Die Vorstadt brennt (immer noch)

Nicolas Sarkozy, heutiger Marionetteur, versprach als damaliger Oberschlumpf (als Innenminister war er auch Polizeichef) im Vorwahlkampf die Vororte von Paris mit dem Kärcher vom Gesindel zu reinigen und hat mit diesem tölpeligen Löschversuch einen Superbrandbeschleuniger kreiert. Eineinhalb Jahre danach brennen die Banlieues immer noch, und die Grand Nation, scheint es, leckt heimlich mit besorgten Augen und erstaunt die Wunden.
Erlebnisbericht eines Wahlparisers kunterbunt vermengt mit persönlichen Eindrücken und intellektuellem Polemikausguß.

Heute erwärmen nicht mehr 800 brennende Autos pro Tag unseren Alltag hier, denn das Maß ist wieder ins Normale, sprich achtzig Autos pro Tag zurückgesunken. So fand sich gar bei uns, als wir einzogen, keine zwanzig Meter der Eingangstür entfernt, ein ausgebranntes Vehikel, ein Ausläufer der vorstädtischen Gewalt, ein Zungenschlag der Flammen hinein, über die Ringautobahn hinweg, bis zum Friedhof Père Lachaise, damit auch Voltaire und Jim Morrison etwas von der Party haben.

Niemensch kümmerten die kümmerlich zerschmolzenen Reste des einstigen Kleinwagens. Kein vier mal vier also, denen mensch hier so gern die Luft aus den Reifen läßt, oder irgendeine andere protzige Kiste, Symbol von Reichtum, Geltungs- und Verschwendungssucht wurde hier bloßgestellt, nein, das Auto an sich, die moderne Gesellschaft an ihren Wurzeln, die Lebensweise von du und ich, von Otto Normalo also, wurde dem Feuer zur Läuterung gegeben. Es gibt Menschen, denen nichts mehr an dem allem liegt, denen wirklich gar nichts mehr von alledem etwas gibt, die sich an einem kleinen Feuerchen mehr erfreuen können als an all den bunt schillernden Scheinglückseligkeiten. Als dieses ungute Symbol ohnmächtiger Zerstörung schließlich, cirka einen Monat später, aus dem Blickfeld geräumt ward, als wir uns also endlich nicht mehr Tag für Tag an unsere Versäumnisse erinnert sahen, wurden schnell drei Autos abgefackelt, um das Bild wieder zurechtzurichten. Unsereins wundert sich höchstens, daß die Masse sich wundert, es bleiben die Fragen wer und warum.
In einer Stadt, wo arbeitende Menschen obdachlos sind, weil sie sich die Mieten nicht leisten können, wo Supermarktketten ihren Müll extra vergiften, damit sich niemensch mehr davon ernähren kann, eine Stadt also, in der auf unserer Baustelle für ein paar Kupferreste zweimal eingebrochen wurde, wo im gleichen Haus schon Kinderwagen, ja dreckige Arbeitsschuhe (ihre noch kaputteren Latscher ließ die Täterin!? dem Arbeitenden da) entwendet wurden, in so einer Stadt, ist es da verwunderlich, wenn jugendliche Banden entstehen?

