Die Revolution

Was sie ist, und was sie nicht ist; wozu sie führt, und wozu nicht; wie schnell, und warum? Das erste und das letzte Wort (beinahe) haben Franzosen.

Am 13. Juli 1789 hatten im Pariser Hôtel de Ville die Vertreter des Dritten Standes beschlossen, eine Bürgerwehr zu bilden, um in einem Staat, in dem es nur noch Bürger ­geben sollte, die einen Bürger vor den anderen zu beschützen. Es fehlte nicht an Freiwilligen, ebensowenig an Freidenkern – alle diese waren längst in Freiheit; es fehlte den Bürgern an Waffen, und diese saßen in der Bastille – sie diente als Arsenal, kaum noch als Gefängnis der Unliebsamen. Auf ihrem Dach stand eine Anzahl durchaus einsatzfähiger Kanonen, die aber aufgrund ihrer Position nur geeignet waren, fernliegende Ziele zu treffen; zu weitsichtige Planung auf zu hoher Ebene machte den Festungsbau verwundbar gegenüber einer kritischen Masse im Bereich seiner Grundmauern. François Alexandre Frédéric de la Rochefoucauld, Herzog von Liancourt, unterrichtete Ludwig XVI. von den bedenklichen Zuständen, und als der König die berühmte Frage stellte: ­­„­Ja, ist das denn eine Revolte?“, ließ der zweiundvierzigjährige Adelssproß seine Gedanken einen Augenblick zwischen die Blätter seiner naturwissenschaftlichen Studien abschweifen und erwiderte zerstreut: „Nein, Sire, das ist eine Revolution.“ Er ahnte nicht, wie recht er hatte.

Freiheits- und Gleichheitsjahre

Zwei Tage später war es nicht mehr 1789, sondern das Jahr 1 der Freiheit war angebrochen; und nur die ersten drei Jahrestage des peinlichen Bastillesturms (zu dessen Befreiten eine Handvoll Geldfälscher gehörten, ein wegen Blutschande inhaftierter Adeliger und ein mutmaßlicher Komplize des Möchtegern-Königsmörders R.-F. Damiens) sollten wirklich am 14. Juli gefeiert werden. In den darauffolgenden Jahren, denn auch der Kalender war umgestürzt, gab es kein solches Datum, sondern stattdessen den sechsten Tag der dritten Dekade im republikanischen Monat Messidor.
Überhaupt empfiehlt es sich, sooft das Pflaster der Geschichte aufgebrochen und der Boden, auf dem man steht, gründlich umgewälzt wird, den Kalender von der Wand zu nehmen und wegzuschmeißen; er wird einem ersetzt werden, und zwar durch einen anderen. So ging es zuletzt den Einwohnern des alten Rußland, als ihnen außer dem Sturz des Zaren auch noch die gregorianische Kalenderkorrektur zugemutet wurde; zur Strafe dafür, daß sie die Oktoberrevolution noch nach julianischem Kalender durchgeführt hatten, strich man ihnen gleich elf Tage ihres Lebens, sodaß sie des glorreichen 25. Oktobers 1917 bis heute am 7. November gedenken müssen; ein schwer zumutbarer Zustand. Man versetze sich, um ihn nachzuvollziehen, nur in die Gefühlslage von Shakespeare und Cervantes, als sie beide, ohne voneinander zu wissen, am 23. April 1616 starben, Shakespeare aber um 11 Tage später, weil sein Kalender sich noch nach Julius Cäsar richtete, von dem er mehr wußte als von Cervantes. – Wo waren wir ste­hengeblieben? Beim Abschweifen.

