Die Welt im Schnappschuss

lomo… und das Geschäft mit dem Zufall

„Dedicated to the plastic heart, analog soul, grand history and bright future of the Diana, Diana+ and Diana F+ cameras.“

Dieser Artikel ist ein Text voll von Widersprüchen. Wie bei einem mehrfach belichteten Bild überlagern sich die Meinungen und die Interpretation liegt im Augenblick der Betrachtung. Es ist die Geschichte eines Selbstversuchs. Des Versuchs, sich nicht von einer Marketingstrategie manipulieren zu lassen, indem man sie kritisch hinterfrägt. Und die Geschichte eines ambivalenten Scheiterns.

Am Anfang stand da ein quaderförmiges Paket und darin zum Vorschein kam eine Diana F+ von Lomography, ihres Zeichens eine Reinkarnation eines Kultgegenstandes, der erstmals Mitte der 1960er auf den Märkten auftauchte: eine 120mm-Mittelformat-Kamera aus 100%-Federleicht-Vollplastik. Vor allem das (Anti-)Gewicht wurde sofort zum springenden Pluspunkt, zumal ich mit meiner Vollblut-Analogkonica und ihren gefühlten fünf Kilo im Schlepptau bereits bis ans Ende der Welt gereist bin.

Lady D. und das Hipstertum

Alles begann also unter dem Weihnachtsbaum und nun – zwei Monate später – muss ich mich dabei ertappen, sogar das Schreiben dieses Artikels zu unterbrechen, um meine Kaffeetasse abzulichten. Nicht dass ich das nicht auch schon mit meiner Konica gemacht hätte (don’t ask!), aber das wirklich Schlimme daran ist, dass in dem mitgelieferten Buch Diana F+ – More True Tales & Short Stories der Archetyp des „Lomographers“ genau so beschrieben wird: als jemand, die oder der im Asia­restaurant nichts Besseres zu tun hat, als ihre oder seine Stäbchen zu fotografieren. Hier fängt für mich das Problem an: Ganz abgesehen davon, dass ich nun mal nicht gerne zu den Archetypinnen gehöre, so ist es der „Lomography-Society“ offenkundig ein Anliegen, ihre KundInnen in einer künstlichen Zielgruppe auszumachen, die sich über ihre Extravaganz und Kreativität auszeichnet. Prinzipiell liegt dem eine eher ehrenwerte Motivation zugrunde, nämlich jene, die kreativen Potentiale einer heterogenen Masse zu entfesseln und die Welt fortan in einem Archiv der Schnappschüsse zu dokumentieren (das Archiv wächst minütlich und wird aus der ganzen Welt gespeist: http://www.lomography.com/photos).

lomoWas mich daran stört, ist wohl diese Determination der Zielgruppe, die entgegen der Heterogenität geht: also, dass nur eine Lomo einen Menschen zu jemandem machen kann, die oder der das Esswerkzeug in einem Restaurant ablichtet. Kaum bekommt man eine Vollplastiklomo zwischen die Finger, fängt man also an, kreativ zu sein? Ich bin mehr der Ansicht, dass die Lomo von jenen gerne gebraucht wird, die sich sowieso bereits zu den Fotomaniacs zählen – und dass es auf der anderen Seite auch viele gibt, die sich davon distanzieren, mit einem solchen Gerät offen rumzulaufen, um eben nicht als Teil dieser furchtbar-fruchtbar-kreativen Hipsterzielgruppe zu gelten.

Der Lomo-Kult

Die Produktion der Original-Diana – ursprünglich und außerdem erstmals in China hergestellt, um einfache 120mm-Analogfotografie zu ermöglichen – fand schon ein paar Jahre nach ihrem Beginn ein Ende, da die aufkommenden 35mm-Filme das Mittelformat vom Markt drängten. Richtigen Kultstatus erhielt die Kamera so erst, als sie – bereits verstaubend im Ramschladen – von Undergroundhipstern der ersten Generation entdeckt wurde (gemeint ist die Zeit, da Subkultur noch kein Synonym für Mainstream war – also Mitte der 1970er). Offensichtlich konnten sie mit diesem Werkzeug die Wirklichkeit derart verzerrt und übersteigert abbilden, wie es ihrer Weltanschauung entsprach. Einige verwendeten die Diana (oder eine ihrer unzähligen Nachahmungen) auch als Mittel zur Pressefotografie, sogar der Pabst wurde so abgelichtet (von Mark Sink, einem Fotografen aus dem Warhol-Dunstkreis, zumindest laut Interview im mitgelieferten Buch). Dieser Kultstatus führte natürlich dazu, dass der Preis der Kamera – die ja schon nicht mehr produziert wurde – auf den Märkten ums Hundertfache anstieg. Sozusagen bis Lomography kam, sie nachbaute und somit wieder einfacher zugänglich machte (man muss nicht mehr $150 zahlen, sondern nur mehr $100, kriegt dafür aber dann ein Gerät, das eigentlich noch mehr kann als ihr Original).

