Die Elixiere des Monstradabus

Wie man jedes Detail der Weltgeschichte vorhersagt.

Wenn Prophezeiungen tatsächlich eintreffen, hat das manchmal mit Glück zu tun. Zum Beispiel errechneten seit 1990 an jedem Silvesterabend ein paar Astrologen, Papst Johannes Paul II. werde im kommenden Jahr sterben. Die es für 2005 taten, hatten Glück, alle davor Pech. Zum Glück gibt es einige Strategien, um solches Pech zu vermeiden.

Strategie Nr. 1: Man prophezeit ein Ereignis, das viel wahrscheinlicher ist, als das Publikum annimmt. Wenn Ihr Wünschelrutengänger verkündet „Hier werden Sie in 10–20 Meter Tiefe auf Wasser stoßen“, hat er fast an jedem Punkt der Erde recht; 17 Meter weiter links auch, aber das sagt er Ihnen nicht. (Grundwasser steht nämlich großflächig unter dem Erdreich, und die berüchtigten Wasseradern gibt es gar nicht.) Sicherer ist Strategie 2: Man manipuliert das Ereignis so, daß es zur Vorhersage paßt. Oder woher weiß der Hütchenspieler im voraus, daß er die nächste Runde auch gewinnen wird? (Zum Hütchenspiel siehe Bagger 4/2008, Thema „Lüge“.) In manchen Fällen – Erdbeben oder Fußball-WM – geht das aber nicht. Dann hilft Strategie 3: Man wartet das Ereignis ab und prophezeit es nachträglich.

Das Auge des Sehers

Trick 3 (genannt „vaticinatio ex eventu“) war in Antike und Altertum höchst verbreitet. Beliebig vielen Monarchen wurde einst das Ende ihrer Dynastie geweissagt – die Berichte darüber finden sich immer erst in den Annalen der Nachfolgedynastie. Aber noch um 1920, und dann wieder 1950, fabelte man in Bayern vom „Mühlhiasl“, dem Müller und Waldschrat, der schon gegen 1760 einen oder beide Weltkriege vorausgeahnt hatte. Professioneller ist Variante 3a: Man schreibt die Vorhersage im Geheimen nieder und adaptiert sie nach dem Ereignis, gerne unter Anwendung modernster Technologien. Der britische Starmagier Derren Brown notierte am 11. September 2009 vor laufender Kamera, Sekunden vor der Ziehung, sechs Lottozahlen – und nachher waren es die richtigen. (Alle Zauberer, die kein Fernsehstudio zuhause haben, beneiden ihn um den Trick.)
Eng wird es, wenn man die Vorhersage wirklich vorher aussprechen muß. In den 1950ern mußte der niederländische Hellseher Gérard Croiset bei den berühmten „Platz-Tests“ die Personen beschreiben, die Wochen später auf bestimmten Plätzen im Auditorium sitzen würden; die Platznummern wurden verlost. Seine Strategie war der Mann, der ihn testete: der Parapsychologe Wilhelm Tenhaeff. Er publizierte nur staunenswerte Übereinstimmungen, wenn sie vorkamen, und lag Croisets vages Gefasel meilenweit daneben, vergaß er es einfach. Strategie Nr. 4 des erfolgreichen Sehers ist der Filter im Gehirn des interpretierenden Publikums. Das schärfste Auge des Propheten sitzt im Kopf dessen, der an ihn glaubt.