Eine unter vielen

Liancourt, dem die Erzähler der eingangs erwähnten Anekdote geradezu seherischen Scharfblick zuzubilligen pflegen, war blind genug gewesen, nur eine Revolution zu bemerken, eine einzige; wiewohl ihm kraft seines aristokratischen Bildungsniveaus klar sein hätte müssen, daß zu gleicher Zeit eine ganze Menge von Revolutionen tobte. Auf dem Planeten Mars etwa -– überrascht das jemanden? – war eine im Gange, die noch dazu viel länger dauerte als die französische, nämlich knapp 687 Tage. Viel länger als die auf dem Merkur, denn die war in 88 Tagen vollauf erledigt, während eine auf der Venus 224 Tage und nicht ganz 18 Stunden dauerte, wo es aber immer noch glimpflicher zuging als auf dem Jupiter, dort waren es elf Komma acht Jahre. Das ist aber noch gar nichts gegen den Saturn! Dort wütete, während Liancourt sprach – halten Sie sich fest! – eine Revolution volle neunund­zwanzigeinhalb Jahre lang; immerhin noch nicht, wie auf dem erst 1781 von Wilhelm Herschel entdeckten Uranus – ogottogott! – deren vierundachtzig. Bestürzt schweigen wollen wir von den 164,8 Revolutionsjahren am Neptun, von dem der Herzog nichts wissen konnte, da man ihn (den Planeten, nicht den Herzog) erst 1846 vor die Linse bekam; und um den Leser nicht mit vielen Zahlen zu ermüden, wollen wir die jeweilige Revolutionsdauer der Zwergplaneten Ceres, Pluto und Eris (4 Jahre 219 Tage 5 Stunden, 247,7 bzw. 556,97 Jahre) gänzlich weg­lassen, da sie ja auch den Rahmen sprengen würden.

Nicht zu stellende Fragen

Wem würde da nicht schwindlig? Wer will sich da noch mit der vergleichsweise nichtigen Frage befassen, ob man lieber den Anfang oder das Ende einer Revolution als Feiertag in den Kalender aufnehmen sollte? Wir können ihn beruhigen: Die Frage stellt sich gar nicht. Es handelt sich um denselben Zeitpunkt; sobald eine Revolution endet, beginnt unerbitt­lich im selben Augenblick die nächste. Muß man aber nicht zwischen einer Revolution und der unmittelbar folgenden unterscheiden und sich wenigstens überlegen, ob man lieber den 26. Messidor feiern will oder den 7. November, auch wenn er im Oktober stattfindet? Nein, auch das ist nicht nötig. Jedes Datum kann als Beginn und Ende einer Revolution gefeiert werden, und es ist sogar egal, welches Kalendersystem man zugrundelegt – solang es nur eine Jahreslänge von ungefähr 365 Tagen vorsieht, denn wegen 6 Stunden und 9 Minuten Differenz wollen wir weiter nicht kleinlich sein.

Drehen ist nicht gleich Drehen

Auf anderen feinen Unterschieden müssen wir aber bestehen, besonders auf dem zwischen Revolution und Rotation. Es ist ganz gut möglich, daß Ludwig XVI. um seine eigene Achse rotierte, als er von Liancourt das Wort „Revolution“ vernahm; das war aber, wissenschaftlich betrachtet, eine ganz fal­­sche Reaktion von ihm (überhaupt – nein, nicht schon wieder ein Exkurs! – sind ja Revolution und Reaktion ge­­radezu ein Gegensatzpaar). Ganz bestimmt rotierte tags darauf der ­Gouverneur der Bastille, Marquis de Launay, oder was von ihm nach dem Volksansturm noch übrig war – mindestens sein Kopf, um die Längsachse der Pike, auf der er stak. Solche Rotationen begleiten zwar jede Revolution, sind aber streng von dieser zu trennen, allein weil sie zeitlich von viel kürzerer Dauer sind: man vergleiche, um beim Beispiel Mars zu bleiben, 687 Tage (Revolution) mit 24 Stunden und 37 Minuten (Rotation). Wer allzu beschäftigt damit ist, sich um seinen eigenen Mittelpunkt zu drehen, mag manchmal übersehen, daß zugleich eine größere Bewegung abläuft, und eh er sich zweimal umgedreht hat, befindet er sich, von der Revolution fortgerissen, an einem anderen Ort: wenn er zum Beispiel der Mars ist, nach einer einzigen Umdrehung bereits 2 084 918,4 km weiter als vorher.

