Die Qual mit der langen Weile

… ist ein inzwischen weit verbreitetes Phänomen, das aber auch schon einigen Philosophen zu denken gab. Auswege bieten weder die Flucht ins immer Neue – noch die Arbeit. Aber es gibt sie …

Und was nun? Was soll ich bloß tun? Suchende Blicke schweifen zu den Quellen möglicher Erlösung: Bücherschrank, Zeitungsständer, Schreibtisch mit Notebook und (Brief-)Papier, TV, Bett, Kühlschrank, Handy, Spiele, Schuhe, Radzeug, Bad, Geldbeutel, Österreich Card. Und was nun? Überfordertes Optionswägen: Wie viel Zeit bleibt bis zur erlösenden Rückkehr meines Partners? Reisen also nicht, das dauert zu lange – Sport ist zu anstrengend bei diesen Temperaturen – Shoppen gehen bleibt wie immer zu teuer, selbst die 5 Euro- Kinotage sind vorbei, „Mitten im 8ten“ und ähnliche Scherze mag ich nicht sehen und abends ist auch noch nicht. Warum also jetzt schon essen – aus Frust vielleicht? Was soll ich lesen, der Kopf sehnt sich nach Ruhe – und überdies sind es immer die gleichen Geschichten. Im Internet sieht es ähnlich vorhersehbar aus. Kein Mensch hat Zeit. Und über diesen Zustand schreiben? Na gut, aber bitte keinen Brief – meine Freunde sollen sich ja nicht sorgen müssen und ich will nicht gern zugeben, dass ich mich langweile.

Denn Langeweile ist etwas, worauf man noch nie sonderlich stolz war. Müßiggang ist aller Laster Anfang, diesen Spruch kennt wohl jeder aus den Mündern seiner (Groß-)Eltern. Und blickt man in Lars Svendsens lohnende „Philosophie der Langeweile“ (Insel, 2002), dann erfährt man auch, dass die aecedia, der erste Begriff für ein den Eremiten befallendes Gefühl der Leere, durchweg negativ besetzt ist. Kierkegaard trieb es dann auf die Spitze, beschrieb Langeweile als den „dämonischen Pantheismus“ – der in jeder Lebenssituation, nicht nur der obigen des Wartens, auffindbar sei. Ludwig Tieck, der deutsche Romantiker, konstatiert in seinem „William Lovell“, dass die Langeweile mehr Unglück in die Welt zu bringen vermag als jede Leidenschaft. Und selbst die Leidenschaften sind nur Anti-Langeweile-Strategien, schreibt Georg Büchner in „Leonce und Lena“. Aha, so ist das also mit der Langeweile. Und was soll ich nun gegen sie tun?

Arbeiten, sagt der philosophische Meister der Pflichterfüllung Immanuel Kant. Also wie er in Königsberg versauern, Tag für Tag Unlesbares fabrizieren und sich nichts Gutes tun? Nicht ganz, muss zu seiner Ehrenrettung gesagt werden: „Versage Dir Vergnügungen, nicht um ihnen zu entsagen, sondern um sie immer nur in Prospekt zu halten.“ (Eine Vorlesung über Ethik, Fischer 1991). In gewisser Weise sagt er mir da etwas, was ich schon ahne: Ich langweile mich, weil ich schon einmal alles Vergnügliche erlebt habe, nichts an gewöhnlichen Freuden mehr aussteht. Und da kommt schon die Warnung: „Stumpfe die Empfänglichkeit für das Vergnügen nicht durch den Genuss vorzeitig ab!“ Zu spät. Im Zeitalter des reinen Hedonismus kommt dieser Appell zur Aufschiebung einfach zu spät. Jetzt bin ich im Zustand der leidenschaftslosen, tätigkeitslosen, einsatzlosen Sehnsucht nach bloßer Zerstreuung. Blaise Pascal warnt mich, diese Zerstreuung nicht als Kur zu wählen – sie wird auch bald trostlos empfunden werden. Der Selbstversuch gibt ihm Recht. Zerstreuung ist tatsächlich „reine Symptombehandlung des Horror vacui“. Also sich der Langeweile aussetzen? Zu dieser Strategie rät Martin Heidegger. Und was ist das Resultat? Das Gefühl, ich sitze im falschen Film, das kann es doch nicht (gewesen) sein, mein Leben – oder doch? Also spüre ich die „Uneigentlichkeit“, mein „Verfallensein“ ans „Man“ – moderner gesprochen: Entfremdung. Und wie löse ich mich aus dieser Beklommenheit? Muss ich jetzt Philosoph werden? Hoffentlich nicht (die Hörsäle sind eh schon voll genug).
Also ersparen wir uns die ängstigende Lektüre in „Sein und Zeit“, deren Anwendung in der Praxis eh „phantastische Zumutung“ (ebenda, S. 266, Niemeyer 2001) ist. Kierkegaard plädiert für „Selbstbegrenzung“, wir dürfen uns nicht zu vielen Reizen aussetzen, sollen uns auf diese wenigen dafür aber mehr konzentrieren. So wie ich jetzt also auf die Langeweile. Als unvermeidliches Phänomen unserer Lebenswelt existent. Diese Langeweile offensiv bekämpfen zu wollen macht die Sache nur noch schlimmer. Friedrich Schlegel skizziert Steigerungen der qualitativen Bestimmungen unserer Ausflüchte: Erst müssen sie nur interessant sein, dann schon pikant (Erotik schadet ja nie – oder doch?), später frappant (also überraschend) und schließlich vermag uns nur noch der Schock aus tödlicher Langweile zu retten … Transgressionen (also Grenzübertritte, von Svendson sehr gut dargestellt) im Körperlichen erscheinen als äußerste Möglichkeit. Wer „Crash“ oder „American Psycho“ gesehen hat, weiß um die Aussichtslosigkeit dieses Weges.

Also lassen wir es sein. Leben wir eben mit der Langeweile. Weil ein Fliehen um jeden Preis macht sie nur schlimmer. Wohl dem, der noch was aufzuschieben hat, ein Ziel, das er immer wieder verschieben kann, um sich inzwischen mit Arbeit die Zeit zu verdingen: „Der Genuss des Lebens füllt die Zeit nicht aus, sondern lässt sie leer.“ (wieder Kant). Da fällt mir auf, wie müde ich bin, wie oft ich das Schlafen in letzter Zeit aufgeschoben habe – auch auf die Gefahr hin, dass mir nach dem Erwachen wieder kein Prospekt im kantschen Sinne bleibt, lege ich mich jetzt hin. Schlafen ist eh die beste Medizin. Gute Nacht miteinander! Denkt inzwischen für mich weiter …

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