lomoLomography hat also den Zauber der Analogfotografie wiederentdeckt – in Zeiten, da die digitale Technik schon beinah jede Kompetenz des Analogen eliminiert hat. Mittlerweile fotografieren sowieso alle, sogar mit dem Mobiltelefon und überhaupt. Schnappschüsse gibt es bereits wie Sand am Meer, man nehme sich nur einen kurzen Augenblick, um sich vorzustellen, welche Mengen an Bildern im virtuellen Sozialnetz von Facebook im Umlauf sind. Jetzt ist Nostalgie gefragt – Lomo wirbt mit dem Glanz vergangener Tage und entwirft ein Spielzeug und mit dazu die passende Zielgruppe des retrobewussten Hipstertums, das als stilbewusstes Konsumpublikum bereit ist, fürs Retrofeeling zu zahlen, und zwar fleißig.

Aus der Hüfte schießen

Tatsächlich ist der Umgang mit dem Plastikspielzeug um vieles einfacher als mit der Analogkonica – wobei man sich hier auch schon durch jahrelange Konditionierung an die Handhabung des Oldschool-Schwergewichts gewöhnt hat, an die schönen, exakten Bildkompositionen, die damit möglich sind, die aber eine gewisse Routine des Ein- und Scharfstellprozederes erfordern, das bei der Diana wegfällt. Laut Lomography sollte man sich jedoch gar nicht zu lange mit der Einstellung aufhalten: Der Zufall ist, was zählt. Lomo sagt: „be fast“, schieß aus der Hüfte – denk nicht nach, das Ergebnis siehst du hinterher. Dabei sei es nicht wichtig, zu wissen, was auf dem Bild eigentlich abgebildet ist (siehe Perlen der Weisheit aka die zehn Goldenen Regeln der Lomographie). Das macht das Fotografieren mit der Diana zu der spannenden Angelegenheit, die es sein soll. Bei den Preisen der Filme (pro 120mm-Exemplar können 12 oder 16 Fotos gemacht werden) und der Entwicklung wäre jedoch zumindest etwas Überlegung förderlich, zumindest für die Geldbörse.
lomoFür mich ist Fotografie nichts anderes als die technische Entsprechung des Verlangens, die Zeit, diesen reißenden Strom, anzuhalten. Er muss gestoppt werden, weil er sonst alles unter sich begräbt. Es ist ein Greifen nach dem Moment, ein Wille, ihn festzunageln, um ihn genauer ansehen zu können (und ihn sodann immer wieder anders sehen zu können). Die druckhafte Überforderung der Zeit ist es, die Sekunde für Sekunde als Holzscheit in das Feuer wirft, das in uns als wütende Glut der Todesangst weiterglimmt. Es muss dieses Brennen sein, das uns auf die wahnwitzige Idee gebracht hat, einen Moment im Bild festzuhalten, hat es doch einfach keinen Raum, um ihn zu beherbergen, gibt es doch immer ein Dahinter, ein Daneben, ein Drunter und Drüber, die alle zur ganzen Einzigartigkeit einer Situation beitragen. Ein Glänzen, der Geruch, die Musik des Zufalls, der Einfall des Lichts, ein Augenblick. Und das ist er nun. Ein Moment so voll vom Wunder des Lebens, dass man glaubt, daran zu ersticken. Und das Verlangen, ihn festzuhalten – aus dieser Perspektive in seiner ganz einfachen Gegebenheit, mitunter in seiner Banalität, jetzt.

lomoLomography indes hat die Erfolgsstory schlechthin geschrieben, weil sie nicht nur schon reich wären, wenn sie nur die Hälfte für alles verlangen würden, sondern auch noch, weil sie es einem noch brühwarm mit einem Grinsen im Gesicht unter die Nase reiben – dass die Kamera ursprünglich nur $1 wert war. Diese offensichtliche Profitgier, die sich hinter einer zugegeben sehr ausgeklügelten und auch attraktiven Marketingstrategie verbirgt, nervt. Sie nervt so sehr, dass man einen Artikel darüber schreiben möchte. Einen Artikel, an dessen Ende dann doch das Eingeständnis steht, dass die offensichtliche Profitgier zwar nervt, jedoch die Freude an der Spielerei und der Überraschung beim Anblick der fertigen Fotos kaum schmälern kann. Never ever.

10 Golden Rules of Lomography
(„… here are a few pearls of wisdom to guide you.“)

• Take your camera everywhere you go
• Use it anytime, day and night
• Lomography is not an interference in your life, but a part of your life
• Try the shot from the hip
• Approach the objects of your Lomographic desire as closely as possible
• „Don’t Think“ (William Firebrace)
• Be fast (we can’t stress that enough)
• You don’t have to know beforehand what you’ve captured on film …
• … and you don’t necessarily have to know it afterwards, either.
• Don’t worry about any rules.

aus dem Buch: Diana F+. More True Tales & Short Stories. Published by the Lomographic Society International. Wien. 2007.
http://www.lomography.com

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