Nostradamus Superstar

Unbestrittener Meister der Strategie 4, und das seit bald 500 Jahren, ist Michel de Nôtredame (1503-1566), latinisiert: Nostradamus. Unbeirrt vom Wandel der Zeiten füllt er die Esoterikregale der Buchläden – im Gegensatz zu anderen (z. B. Rudolf Steiner) nicht mit Selbstverfaßtem, sondern mit Werken seiner Ausleger. Manche versenken sich ein ganzes Forscherleben lang in die Prophezeiungen ihres Stars, des „Königs der Sterndeuter“.
Maître Michel, wie ihn seine Mitbürger nannten, war Apotheker in der Provence. Er stammte aus St. Rémy, hatte in Montpellier etwas Medizin studiert, machte eine Apotheke in Agen auf; nach Streitigkeiten mit seinem dortigen Freund, dem Humanisten Julius Cäsar Scaliger, zog er in das Städtchen Salon. Sein lateinischer Name („Nostra damus“) läßt sich verstehen als „wir geben Nostren“, d. h. wir verkaufen Arzneien aus eigener Herstellung. Gerüchte, er sei Arzt gewesen und habe ein Mittel gegen die damals wütende Lungenpest entdeckt, stammen aus einer posthumen Pseudobiographie, verbreitet von seinem kunstbegabten Sohn César (geboren 1553) und seinem schwärmerischen Assistenten Jean-Aimé Chavigny.
Er schrieb ein Kochbuch mit dem Titel Excellent et moult utile opuscule (auch genannt Traité des fardemens et des confitures); darin stehen Rezepte für Parfüms, Kosmetika und eingemachte Früchte – von kandierten Orangenschalen bis zu Quittengelee und leckerem Kirschkompott. Ab 1550 gab er, weil es Mode wurde, „Almanache“ heraus: Kalender fürs kommende Jahr, mit Wettervorhersagen und eher vagen Prophezeiungen über Politik und sonstiges, angeblich auf astrologischer Basis; Ähnliches können Sie heute noch in jeder Trafik kaufen. Der Nostradamuskenner Peter Lemesurier hat Michels Prognosen mit zeitgenössischen Wetteraufzeichnungen verglichen: Sie stimmten fast nie.

Zenturien

Ab 1555 erschienen – außer dem Kochbuch mit dem Kirschkompott – bei einem Lyoner Verleger Nostradamus’ Prophéties: zehn Bücher mit gereimten Vierzeilern (Quatrains), später Centuries genannt, weil sie je 100 Strophen haben. Diese Prophezeiungen stimmen immer. Sie weissagen Gegenreformation, Kommunismus, Atombomben, Golfkrieg, Obama und das Erdbeben in Haiti. Die spektakulärsten Prognosen betreffen allerdings immer Zeiten, in denen der jeweilige Ausleger längst tot sein wird; je nach politischem Gusto und opti- oder pessimystischer Veranlagung herrscht dann Orwellsche Schreckensherrschaft oder ein friedlicher Weltmonarch. Wie können überhaupt knapp 1100 Strophen (Zenturie VII ist unvollständig, dafür kursieren noch etliche Zusatzverslein) für alle Ereignisse von 1555 bis Unendlich ausreichen? Manche Interpreten verbrauchen schon für die Schlachten des Ersten Weltkriegs an die dreißig.
Eine Strophe reicht gut für ein ganzes Jahr, wenn man die Worte in Raster einträgt und nach „magischen“ Verfahren durcheinanderwürfelt – man kann einen „Nostradamus-Kalender für 2010“ nach diesem Prinzip kaufen – oder alles für ewig, wenn man mit computergestützten Auszählverfahren à la „Bibel-Code“ darüber herfällt („lies jeden 37. Buchstaben – dann steht da QVI LIT CELA EST BETE“). Es geht aber auch ohne das. In seiner Dicht-Wut („fureur poétique“ nennt er sie in einem Brief an seinen König) hat Michel solch verbalen Nebel gereimt, daß man konkrete Gestalten darin nur so entdecken kann wie in den Wolken am Himmel. Sein Französisch mit holpriger Syntax und auf alles und nichts beziehbaren Nebensätzen war schon für Zeitgenossen mühsam, dazu flocht er absichtlich lateinische, griechische, provenzalische und italienische Wörter ein (wenn auch nicht hebräische und gar jiddische, wie man ihm seines jüdischen Großvaters wegen nachsagt), ab und zu auch kryptische Abkürzungen wie D.M. (VIII 66) – das heißt natürlich Duce Mussolini. Oder Deutsche Mark? Depeche Mode?