ausgebranntes Auto Persönlich ist mir zuerst der Hochmut der Pariserinnen gegenüber dem Banlieu (Vorstädte) aufgefallen. Natürlich darf mensch nicht vergessen, daß Vorort nicht gleich Vorort ist, daß sicherlich nicht von den auch zahlreichen Nobelvierteln oder Villenquartieren gesprochen wird, sondern von, der Infrastruktur und Aufstiegsmöglichkeit beraubten, Sozialbauwüsten. Die zahlreichen von oft durchaus bekannten Architekten in bester Absicht geschaffenen Menschenstapelungen. Für eine typische Pariserin, zugewandert, tätig in leitender Position und Linkswählerin, ist die­se Art von Vorstadt ein Ort, an dem sie noch nicht war. Klar, die typische Wienerin hat auch kein großes Interresse an Vorstadtsozialbauten, warum auch, und wenn alles noch viel größer ist (Paris zählt mit den Vororten etwa elf Millionen Menschen), fällt es schließlich noch leichter dieses zu übersehen. Mit so einem uninterressanten!? Ort verfährt mensch einfach, wie auch bei uns mit hinteren Winkeln verfahren wird. Wie denkt die Wienerin übers Burgenland, die Großbäurinnen über die kleine Keusche hinten im schattigen Loch, die Reichen über die Armen? Sie schauen mit mitleidigem Blick weg. Dort versucht mensch nun gerade deswegen, einerseits angezogen und doch aber auch wieder abgestoßen von dem Zentrum, um das sie sich scharen, auf sich aufmerksam zu machen und geht entweder mit noch mehr Eifer in das kapitalistische Gefecht, oder zündet eben ein paar Autos an. Zugegeben, das ist sehr plakativ, doch einen Funken Wahrheit meine ich allemal versteckt.
Einer der ersten Eindrücke war, daß, als mich eine gute Freundin hier besuchte, wir uns das Banlieu als Touris angucken wollten, doch mensch konnte sich nicht entscheiden was uns zu empfehlen, denn dort gäbe es nichts zu sehen, wie mensch uns immer wieder beteuerte, mensch wollte oder konnte nicht verstehen, daß es dann eben dieses Nichts war, dem wir begegnen wollten. Für sie war das Banlieu etwas so Fernes, etwas so weit weniger interressantes und wie ich meinte zu fühlen auch etwas, dessen mensch sich schämte. Schließlich sind wir doch nach Saint Denis gefahren und haben dort einen Spaziergang unternommen (hat mensch uns nach langem hin und her empfohlen, weil es dort immerhin auch eine berühmte Kirche gibt, die uns natürlich überhaupt nicht interessierte, doch fühlte mensch sich so eben besser). Nun, auf den ersten Blick gibt es nichts besonderes zu sehen, da und dort mal ein Graffiti, viele, viele Wohnbauten, irgendwann eine weitläufige Sportanlage und keine Geschäfte. Nach einer Stunde gemütlichen Schlenderns ent­decken wir ein zerstörtes Auto und begutachten es neugierig als Beweis der überall zerredeten Gewalt, machen Fotos und erregen so die Aufmerksamkeit von ein paar Jugendlichen, die sich offensichtlich stolz brüsteten, die Urheber des Riesenkiesels in der Windschutzscheibe zu sein. Stolz wollen sie, daß wir sie ablichten, mit ihren zwölf bis dreizehn Jahren augenscheinlich noch Kinder. Es ist wohl wirklich, wie überall berichtet wird, das Werk von Kindern und hier liegt auch das Problem begraben. Einerseits könnte und sollte die Polizei ohnehin nicht durchgreifen, die Gesellschaft kann den jungen Burschen, sollten sie tatsächlich mal jemensch fassen, auch durch keinerlei Gerichtsbarkeit habhaft werden, andererseits würde es ohnehin nichts helfen gegen eine entmutigte und unterbeschäftigte Bande, die es sich zu Spaß erkoren hat Mad Max (irgendje­mensch der einfach nur Autos zerstört) zu spielen. Es geht hier um keinerlei politische Bewegung, sie ist so unpolitisch wie sie nur sein kann und völlig ohne Forderungen, sie ist die Folge einer Spaßgesellschaft, die einerseits sich für den Spaßfaktor bezahlen läßt und andererseits ohnehin nicht fähig ist die werbetechnisch geschürten Erwartungen zu erfüllen. Es sind Kinder, die die Autos ihrer Nachbarn anzünden, für die ein Öffi Bus oder ein Sportvereinsgebäude zum Jackpot in einer weltfremden Videospielprojektion mutiert, es ist eine mangels zuverlässiger Ideale fehlgeleitete Revolution. Sie liefern sich Schlachten und Verfolgungsjagden mit der Polizei um anzugeben, ein Aufbegehren ohne Re­flexion, Ausdruck der Hoffnungslosigkeit einer sozial benachteiligten Schicht die durch die Gewalt ihrer Kinder um Hilfe für die Welt schreit.

Und die Lösungsansätze der Politik? Sie sind zum Schießen! Führt doch der jetztige Innenminister Drohnen (unbemenscht fliegende Überwachungsmaschinen) als Lösung ins Feld. Das wird wieder ein drolliges Spiel für die halbwüchsigen Vorstadteier, die Steuermilionen vom Himmel zu pflücken, um sich vor den grade sprießenden Melonen zu profilieren. Bravo Herr Innenminister und die zwei zur Verantwortung gerufenen machtgeilen Einwandererkanonen werden daran sicherlich auch nichts ändern.

Die Wurzeln des Übels liegen wenngleich tiefer und können mit den traditionellen Mitteln der Politik nicht mehr gelöst werden. Sie sind, um es noch einmal kurz zu sagen, in einer hoffnungslosen, perspektivenlosen, vom Konsumwahn aufgestachelten und unbefriedigten Gesellschaft zu suchen. Eine Energie, die sich eben an den schwächsten Gliedern der Kette zu entladen beginnt. Was wir brauchen, sind echte Lösungen von Umweltproblemen, Verteilungsproblemen, was wir brauchen ist Hoffnung, eine Aufbruchstimmung in eine andere – zukunftsfähige Welt, doch dazu ist die Politik logischerweise nicht bereit, muss sie also von uns allen gezwungen werden. Was wir brauchen, ist eine intelligente REVOLUTION. Unsere Chance ist eine grundsätzliche Neuorien­tierung der Werte.

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