Die Welt als Maschine und Vorstellung

WeltmaschineEin literarisches Pendant zur Weltmaschine enthielte mehr Teile und skurrilere Verknüpfungen, als der Leser verkraften könnte. Daher ist dies keines. Schade.

Kürbisäcker, Roßäpfel, Apfelspaliere. Hofhund, drei Handbreit hoch, stolz darauf, denselben Wanderer zum drittenmal zu verbellen; wenn er nämlich auf den Gehirnwindungen der hiesigen Landstraßen im Kreis gelaufen ist. Ein Wald, der nicht aussieht, als könnte die Straße dahinter weitergehen. Trotzdem an der nächsten Gabelung ein Pfeil: „Gsellmanns Weltmaschine“, „Weltmaschine 20 m links“. Es gibt also so etwas wie Ordnung in der Welt – jedenfalls auf dem Gehöft der Gsellmanns, das sich drunten wie ein blankpoliertes Schmuckkästchen in den Hang schmiegt.

Dem Landwirt Franz Gsellmann aus Kaag (Gemeinde Edelsbach, Oststeiermark) war „seine Maschine“ 1957 aus einer höheren Wirklichkeit fertig ins Gehirn gesprungen; sie erschien ihm im Traum, schnurrte, flimmerte, produzierte – man weiß nicht was. Als die Weltausstellung 1958 ihre Pforten öffnete, sah Gsellmann in der Zeitung ein Foto des funkelnagelneuen Atomiums; der Magnetismus des Eisenkristall-Modells zerrte ihn, damals 48 Jahre alt, hinunter zur Bahnhaltestelle, nach Graz, von da weiter nach Brüssel. Er zeichnete das Atomium ab, kaufte ein Modellchen – sein eigenes hatte er schon vorher aus Erdäpfeln und Holzstaberln gebastelt – und war nach drei Tagen wieder daheim. Brüssel hatte ihn sonst nicht interessiert, er übernachtete dort nicht einmal. Ein meterhohes Atomium mit fußballgroßen Kugeln, umhüllt von einem Globus mit Meridianen und Breitenkreisen aus Hula-Hoop-Reifen, wuchs bald darauf im heimischen Schlafzimmer heran: das Herz der Maschine. Manche sagen auch, Gsellmann habe zuerst das Atomium gesehen und danach die Maschine geträumt; wen kümmert’s?

WeltmaschineTraumschlüsselinventar

Eh die Maschine dem Traumbild wirklich ähnlich sah, lauerte sie meist hinter Schloß und Riegel; den Schlüssel trug Gsellmann am Körper. Nicht daß das Ungetüm noch hätte fliehen können, ohne Mauern niederzureißen. Die ersten acht Jahre sah es gar niemand; Leute im Dorf meinten, der Bauer bastle ein Flugzeug. 1968 lief die Maschine zum ersten Mal – da ging in ganz Edelsbach unvermutet das Licht aus. Dann durfte Gsellmanns Frau einmal hineinschauen, auch der Herr Pfarrer, der die Sache prompt einem Journalisten weiterplauderte. Heute steht die Türe offen. Die Weltmaschine hat ein blankes Holztürschild mit ihrem Namen und wohnt sehr gemütlich, nur ob sie gern vor der nachträglich eingezogenen Ziegelmauer steht, weiß man nicht. Sie erzählt gern; das tut sie durch den Mund von Franz Gsellmanns Schwiegertochter, der Mutter des heutigen Hofbesitzers.
Es ist unnötig, Maria Gsellmann zu interviewen; sie interviewt sich selbst. Wenn sie ihren Zeigestock an der Maschine entlangführt, hat man den Eindruck, daß ihr Kopf das einzig vollständige Inventar der über 10000 Bestandteile enthält: „Metronom, Kastenuhr, Sonnenuhr; Andreaskreuz vom Bahnübergang, magischer Stern, Grazer Uhrturm. Süßigkeitenständer, Matratzenfedern, ein Holz-Geduldspiel – Hexenknoten; Schiffsschraube von einem Motorboot, Telephon mit großen Glocken, das Alter wird auf 60 (oder waren’s 80?) Jahre geschätzt.“ Eine Strumpfstrickmaschine, das nächste vergleichbare Modell steht im Deutschen Museum in München. Ein Zahnarztbohrer mit Pedalbetrieb; eine Spülkastenkette aus dem Grazer Landeskrankenhaus. 23 Jahre hat Opa Gsellmann gebaut, in 23 cm schmale Zwischenräume konnte er hineinkriechen, so hager war er. Elektriker oder Ingenieur hätte er werden wollen, oder bei der Raumfahrt arbeiten, statt Bauer sein zu müssen. Urige Fotos an den Wänden: Gsellmann als Kind, Gsellmann mit dem Ochsenwagen, auf dem er die größeren Bauteile herankarrte, kleinere mit der Scheibtruhe oder auf dem Fahrrad.

