Die leere Gruft

leere GruftGerüchte und Spekulationen zum Raub der sterblichen Überreste von Kurt Waldheim

Kaum mehr als Lügen sind wohl hinter den meis­ten der Gerüchte und Theorien zu vermuten, die nach dem „Grabraub“ in der Karl-Borromäus-Kirche vor gut zwei Wochen auf dem Wiener Zentralfriedhof nun mehr oder weniger Staub aufwirbeln. Es scheint, dass plötzlich die gesamte Nachkriegsgeschichte unseres Landes aus den Fugen gerät. Doch was soll man glauben? Der Bagger war zu einem Lokalaugenschein auf dem Friedhof und grub sich durch die brodelnde Gerüchteküche.

Das Rätsel um den Grabraub

Was allein als Tatsache feststeht, ist hinlänglich bekannt. In der Nacht von 17. auf den 18. Oktober 2008 öffneten unbekannte Täter die Präsidentengruft auf dem Wiener Zentralfriedhof und bemächtigten sich der sterblichen Überreste von Alt-Bundespräsident Kurt Waldheim. Dieses Verbrechen befremdet zunächst und in der Unerklärbarkeit der Beweggründe der Grabräuber und der Verwendung, die jemand für die Gebeine des 2007 verstorbenen Politikers haben könnte, liegen wohl die Wurzeln all jener wüsten Spekulationen, die sich um diese Tat ranken. Zusätzlichen Zündstoff lieferte zweifellos eine angeblich handgeschriebene Nachricht, welche die Räuber statt der Leiche zurückgelassen hatten. Deren Existenz und Wortlaut wurde zwar von offizieller Seite nie bestätigt, jedoch gibt es mehrere Versionen dieser Nachricht, die in unterschiedlichen Medien auftauchten. So wurde der Inhalt mit „Der Ehre ist Treue zu halten“ zitiert. Unterzeichnet wurde, je nach Quelle, mit „Bruderschaft Komaghenea“ oder „Comagent“.
Andere wollen gar „Lucona“ entziffert haben, jedoch gibt es keine Abbildungen jener Nachricht und das Original soll auf mysteriöse Weise verschwunden sein. Schon an dieser Stelle müssen also Zweifel bekundet werden. Die Mittelschülerverbindung Comagena, deren Mitbegründer Kurt Waldheim war, hat bekanntlich in einer raschen Stellungnahme die Tat verurteilt und präventiv jede Verbindung von sich gewiesen. Die Hast, in der dies geschah, und die unterschiedlichen Äußerungen von Mitgliedern der Verbindung haben freilich reichlich Spekulationen hervorgerufen. So wurde einerseits die Existenz der Nachricht an sich bestritten, kurz darauf auf orthografische Unterschiede verwiesen.

Netzwerk von christlichen und deutschnationalen Verbindungen

Diese Unstimmigkeiten, gepaart mit angeblichen Verbindungen der Spitzen des MKV zu Exponenten der Olympia, Teutonia und Konsorten, öffneten den Mutmaßungen über ein viel engeres Netzwerk der Mittelschüler- und Studentenverbindungen in unserem Land Tür und Tor. Von einer schlichten Machtdemonstration bis hin zu einem Racheakt für die wiederholten Skandale um die Wahl von Burschenschaftern ins Amt des Nationalratspräsidenten reichten die Spekulationen. Befremdlich waren in der Tat die zurückhaltenden Reaktionen von Politikern, die nachweislich Verbindungen zu den Studentenorganisationen haben. Durch die wiederholte Empörung der Öffentlichkeit über die Ernennung bekannter Burschenschafter in staatliche Ämter – man erinnere sich an die Abberufung des Uni-Rates Pendl 2006 – und die sich anbahnende Entmachtung der CV-Fraktion in der ÖVP könnte nun eine mächtige, im Hintergrund agierende Gruppierung ein Zeichen ihrer ungebrochenen Macht, durch die postume „Entführung“ eines ihrer berühmten Mitglieder, zu setzen geneigt gewesen sein.
Immer wieder wurde in diesem Zusammenhang auf die Umstände eingegangen, die es möglich machten, dass die nach der Nationalratswahl 2000 auf den 3. Platz abgerutschte ÖVP als Kanzlerpartei aus der Asche steigen konnte. Einige Kommentatoren halten dies aus heutiger Sicht nur durch die Machenschaften eines im Verborgenen agierenden verschwörerisch organisierten Bündnisses von deutschnationalen und bürgerlichen Gruppierungen für möglich. Schon allein die vorübergehende Zähmung Jörg Haiders und der FPÖ zum Zwecke der Regierungsbildung und der Rückzug des machtbesessenen Haider aus der Bundespolitik scheinen nur unter dem Druck einer mächtigen und geheimen Organisation möglich gewesen zu sein.
Gerüchte, wonach die letzte Ruhestätte von Thomas Klestil im Rahmen der Exhumierung Kurt Waldheims geschändet und mit den Worten „Abtrünniger“ besprüht worden war, traten erst später auf und müssen eher im Zusammenhang der bereits grassierenden Spekulationen aufgenommen werden.