Napoleon, Luftballon

Schlauköpfe haben vorgeschlagen, Nostradamus’ Verse könnten sich auf seine eigene Zeit und Umgebung beziehen – kritische Blicke auf politisches Geschehen oder lyrische Betrachtung der Lebenswelt. Aber daraus wird nichts. „Pau, Nay, Loron“ (VIII 1) sind nicht drei Orte in Südfrankreich, sondern eine Verschlüsselung von „Napoleon“. „Mont Gaulsier“ und „Sext. mansol“ (V 57) sind nicht ein Berg (heute: Mont Gaussier) und das römische Sextus-Mausoleum mit einem Druckfehler (beides liegt in bzw. bei St. Rémy) sondern der Ballon der Brüder Montgolfier und Papst Pius VI. (1717–1799). „Hadrie“ (z. B. I 8) steht nicht für die Adria oder Papst Hadrian VI., sondern für „Hitler“ – fängt ja mit H an. „Le grand groppe au Rhin“ (VI 40), der große Allerwerteste am Rhein, war schließlich auch Helmut Kohl. „La deschassee au regne tournera (Die Fortgejagte kehrt zur Herrschaft wieder)“ (VI 74) – das ist je nach Auslegung Charles II. oder Elisabeth I. von England, wahlweise auch Benazir Butto. Oder? Jean de Fontbrune übersetzt: „Die Linke wird an die Macht kommen“ – im Zuge des Dritten Weltkriegs.
Klar, daß nicht alles sofort verstanden wurde. Etwa Michels berühmteste Strophe, I 35: „Le lyon jeune le vieux surmontera / En champ bellique par singulier duelle; / Dans caige d’or les yeulx luy crevera / Deux classes une, puys mourir mort cruelle. (Bezwingen wird der junge Leu den alten / im Schlachtgefild bei Zweikampf ohnegleichen, / wird ihm im Goldkäfig die Augen spalten; / zwei Flotten eins, dann grausen Tods erbleichen.)“ Sie weissagt angeblich den Tod von König Henri II.: 1559 stieß ihm Graf Montgomery bei einem Freundschaftsturnier den Speer unters Visier (den „Käfig“?), Henri verlor ein Auge und starb zehn Tage später. Auf die (ohnehin fragwürdige) Übereinstimmung kam aber erst César de Nôtredame im Jahr 1614 – und fabelte gleich, die treffsichere Prophezeiung hätte Katharina von Medici zutiefst beeindruckt.

Kauderwelsch

Manche Quatrains sind lateinisch, wie VI 100: „Astrologi Blenni, Barbari procul sunto“ – Astrologen, Tröpfe und Barbaren sollen draußen bleiben. Manche sind gar in heutigem Englisch: „In the City of God there will be a great thunder, / Two brothers torn apart by chaos; / While the fortress endures the great leader will succumb / The third war will begin when the big city is burning.“ Das soll Michel 1654 geschrieben haben, im Alter von 151 Jahren! In Wirklichkeit zeigte mit den ersten drei Zeilen 1997 ein kanadischer Student, wie leicht sich die Seherpose nachahmen läßt; den Unsinn vom „third war“ hat nach den WTC-Anschlägen vom 11. September 2001 ein Witzbold drangehängt. Noch schöner liest sich die Prophezeiung von George W. Bushs Wahlsieg im Dezember 2000 (von genau dann stammt sie): „Come the millennium, month 12 / In the home of the greatest power / The village idiot will come forth / To be acclaimed the leader.“
Französisch ist hingegen Strophe XI 37, mit der Nostradamus voraussagt, wie sich der Bagger über andere Blätter hinweg zum Trendmedium Nr. 1 des Donauraums emporbuddeln wird: „Monstre ou Dan avecque Nube se mesle / De terre sortera et faux et bon; / Couronne coulera poussee de pelle / Chesnille puys faict tomber papillon.“ Zu deutsch: „Ein Ungetüm, wo Don und Nau sich mengen, / wird aus der Erde holen Falsch wie Wahr; / die Krone kullert fort, weil Schaufeln drängen, / die Raupe bringt zu Fall den Falter gar.“ Eindeutig, oder?