WeltmaschineKartoffelkorbsturmläuten

Unvorschriftsmäßig verlegte Stromkabel (ohne Erdung) speisen Lichtmaschinen und Motoren; wenn man die Schalter anstupst – ein handschriftliches Schild verbietet das jedem Unbefugten, aber die Schwiegertochter darf –, glüht die Maschine mit Hunderten gelben und roten Birnen und rotiert lebenslustig mit allem, was sie hat. Nicht nur Teile, von denen es zu erwarten steht, wie das Roulette­rad eines einarmigen Banditen, auch Kartoffelkörbe – erstaunliche Drahtstrukturen, für die Marcel Duchamp viel Geld bezahlt hätte – verschwimmen im Drehen zu blauen Nebelringen. Sturm, den sie selbst erzeugt, fährt durch die Maschine – eine Kreuzung aus Dunstabzug und Mixer, eine Trockenhaube, eine Sauerstofflasche schnauben durch 64 schrille Vogelpfeifen, ein Haarfön treibt ca. 70 cm über sich ein winziges Windrädchen. Atomium und Stephanskrone schlagen bei jeder Drehung Glocken an, in der Art tibetischer Gebetsmühlen, von denen Gsellmann bestimmt nichts wußte.
Baggerschaufeln hat die Maschine nirgends. Sie gräbt nichts aus, wie sie auch nichts erzeugt – außer Interpretationen (in Form von Texten und Fernseh-Dokus, der US-Sender ABC war schon da, die Japaner und die Chinesen) und sich selbst, indem sie per Internet nach kaum beschaffbaren Ersatzteilen sucht und einen mittlerweile spezialisierten Elektriker auf Trab hält. Vieles an ihr deutet auf ihren Schöpfer, auf einen Zweck letztlich nichts.

Madonnenseismograph

Religiöse Aspekte sind unübersehbar: Kruzifixe, Jesus und Maria aus Glas, bonbonfarbene Kreuzwegbilder, die Basilika von Lourdes – gitterartig aus Holzstückchen nachgebaut und mit Goldfarbe gestrichen; schließlich die Haltung Gsellmanns selbst: „Gott hat mir die Gabe gegeben.“ Dennoch trennen Lichtjahre das Ding von einem Hausaltar. Eine Metapher für die Komplexität der Welt? Auf die Bezeichnung „Weltmaschine“ kam erst der Kärntner Landeshauptmann Leopold Wagner bei einem Besuch in den 1970ern – er meinte damit „Maschine, die es nur einmal in der Welt gibt“.
Sprachliche Aspekte blitzen einem entgegen. Gsellmann hat vergoldete Lettern, die bei einer Kirchenrenovierung abfielen, mit Hunderten unersetzlichen Silberschräubchen auf Metallspiegeln zu Sinnsprüchen umgeordnet: „Mit Müch und Blarg harb ich gebaut […] Gott wirt mich in der antern Welt eine schönere Arbeit geben.“ „Der Klobus durch Friede und Verständigung […]“ Angeblich schrieb er, wie er sprach, und er hatte ja auch nur die Volksschule besucht. Aber das Verbotsschild an der Wand ist fehlerlos geschrieben, und Gsellmann las relativ viel – Zeitung und „utopische Heftln“. Vermutlich hatte er für die „Blarg“ einfach kein P, und die R und das C („Müch“) wollte er halt nicht wegwerfen. Anagrammkunst, unfreiwillig konkrete Poesie. Kein Wunder, daß zu den allerersten Besuchern Literaten gehörten: Alfred Kolleritsch, Grazer Poet mit südsteirischen Wurzeln, hatte einen Onkel, der als Oberlehrer in Edelsbach Franz Gsellmanns Sohn unterrichtete – so kannte er das Ding um zwei Ecken. Er kam erst allein zu Besuch, dann mit der von ihm gegründeten Grazer Autorenversammlung im Autobus; sie sahen und photographierten die Maschine mitten im Geburtsprozeß. „der alte hatte vor allem lust an der bewegung und an metaphysischen reden, seinen gott wollte er immer preisen“, schrieb Kolleritsch 1985 an Gerhard Roth. Zum Abschluß der Besuche gab es immer einen Schnaps – die sakrifizielle Flasche stand unterm Atomium. Ein Hauch von Technophilie blieb haften – Kolleritsch hat mit „Die Pfirsichtöter“ wohl den einzigen Roman der Welt verfaßt, der sich „seismographisch“ nennt.