Der Fall Lucona und der Club 45

Die Interpretation der Unterzeichner jener Nachricht als „Bruderschaft Lucona“ war ein gefundenes Fressen für andere Kommentatoren und Verschwörungstheoretiker. Eine Meldung, wonach die sterblichen Überreste von Kurt Waldheim kurz nach dem Raub in einen Plas­tiksack eingeschweißt und aufrecht in einem Kunststoffrohr bestattet vorgefunden worden seien, erwies sich bald als Falschmeldung. Dennoch beflügelte diese Meldung, die an einen der Vorschläge Udo Proksch’ zur Ankurbelung der Wirtschaft gemahnte, die Phantasie. Sofort wurde der Club 45 ins Spiel gebracht und dessen angebliche Auflösung erneut angezweifelt, die Theorien um geheime Machenschaften, die sich bis in die Kreise der höchsten Exponenten des Staates und der Wirtschaft – genannt wurden Heinz Fischer und Hannes Androsch – zögen, wurden mehr oder weniger deutlich ausgesprochen. Auch das kürzliche Ableben von Helmut Zilk, dem nach wie vor beste Beziehungen zu den ehemaligen Mitgliedern des Clubs nachgesagt wurden, erhielt in diesem Zusammenhang eine gewisse Brisanz. Durch die Begriffe Ehre und Treue am Tatort, sollten einerseits bewusst falsche Fährten gelegt und andererseits sollte das rechte Lager belastet werden. Schlüssige Zusammenhänge zu dem Einbruch in die Präsidentengruft konnten jedoch nicht nachgewiesen werden.

Der CIA oder gar Außerirdische?

Es kam, wie es kommen musste: Auch der amerikanische Auslandsnachrichten­dienst CIA wurde im Zusammenhang mit der postumen Affäre Waldheim genannt. Nicht ganz neu sind die Spekulationen, wonach Kurt Waldheim noch am Leben sei und nun, inkognito in den USA, ein Netzwerk aus ehemaligen Nationalsozialisten und deren Sympathisanten aufgebaut haben soll, das die Verantwortlichen für seine internationale Ächtung zur Rechenschaft ziehen will. So soll der amerikanische Geheimdienst nun, zur genetischen Überprüfung, die sterblichen Überreste des angeblichen Kurt Waldheim entwendet haben. Dass man auf Drängen des Mossad daraufhin auch noch en passant, wenn man schon im Lande war, Jörg Haider beseitigt hat, liegt da natürlich „auf der Hand“ und könnte aus der Feder Dan Browns stammen. Bei der verschwundenen Nachricht soll es sich demnach um eine Visitenkarte eines Vertreters des Energiekonzerns Comagen Ltd, Südafrika handeln, welchem Verbindungen zum CIA nachgesagt werden. Dies wurde als „Beweis“ für diese Variante angeführt.

Aus der Menge der Verschwörungstheorien, die sich um das Verschwinden Kurt Waldheims ranken, sei noch erwähnt, dass eine bisher unbekannte Gruppierung nationalistischer Südtiroler verdächtigt wurde, ihren „Helden“, der 1972 das Autonomiepaket initiiert hatte, „heimgeholt“ zu haben.

Selbst Außerirdische, welche Kurt Waldheim als den Urheber jener Grußbotschaft, die er in seiner Funktion als UNO-Generalsekretär gesprochen hatte und die, neben weiteren Informationen zur Erde an Bord des Raumschiffes Voyager 1 1977 ins All gelangten, identifiziert hatten und daher „entführten“, wurden ins Spiel gebracht.

Affäre Waldheim

Soweit ein Ausflug in die Gerüchteküche. Bleiben wir bei den Fakten. Die Affäre Waldheim kommt also auch nach seinem Tod nicht zum Stillstand und gibt weiterhin Anlass zur Spekulation. Ein Lokalaugenschein des Baggers am Wiener Zentralfriedhof brachte nichts Neues ans Tageslicht. Genaugenommen wurden die Grabungen, die der Bagger in und um die Präsidentengruft vornehmen wollte, von aufgebrachten Ordnungshütern im Keim erstickt. So bleiben, nicht zum ersten Mal in der Geschichte, ein leeres Grab und viele Spekulationen und Theorien zurück. Der Bagger mahnt zu Vernunft und Räson und dazu, nicht alles zu glauben, was einem von den Medien täglich aufgetischt wird.

Anmerkung: Obwohl der Autor selbst nicht an die vielen von ihm angeführten Verschwörungstheorien glaubt, hat er vorsichtshalber sein eigenes Kürzel durch das eines anderen Bagger-Redakteurs ersetzt.

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