Sternguckerei?

Zwei Fragen bleiben. Wie kam Nostradamus zu seinen Prophetensprüchen, und was dachte er sich dabei? Astrologie fällt aus. Laurent Videl, ein Profi-Astrologe, belehrte ihn 1558 in einem offenen Brief: „Von wahrer Astrologie verstehst du noch weniger als nichts, wie nicht nur den Gelehrten, sondern auch den Lehrlingen offenbar ist […] daß du nicht die kleinste Bewegung irgendeines Sternleins zu berechnen vermagst […] da du nicht einmal weißt, wozu man die Ephemeriden gebraucht.“ Schon damals galt „weissagende“ Astrologie, obwohl von Ärzten zur Diagnose eingesetzt, weniger als die „reine“ (d. h. Astronomie!), und letztere war dem Amateur Nostradamus überhaupt fremd. Rohe Leute nannten ihn darum „Monstradabus“ (monstre d’abus: „ungeheuerlicher Mißbrauch“) oder glossierten seinen Namen mit dem Hexameter: „Nostra damus cum falsa damus, nam fallere nostrumst (Das Unsere geben wir, wenn wir Täuschung austeilen, denn Täuschen ist uns eigen).“ Das Neue Lexikon der populären Irrtümer nennt ihn heute einen „Hobby-Komiker“, andere einen auflagensüchtigen Scharlatan. Dabei war es ihm vermutlich ernst. Im „Vorwort an César“ schreibt er seine Eingebungen dem „allmächtigen und ewigen Gott“ zu, und Nostradamus war gläubiger Katholik.

Das Kochbuch!

Psychotrope Substanzen kommen eher in Frage. Immerhin hat Michel auf jahrelanger Wanderschaft das Heilkräuterwissen des Landvolks studiert. Zu einer Pestarznei reichte es zwar nicht; er empfiehlt nur duftende Rosenblätterpastillen gegen den Pestgestank. Aber was ist mit dem Kirschkompott?
Niemand hat Nostradamus je nach seiner Definition von Glück gefragt. Aber wenn er sich eine seiner unverschämt süßen Amarenakirschen zu Gemüte führte, durchströmte ihn vermutlich genau solches. Erst recht, wo die Abgabe von Zucker damals durch die Apothekergilde streng geregelt war und außer ihm kaum jemand Zugriff auf so hochkonzentrierte Süßigkeit hatte. All das okkulte Schrifttum – er hatte es angeblich gelesen, aber eines Nachts verbrannt: Kabbalistisches, katharische Bibelkommentare, die schrägen Hieroglyphendeutungen des Horapollon (ein spätantiker Text, den Michel gegen 1535 nachdichtete!) – ergoß sich dann, geordnet nur durch die Strophenform, zu einem Reimstrom, nach Gesetzen, die sich erst die Surrealisten bewußt machen sollten.
Eventuell sollte man statt der Prophetien lieber Nostradamus’ Kochbuch lesen. Nur: Probieren Sie keine seiner quecksilberhaltigen Hautcremes.

Empfehlungen:
Bernd Harder, Nostradamus – ein Mythos wird entschlüsselt, Alibri Verlag 2000.
James Randi, The Mask of Nostradamus, Prometheus Books 1990.
http://www.nostradamus-repository.org/ (Texte und Material).
http://www.propheties.it/bibliotequenostradamus.htm (hier wurde u. a. ein Faksimile des Kochbuchs eingescannt!).

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