals. Für gewöhnlich habe ich sie ganz gut ihm Griff, aber manchmal entwickeln Kanonenkugeln doch eine eigentümliche Dynamik, insbesondere wenn ihnen der Küchendunst guter Gaststuben in die Nüstern steigt. Da kann ich ihnen von einem ganz unglaublichen Erlebnis berichten, das mich letztens trotz meiner Erfahrungen und  meines Scharfsinns auf einer Seereise im nördlichen Eis­meer eines Besseren belehrt hat.
Don Quijote: Eine Mär von einer Heldentat im Eismeer wär durchaus passend! Erst gestern nämlich hat mich meine Mähr, unglücklich stolpernd im tapferen Ansturm gegen einen feigen Riesen, in einem eiskalten Quell versenkt, und mir blieb, neben einem gehörigen Husten, nur ein reuiges Abschiednehmen von meinen 130 Maravedis, die Rocinante – mein Ross – dem Riesen zutrug. Nebenbei: Sehen Sie sich in der Lage uns vielleicht, neben Ihrer Geschichte, auch noch einen Grog zu spendieren? Herr Gulliver hat in letzter Zeit auch nicht unter einem Geldbaum geschlafen.
Münchhausen: Mit größtem Vergnügen will ich den Herren da dienlich sein. Wirt! Zwei Gläschen Grog für die Herren und eines mit gutem Tokaier für mich. Ach, da kommt mir just die Geschichte in den Kopf, wie ich dem Großsultan zu Konstantinopel für ein Fläschchen desselben delikaten Getränks die Schatzkammer ausräumte …
Gulliver: Ach, hören Sie doch auf mit Ihren Phantastereien. Was mögen die außer bloßer Unterhaltung denn für einen Wert beherbergen? Vielmehr seh ich es als unsere Aufgabe, drauf hinzuweisen, welche Irrsinnigkeiten und Verlogenheiten in unseren Ländern von den Wesentlichkeiten ablenken. Zu diesem Zwecke hab ich damals meine Erlebnisse niedergeschrieben, um den Herren in den Palästen und Gerichtshöfen einen Spiegel vorzuhalten und sie zu etwas mehr Wahrhaftigkeit zu erziehen. Doch, ach, die eitlen Gecken erkennen sich nicht einmal selbst wieder. Vielmehr haben sie mein Schaffen als Geschichten für Kinder abgestempelt und betrügen weiterhin sich selbst und alle anderen, anstatt der Wahrheit ins Auge zu sehn.
Don Quijote: Der Wahrheit ins Auge sehen! Das ist nicht einfach. Wie oft habe ich erlebt, dass der Zauberer Frestón meine Feinde als Mönche oder Mühlen erscheinen ließ, sodass mein Angriff den Eindruck erweckte, ich würde die gegen Erpresser oder Riesen erhobene Hand auf Benediktiner oder gutmütiges Windwerk niederschmettern lassen. Und wie dies zeigt, war hier eine Täuschung der Welt im Gange, der sich zu widersetzen ich als Einziger imstande war, vermutlich durch die keusche Liebe zu Doña Dulcinea: Denn das Bild ihrer Schönheit erleuchtet mir selbst in der tiefsten Finsternis der Täuschung die Dinge, wie sie am hellsten Tage wirklich sind.
Münchhausen: Verzeiht, aber wenn Euch Euer altersschwacher Verstand Fabelgestalten vorgaukelt, so hat dies nicht Lüge, sondern Einbildung als Ursache. Da wird auch niemand grollen gegen Euch – vielmehr wird Euch in Folge wohl Mitleid und Schabernak zuteil, was Euch in Eurer Rolle, edler Ritter, noch bestärken dürfte. Mir hingegen wurde oft und oft vorgeworfen, ich sei ein Aufschneider, ein Lügenbaron gar! Und dies meist gerade von solchen jungen, unverständigen Prahlhänsen, zu deren Belehrung ich meine Erlebnisse bereitwillig, hübsch ausgeschmückt und schmackhaft gemacht, zu erzählen pflege. Aber manchen unter diesen gereicht ihr Verstand doch manchmal zur Erleuchtung – und so denke ich, dass meine Geschichten doch mehr zur Wahrheit beitragen als so manches königliches Sitzungsprotokoll, bei dessen Verfassung der Sekretär um höchste Wahrhaftigkeit bemüht gewesen sein wird.
Don Quijote: Diese Beleidigung will ich noch einmal überhört haben, denn Ihr Stand scheint mir so hoch zu sein, dass ich mich nicht gezwungen sehe Ihnen um formeller Kleinigkeiten willen eine Hand voll Lanzenstöße verabreichen zu müssen. Aber ein Affront noch, und ich sehe mich wahllos! Im Übrigen kann ich durchaus beweisen, dass es die Welt ist, die getäuscht sich täuschend wähnt: So wurde mir von besagtem feindlichen Zauberer meine teure Bibliothek entführt, und nicht nur die Bücher, sondern der Raum selbst, sodass seine Stelle selbst, wo ich alles über das fahrende Rittern erfuhr und Ehre und Recht lernte, zu reinem Garnichts geworden ist. Dies war nun unmöglich meine Einbildung, denn ich lag verwundet im Fieber, als dieser Frevel geschah, sondern wurde mir von meiner Nichte und meiner Haushälterin berichtet, von zwei Wesen also, die nie so eine Geschichte zu erfinden imstande wären. Und so wehre ich mich und halte Ihnen entgegen: Ihre Ausschmückungen und Schmackhaftereien erregen viel eher das Interesse zu einer eingehenden Prüfung als die genaue Gestalt meiner Feinde!