Liancourts Lektüre

Was hatte Liancourt nur gerade gelesen, daß ihm der Begriff der Revolution im Kopf spukte? Ganz bestimmt Kopernikus’ Hauptwerk De revolutionibus orbium caelestium, denn kein anderes Buch hatte die Bezeichnung revolutio für den Kreis­lauf der Planeten um die Sonne so populär gemacht und in solchem Ausmaß das Weltbild Europas revolutioniert. Oder doch nur einen nicht näher bekannten Aufsatz über die gerade hundert Jahre alte „Glorious Revolution“ in England? Denn damals (1688/89) hatte man das Wort zum ersten Mal auf eine Umwälzung innerstaatlicher Machtverhältnisse angewandt; zwar wälzte man nur die britische Krone von einer Stirn auf die andere, indem man Wilhelm III. statt Jakob II. zwischen sie und den Thron schob, aber auch damit verdiente sich diese erste Revolution den Namen – indem sie allen weiteren das typische Merkmal vorgab, trotz allen weltbewegenden Aufwands letztlich nichts Grundlegendes zu verändern.

Der 14. Juli

Denn das muß uns klar sein: Jedes Jahr am 14. Juli um 15 Uhr MEZ startet unsere Erde eine neue Revolution, und am darauffolgenden 14. Juli um 21 Uhr 9 Minuten ist diese be­endet, sodaß die Erde wieder am selben Punkt ihrer Umlaufbahn steht wie Jahres zuvor. Dasselbe gilt auch für jeden anderen Tag und jede andere Uhrzeit: Während ich hier schreibe und Sie hier lesen, beginnt die Erde zu revolvieren, revoltiert eine Zeitlang, beendet eine Revolution und beginnt eine neue, und mit ihr revolutioniert alles, was auf ihr ist, einschließlich aller Lebewesen, vom Pottwal bis zum Wasserfloh. Sogar Frankreich. Und gleichzeitig rotiert es auch und merkt nichts davon. An demselben 14. Juli feiert man die Geburtstage von Gustav Klimt, Gerald Ford, Karel Gott und Prinzessin Viktoria von Schweden, dazu den Jahrestag der Erstbesteigung des Matterhorns (1865), der Eröffnung des internationalen Arbei­terkongresses in Paris (1889) sowie des Militärputschs gegen den irakischen König Faisal II. (1958), dazu – das Trau­rigste zuletzt – den Todestag des unvergeßlichen Clowns Grock (1959). All das völlig unberührt von der unabweislichen Tatsache der Revolution. Weiß man nichts von ihr? Doch, man lernt es schon in der Volksschule, aber dann vergißt man es. Wozu Revolution, wenn die Leute sie doch nur vergessen? Schließlich kehrt die Erde an denselben Punkt zurück, und alles bleibt beim alten. Oder etwa nicht?

„Unnütz, aber unentbehrlich“

Auch auf die Revolution darf man nicht so versessen sein, daß man darüber Bewegungen größeren Maßstabs aus den Augen verliert. Derweil die Erde im Kreis zu laufen versucht, tut die Sonne mit ca. 250 m/s dasselbe, nur auf ein anderes Zentrum ausgerichtet (das der Galaxis); indem sie das tut, reißt sie alle ihre revolutionären Mitläufer (auch und erst recht Mars, den roten) mit sich, sodaß die Erde, wenn sie am 14. Juli um 21:09 h an denselben Punkt zurückzukehren glaubt, in Wirklichkeit 7 889 535 km weiter vorne ist; und das ist doch ein ganz schönes Stück. Schon ein Grund zum Feiern.
Schenken wir einander an beliebigen Tagen zu beliebiger Stunde zur Feier der Revolution Nelken (in Portugal), Rosen (in Georgien) oder Tulpen (in Kirgisistan), und denken wir daran, daß ohne den Wechsel von Wärme- und Kältezeiten, den die Revolution mit sich bringt, alle diese Blumen nicht wachsen könnten; daß aber an dem genannten Wechsel außer der Revolution noch ein anderer Faktor wesentlich beteiligt ist: die Neigung. (Die Schrägneigung der Erdachse – oder an welche Neigung dachten Sie?)
Verleihen wir der Revolution (und allfälligen Aufsätzen über dieselbe) getrost mit den Worten Eugène Ionescos das Prädikat „inutile, mais absolument nécessaire“; aber vergessen wir dabei nicht die Sonne.

Kommentare

In Tunesien

kann man sich jetzt auch Jasmin schenken. Und in Ägypten sicher auch bald was schönes ... (Ob wohl die Revolutionen von der Blumenmafia angefacht wurden?)

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