Die rettende Lüge der Poesie

Es ist ein Weilchen her, seitdem „Späte Spiele“ von Luis Landero das erste Mal auf Deutsch erschienen ist. 1995 wurde dieses unglaubliche Buch bei Fischer Taschenbuch verlegt, und es ist wahrlich nicht übertrieben formuliert, wenn man diese 492 Seiten unfassbar klug und großartig nennt. Erfundene Prosa der allerfeinsten Sorte wird einem in einer Sprache präsentiert, die in langen Sätzen einen Gedanken nach dem anderen labyrinthisch zu erzählen vermag.

Das Buch handelt von Gregorio, einem seltsamen Jungen, der einen merkwürdigen Vater und einen noch merkwürdigeren Großvater hat. In sehr jungen Jahren verliebt er sich und vertraut sich seinem Freund an, der sich als Dichter versteht, dieser jedoch nutzt sein Vertrauen aus und spannt Gregorio die Angebetete aus. Dieser Schmerz über den Verlust seiner Liebe bzw. die Verwandlung seiner Verliebtheit in Enttäuschung manövriert Gregorio endgültig in die Ecke, er verschließt sich immer mehr. Gleichzeitig blüht seine Phantasie auf und er beschließt Poet zu werden, zu dichten, zu erzählen und zu erfinden und das Erfundene auf Papier zu bringen. Voller Hoffnung schreibt er seine Gedichte und Geschichten nieder und träumt von dem Tag, an dem er diese vortragen kann. Doch dieser Tag rückt in immer weitere Ferne, Gregorio heiratet.
Er heiratet eine ihm ähnlich verschlossene und sehr religiöse junge Frau, Angelina, die mit ­ihrer Mutter lebt. Gregorio gibt das Poetendasein auf, um als Telefonist zu arbeiten. Vergessen seine Träume, als Poet den großen Durchbruch zu feiern.
Jedoch passiert eines Tages etwas Sonderbares, etwas, das Gregorio rettet. Er nimmt ein Telefonat von Gil entgegen, einem Mitarbeiter im Außendienst der Firma, wo er als Telefonist arbeitet. Dieser Außenmitarbeiter befindet sich in einer sehr depressiven Phase, ist verzweifelt und wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich von seinem öden Alltag befreit zu werden. Gregorio erfüllt ihm diesen Wunsch, er beginnt zu lügen. Immer öfter gehen ihre Gespräche übers Geschäftliche hinaus und Gregorio beginnt über sich Geschichten zu erzählen, über ein Leben, das er gern geführt hätte, aber nicht führt, er macht Gil vor, dass er ein bekannter Poet namens Faroni sei, der als Telefonist arbeitet, weil er verfolgt wird, und der in einem Poetencafe verkehrt, wo Philosophen und Poeten die Avantgarde bilden. Hier entpuppt sich Gil als Anhänger der Poesie. Gregorio lässt sich sogar ein Pseudonym einfallen und jedes Mal, wenn Gil anruft, führt Gregorio seine Lügen weiter aus, sodass er schon Notiz führen muss, um nicht entlarvt zu werden.
Sein wirkliches Leben jedoch wird immer unwirklicher: Seine Frau macht ihm Vorwürfe, sein Verhalten wird immer seltsamer, weil er versucht, mehr und mehr seinen eigenen Lügen gerecht zu werden, und durch die Beziehung zu Gil, der ihm blind alles glaubt, retten Gregorio’s Lügen Gil aus seinem langweiligen Leben und Gregorio verwandelt sich in den, der er immer vorgibt zu sein: der große Poet Faroni, der in Philosophencafés ein und aus geht und dessen Poesie gefragter ist denn je.
Das Buch ist voller Rhythmus, man fiebert mit, ist erstaunt über die Raffinesse des Schriftstellers und seufzt, wenn man dieses Buch ausgelesen hat.

„Aber das ist gelogen, Gregorio. Dein Vater war kein Admiral, dein Großvater war kein Richter, dein Onkel war kein Kardinal, und du bist nie in Paris gewesen und auch in der Arktis nicht und nirgends von dem, was da steht.“
„Was weißt du davon?“ sagte Gregorio „Was weißt du von Kunst? Weißt du nicht, dass Dichtung immer Lüge ist? Hier sieh mal die Stelle, >der Mond nimmt ein Bad im dunklen Fluß<. Das ist auch gelogen, denn der Mond badet nicht. […]“ [s. 282]

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