Münchhausen: (zu sich selbst) Ich will dem armen Teufel nicht sein Luftschloss zerstören. (zu den anderen) Da haben Sie wahrlich einen Beleg Ihrer Realität erbracht, edler Ritter, und ich will mich für meine Unhöflichkeit beizeiten mit einem weiteren Gläschen entschuldigen. Aber Herr Gulliver, Ihre Ausführungen soeben haben mich doch ein wenig nachdenklich gestimmt. Auch meine Geschichten haben doch den Zweck, vorlaute Aufschneider zur Räson zu bringen, indem ich sie in einen Zerrspiegel ihrer eigenen Angebereien schauen lasse. Mag sein, dass meinen Unterhaltungen Ihre weitreichende Tiefgründigkeit ein wenig abgeht, aber mich stimmt es schon zufrieden, wenn ich eine fröhliche Runde zum Lachen bringe, und immerhin einen Teil derselben nachdenklich stimme, indem ich unter der Maske der Wahrheit in ganzem Ernste falsche Dinge behaupte und auf Kosten meiner eigenen Ehre auch diejenigen hintergehe, die meine Zuhörer sind.
Gulliver: Da mögen Sie schon recht behalten, werter Baron. Ich bin nur etwas unwirsch in dieser Sache, weil ich nach der Veröffentlichung meiner Reisetagebücher nun gar keinen Effekt wahrnehmen konnte, was wohl auch – wie ich zugeben muss – ein bisschen die Schuld des Verlegers sein könnte, der den Text an wichtigen Stellen verfälschte. In der Sache sind wir uns wohl einig, was den Effekt betrifft, so bin ich leider selbst enttäuscht worden und mag auch in Ihrem Falle an keinen wesentlichen glauben.
Don Quijote: Auch ich war stets bemüht, die Wahrheit ans Licht zu befördern. So habe ich zumindest drei Autoren, also einen mehr als Sie beide zusammen überhaupt ausmachen könnten! Durch solch eine gewissenhafte Abstützung meiner höchst wahren Geschichte ist sie im Grunde unbezweifelbar. Und dennoch zeigt sich, ähnlich wie in Ihrem Falle, Herr Gulliver, dass die Masse selbst durch solch hochedles tadelloses Vorbild nicht verbessert wird.
Gulliver: Durchaus, durchaus. Traurige Zeiten sind das, in denen man, spricht man ganz unverblümt die Wahrheit, wohl gleich vom nächsten Baume baumelt. Versteckt man sie allerdings, wie ich es tat, hübsch hinter spaßhaften Fassaden, so muss man schweren Herzens lernen, dass es die eine Hälfte gar nicht zu verstehen vermag, die andere aber, die hindurch sieht, einen nur beschimpft und bedroht, anstatt zur Einsicht zu kommen, welch närrisches Spiel sie treiben. So bin ich dann gar aus meiner Heimat geflüchtet und hab mich hier niedergelassen. Ich bin mit allen derartigen luftigen Planungen, meine Landsleute bessern zu wollen, fertig.
Don Quijote: Nicht nur das Sprechen, auch das tätige Befördern der Wahrheit samt ihrer Schwester Gerechtigkeit bringt viele blaue Flecken, kostet ganze halbe Ohren und lässt einen oft zerdroschen am Schlachtfeld zurück. Doch nie würde ich es dulden, die restlichen eineinhalb Ohren würde ich noch mit Freude hinterherwerfen, könnte ich damit Ungerechtigkeit und Lüge vernichten. Aber es ist ein Streit ohne Ende, noch so oft kann ein Ritter ein einzelnes Unrecht sühnen, nie wird er alleine einen Sieg erringen, der Frieden bringt. Alle müssten sich hier zusammentun, und eine Heerschaar scharf gewitzter Ritter gleich mir bedürfte es, und selbst dann könnten wir uns des Sieges nicht völlig sicher sein. Doch Aufgeben ist Tod und würde mich in den Augen meines Lebens, Doña Dulcinea, in ein Licht stellen, das mir heißer als die Feuer der tiefsten Hölle die Seele ansengen würde. Und nichts auf Erden oder im Himmel könnte dieses Feuer je zum Erlöschen bringen, was mich an Ihr Friedensangebot eines Grogs erinnert, Herr Münchhausen, das ich nun durchaus anzu nehmen bereit bin.
Münchhausen: Edler Ritter, verzeiht, aber wenn ich mir Ihre Reden so anhöre, komme ich doch recht deutlich zum Schluss, dass Sie dieses Getränk schon über alle Maßen genossen haben. Ich denke Sie sollten sich lieber auf Ihren alten Ackergaul schwingen und hoffen, dass dieser noch nüchterner ist als Eure Wenigkeit.
Don Quijote: Elender Lump! Kein zweites Mal lass ich mich von einem Lügenbaron derart beleidigen! Seid eines raschen Todes gewärtig! …

