Die Ballade von Marie und dem ewigen Regen

2006 ist von Vincent E. Noel ein Text erschienen mit dem Titel „Die Ballade von Marie und dem ewigen Regen“ mit seiner eigenen Umschlagsgestaltung, die den Namen „Solitude (Monodie#3) sans soleil“ trägt. Und was das Bild des Umschlages zeigt, ist Programm, denn der Text ist das System der Einsamkeit geschrieben wie in einem Guss.

Die Ballade von Marie und dem ewigen Regen Es ist eines von den Büchern deren Handlung nebensächlich ist, jedoch das vermeintlich Unwichtige aus dem Alltag herauskristallisiert und mit akribischer Feinfühligkeit zum Nachfühlen bereit macht. Nils ist verliebt. Marie erwidert seine Liebe nicht. Das ist alles. Und wenn jemand fragen würde, was „alles“ ist, dann kann man getrost dieses Buch zur Hand nehmen. In langen Sätzen, die eigentlich keine Sätze sind, in Ketten von Wörtern schafft es Noel sehr schön zu zeigen, wie es ist, wenn alles Leben hat, wenn alles – wirklich alles –ein Leben in sich hat und merkwürdigerweise man selbst – ausgerechnet man selbst nicht weiß, wie sich zum Leben verhalten, das einen umzingelt hat.
Was sich hier anhört wie eines dieser neumodischen Bücher, wo die Schriftsteller versuchen so kompliziert und verworren wie möglich zu schreiben, um möglichst poetisch und unerreichbar zu klingen: ist eigentlich eine Empfehlung für einen Text, der zwar unüblich, aber nicht unverständlich ist, hoch stilisiert, aber das Wesen der Dinge dadurch nicht unkenntlich macht, sondern erst zeigt.
Dieser Text von Noel ist eine Mischung aus: großer Feinfühligkeit, verständlich geschrieben mit sonderbarem und zartem Rhythmus, ohne ab und zu aufs Fluchen zu verzichten. Schönes Buch, ein wirklich schönes Buch, 97 Seiten lang ist endlich alles so, wie es sein sollte – alles fließt ineinander, eine wirklich schöne Ballade.

„Marie
ruft, der
Wohin gehst du
ruft, wer kennt die Antwort
und etwas schleicht sich von den Wangen fort, mischt sich unter die Wellen
Wellen
Wellen
Niemand ist hier, niemand ist bei dir, du bist immer allein, niemand ruft dich
also nicht die Augen öffnen, nicht auf Fragen eingehen, keine Fragen stellen, keine Antworten geben, keine Antworten wissen wollen, nicht auf das Leben achten, wozu auf das Leben achten, wenn das Leben überall, nur nicht bei dir ist, nicht auf die Schatten der Bäume
vielleicht Linden
achten, die sich anschleichen, während die Sonne langsam im Horizont ertrinkt (…)“ (61)

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