Die höchstgelegene Bäckerei der Welt

Am Ende der Welt, am Fuß des Mount Everest. Auf 5300 Metern Höhe, umgeben vom ewigen Eis des Khumbu-Gletschers. Inmitten der bunten Zeltstadt des Everest Base Camps verkauft Dawa Sherpa ofenfrischen Apfelkuchen. Er hat eine Marktlücke entdeckt.

EverestWieder lässt sich ein Wanderer auf einen der weißen Plastiksesseln fallen. Erschöpft, aber glücklich. Draußen schneit es, in dem blauen fünf-mal-zehn-Meter-Zelt ist es warm – und es riecht nach Apfelkuchen. Etliche Bergsteigerbäuche warten darauf, dass das nächste Backblech umhergereicht wird. Fast könnte man vergessen, dass man fünf Tagesmärsche von der nächsten ständigen Menschensiedlung entfernt ist.

Jährlich marschieren tausende Himalaya-Trekker zum Basislager des höchsten Berges der Welt. 15 Tage dauert der Weg hin und zurück. Neben ihnen leben in der Hauptsaison bis zu 500 Menschen am Gletscher. Sie gehören zu den etlichen Expeditionen, die Jahr für Jahr versuchen, Mount Everest zu erklimmen. „At base camp there‘s no central place to socialise,“ sagt Dawa Sherpa und zeigt auf die jeweils isolierten Expeditionszelte. Also lässt er seit einigen Jahren einen Ofen, Plastiksessel, Plastiktische und Backzutaten ins Lager bringen. Im Vergleich zu den Preisen weiter unten sind fünf Euro pro Kuchen teuer. Aber wer denkt noch viel über Geld nach, wenn er am Fuße des höchsten Berges der Welt Apfelkuchen essen kann?

Die Sherpas

EverestDawa Sherpa ist nicht der einzige, der gute Geschäfte mit den Trekking-Touristen macht.
Fast jede Sherpa-Familie in der Region ist direkt oder indirekt vom Tourismus abhängig. Hütten-Besitzer, Verkäufer von Trekking-Ausrüstungen und Souvenirs, Bergführer und Träger: Alle schneiden am Tourismus-Kuchen mit und das gar nicht schlecht. Nach einigen Jahren im Geschäft können sich viele Familien ihr eigenes Stück Land kaufen und ein Haus bauen.
Die meisten Wanderer fliegen nach Lukla, einer kleinen Siedlung in den grünen Hängen des Himalaya, auf 2900m Seehöhe, von wo aus sie ihren Trek starten. Sie werden von einer Schar von Sherpas empfangen, die alle auf das Geschäft der Saison warten. Sie bieten sich als Bergführer und Träger an. Im Mai, September und Oktober sind die Flüge ausgebucht. Die Sommermonate vor und nach dem Monsun sind in Nepal Trekkingsaison. Bis zu zehn Euro am Tag hoffen sich die Sherpas für ihre Dienste auszuhandeln. Ein guter Lohn in einem Land, wo das jährliche Durchschnittsgehalt ca. 200 Euro beträgt.

Die Trekker

Auf den gut erschlossenen Pfaden zum Basislager ist ein Bergführer aber eigentlich nicht notwendig. Ein Träger nur dann, wenn man sein eigenes Gepäck nicht tragen will. Wandern im Himalaya ist kein Luxusurlaub, aber es ist gemütlich. Um sieben Uhr wird gefrühstückt, um acht Uhr losmarschiert. Denn am Vormittag hat man die besten Chancen auf klare Sicht. Um die Mittagszeit erreicht man bereits das Tagesziel und wer dann noch nicht zu erschöpft ist, kann den Rest des Tages die Umgebung erkunden. Mehr als 400 Höhenmeter sollte man am Tag nicht zurücklegen, weil der Sauerstoffgehalt in der Luft stetig sinkt und die Gefahr von „AMS“ damit steigt.
AMS steht für „Acute Mountain Disease“, eine Krankheit, die durch Sauerstoffmangel auftritt. Kopfweh, Übelkeit sind erste Anzeichen dafür. Manche Wanderer unterschätzen die Wirkung der Höhe und müssen auf halbem Weg umdrehen, um rasch in niedrigere Gebiete zu kommen. Denn: AMS kann tödlich sein. Nur ein langsamer Aufstieg beugt vor.
Am Abend wird es gemütlich in den Hütten, die zahlreich am Weg zu finden sind. Ein Ofen wärmt die Stuben. Fühlt schon jemand die Höhe? Wie ist das Wetter momentan dort oben? Wird die Sicht klar sein? „At base camp there’s even a bakery!“, erzählt ein Brite, der bereits am Abstieg ist.

Der Weg

EverestDer Sauerstoffgehalt sinkt, die Preise steigen. Denn nicht nur das Gepäck der Wandersleute, sondern auch alles, was ein Hüttenbetrieb in der Saison braucht, muss im Fußmarsch von Trägern angeschleppt werden. Die Sherpas tragen bis zu 30 kg auf ihrem Rücken den Berg hoch. So zahlt man in Lobuche, der letzten Hüttensiedlung vor dem Basislager, für Kost und Logie etwa viermal so viel wie in Lukla.
Auch die Landschaft hat sich drastisch geändert. Die grünen, bewaldeten Hänge sind längst zurückgelassen. Durch Geröll, Schutt, immer öfter Schnee und Eis schlängelt sich der Weg nach oben. Die Kulisse wird mit jeder Stunde imposanter, hinter jedem Tal verbirgt sich ein noch größeres, hinter jedem Bergriesen blitzt ein noch höherer hervor. Kein Trekker, der nicht ins Staunen und Schwärmen kommt. Die Sherpas scheinen stolz auf ihr Land zu sein und geben geduldig Auskunft über Bergnamen, Flora und Fauna der Umgebung.
Während die Dimensionen immer gigantischer werden, rücken die Wanderer immer mehr zusammen. In langsamen Schritten nähern sie sich ihrem Ziel. Schmale Pfade führen die letzten Etappen hoch zum Khumbu-Gletscher. Die Hütten werden spärlicher, der Platz enger.

So wie in der Bäckerei im Basislager. Immer mehr Trekker betreten das blaue Zelt. Ein neues Tablett wird rumgereicht. Die Trekker essen glücklich, Dawa Sherpa kassiert. „Maybe next year I will start making croissants.“

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