WeltmaschineZufallsraketengrün

Gerhard Roth meint, das Werk gleiche einem „Zufallsgenerator […] der Selbstmord begangen hat“; aber es zeigt keine Beliebigkeit. Jeder Teil war dem Erbauer vorgegeben. Wenn die Maschine einen 14 cm langen Bolzen wollte, konnte Gsellmann nicht einen 16 oder 20 cm langen kaufen und abschneiden – er mußte mit dem Zollstock in der Hand die Schrotthalde durchwühlen, bis er den richtigen fand. Die Mondrakete, made in Japan, hatte er in der Hand eines Kindes gesehen, und die Maschine brauchte genau die gleiche. Sie war nicht mehr lieferbar; er bestellte sie trotzdem und zahlte dafür satte 1000 Schilling. Eines der vertracktesten Räder im Werk war zuvor eine Metallscheibe – Gsellmann hat es in der örtlichen Schmiedewerkstatt selbst ausgeschnitten. Zufall geht anders.
Der Schweizer Bildhauer Jean Tinguely, heißt es, hätte einmal vorbeigeschaut und einem verschmitzt grinsenden Gsellmann gesagt: „So etwas Schönes wie du könnte ich nie bauen, und so bunt.“ Seine Maschinen, beinah zur selben Zeit entstanden, haben viel weniger Teile und sind immer rostig. Gsellmann strich seine Maschine schön säuberlich bunt: eisblau, quietschgelb, knallrot, finkengrün. Der Anstrich hält bis heute, nur die bunten Hula-Reifen mußten erneuert werden; das Plastik aus den 50er Jahren war zerbröselt. Was trennt den Weltmaschinisten sonst von Tinguely? Den Schweizer kennzeichnet eine clownhafte, ironische Distanz zu seinen Werken; den Steirer nicht.

Kunstuhrzählcomputer

Man weiß, was nach naiver Auffassung ein Künstler ist: Er lernt sein Handwerk nicht, das Werk wird ihm inspirativ eingegeben und drängt ihn, bis es geschaffen ist – wenn er selbst auch noch so sehr darunter leidet. Gsellmann mag der einzige Künstler sein, auf den dieses Bild je zutraf. Technische Vorkenntnisse hatte er allenfalls vom Hobby seines Vaters, der ein Uhrenbastler war – Uhr-Opa Gsellmann. Er selbst ging mit Arbeitskraft, Zeit und Geld ganz in der Maschine auf, aß wenig, rauchte viel, weinte oft, verkroch sich auf dem Dachboden, wenn er nicht auf Flohmärkten kramte oder irgendwo in der Maschine steckte. Manche wollen an ihm Autismus diagnostizieren, aber das könnte Blasphemie sein.
Sein Werk hatte Gedanken, die er selbst nicht durchschaute. Er hatte einen „Computer“ gebaut, ein Zählwerk, dessen Ziffernstand technische Fehler anzeigen sollte. Die künstliche Intelligenz einer Maschine, die sagen konnte, wo es ihr wehtat, war aber wissentliche Selbsttäuschung – oder die Maschine log. Wenn echte Fehler auftraten, mußte man sie mühsam suchen, wie der Elektriker mangels Schaltplan heute noch; und so war Gsellmann einmal mehr mit Kopf und Körper in die Maschine hineinverwickelt. 1981 erklärte sie sich, und er sie, für fertig. Wenige Wochen später starb er, eventuell weil sie fertig war.

WeltmaschineGeburtstagsmagnetbaukasten

Die Maschine schwebt gerade im Limbus zwischen zwei Jubiläen: 2008 ihr fünfzigster Geburtstag, 2010 Gsellmanns hundertster. Sie zieht Zigtausende pro Jahr ins oststeirische Hügelland: im Sommer gemischte Touristen aller Art, im September Schulklassen („Supercool! Megageil! Nochmal einschalten!“), später im Herbst Leute, die eigentlich zum steirischen Wein pilgern. Maria Gsellmann ist zutiefst besorgt, wenn ihr eine Schar von Betrunkenen in den Raum wankt. Was, wenn einer ins rotierende Räderwerk oder in die Leitungen stürzt? Frau Gsellmann interviewt übrigens nicht nur sich, sondern auch die Besucher. Sie will Beruf und Hobby der Leute kennenlernen und sieht aus, als würde sie sich alle merken. Wenn jemand nicht aus Österreich ist, kommen ihre Erklärungen in sauberstem Hochdeutsch. Ihr Ratschlag? Kleine Kinder mit Lego oder anderen Baukästen ruhig Weltmaschinchen bauen lassen und sich drüber freuen. Und: „Nichts wegschmeißen.“ Wer weiß, wofür es noch gut ist.

Literaturhinweise:

Gerhard Roth, Gsellmanns Weltmaschine, Böhlau 2004 (2., unv. Aufl.).

Klaus Ferentschik, Weltmaschinenroman, Berlin 2008.

Die Weltmaschine hat auch eine Homepage: http://www.weltmaschine.at – unbedingt unter „Wartung“ nachschauen, wer weiß, vielleicht hat ein Baggerleser einen dringend gesuchten Ersatzteil zu Hause liegen!

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