Zornesrot springt der Ritter von der traurigen Gestalt unter heftigem Scheppern seiner rostigen Rüstung von der Bank auf und zieht, während sich der Baron schon schelmisch lachend auf der Flucht zum Hinterausgang befindet, sein schartiges Schwert. Während die zwei einander hinterherstolpern und Gulliver Anstalten macht, die beiden Streithähne wieder zu versöhnen, sitzt unsere Wanze seelenruhig in der Ecke und denkt sich das Ihrige.

Text von: pma & va

Empfehlungen:

• Gottfried August Bürger: Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande – Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen. (Auch hier: http://www.archive.org/details/wunderbarereisen00doruoft)
• Neuübersetzung von Susanne Lange im Hanser Verlag, „Don Quijote von der Mancha“. Eine älter Übersetzung des spanischen Originals findet sich hier: http://www.zeno.org/Literatur/M/Cervantes+Saavedra,+Miguel+de/Roman/Don+....
• Jonathan Swift: Gulliver’s Travels (Auch hier: http://www.archive.org/details/gulliverstravel01swifgoog) oder in deutscher Übersetzung: Gullivers Reisen (http://www.gasl.org/refbib/Swift__Gullivers_Reisen.pdf).
• Angesichts des Leitthemas dieser Baggerausgabe scheint uns auch ein Verweis auf folgende Überlegungen zum Thema Versteckte Sanskrit-Wortspiele in Gullivers Reisen nicht ganz unangebracht: http://www.geocities.com/sanskritpuns99/puns.html. 3 Säufer

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