Ein Grab für Lebende & Ungeborene

Zur vermeintlichen Friedfertigkeit der so genannten „friedlichen“ Nutzung der Kernenergie

Atomkraft Sie werden sich wohl die Frage stellen, warum in diesem Land jemand einen Artikel gegen die Nutzung von Kernenergie verfasst. Wo doch gegenwärtig sowieso jeder dagegen ist. Die Antwort lautet folgendermaßen: Die Welt hört weder räumlich gesehen an den Grenzen unseres Landes noch zeitlich gesehen mit den Grenzen der Gegenwart auf. Vor allem für zukünftige Generationen (wobei jetzt noch Ungeborene wohl die Mehrheit aller Menschen darstellen) ist atomare Energieversorgung der potentielle Auslöser einer global-sozialen Tragödie.

Totgesagte leben länger und töten viele andere

Derzeit erlebt die Kernenergie paradoxerweise gerade durch den bevorstehenden (oder bereits beginnenden) Klimawandel eine Renaissance und liefert somit Argumente für die einschlägige Lobby, verstärkt in die Atomenergie zu investieren. Nun will ich mich gar nicht lange damit aufhalten, allseits bekannte Gesundheitsrisiken durch freigesetzte künstliche Radionuklide (Nahrungskettenspeicherung, mutagene Wirkung etc.) gebetsmühlenartig aufzuzählen. Auch das technische Sicherheitsrisiko irreversibler biologischer Langzeitfolgen scheint mir aus demselben Grund lediglich zur Bewusstseinsschärfung einige Zeilen wert. Dazu folgendes: Schon Tschernobyl hat keiner für möglich gehalten, und passiert ist es trotzdem. Wenn der schwere Unfall dort quasi erst „gestern“ stattgefunden hat, heißt das nicht, dass der nächste erst wieder in hundert oder tausend Jahren auftritt (wenn gestern eine 4 im Lotto gezogen wurde, bedeutet das auch nicht, dass die 4 in der heutigen Ziehung weniger wahrscheinlich wird); auch wenn die GAU-Wahrscheinlichkeit bei Neuentwicklungen wie dem europäischen Druckwasserreaktor sehr klein ist – für das Eintreten eines statis­tisch seltenen Einzelfalls nützt einem eine noch so kleine Wahrscheinlichkeit nicht als Ausrede. Gerade wenn einmal bereits einmal zuviel ist.

Katz und Maus mit den Naturgrenzen

Die Gefahr besteht nicht nur in einem mangelnden Bewusstsein für die Sicherheits- und Gesundheitsrisiken, die von Kernkraftwerken ausgehen, sondern besonders darin, dass Atomenergie als notwendig angesehen wird, um Wohlstand zu gewährleisten. Der weltweit steigende Energiebedarf und das Damoklesschwert des Klimawandels zwingen viele zu einer Auffassung, atomare Energie als etwas an sich Gutes zu betrachten, welches seine schlechten Auswirkungen übertönt oder sogar rechtfertigt. Dabei hat man jedoch die Rechnung ohne den Wirt – in der Person der Natur und deren ökologischer Tragfähigkeit – gemacht. Im techniklosen Tierreich wächst die Population einer Art so lange, bis die benötigten Ressourcen erschöpft sind, und gerät in die so genannte „Malthus-Falle“. Dies gilt auch für den Menschen, jedoch machten es bestimmte Techniken in der Menschheitsgeschichte immer wieder möglich, für eine Zeit lang solchen Malthus-Fallen zu entkommen – um wieder in neue hineinzugeraten (darum „harte“ Techniken). Als markante Beispiele seien die neolithische Revolution (Ackerbau und Viehzucht in der Jungsteinzeit) und die industrielle Revolution (Mechanisierung der Arbeit im 18./19. Jahrhundert) erwähnt, welche jeweils die Bevölkerungszahl und den Ressourcenverbrauch in die Höhe schnellen ließen.

Die fatale Wirkungsweise harter Techniken

Nun ist hinreichend bekannt, dass nicht nur Kohle, Erdöl und Erdgas begrenzt verfügbar sind, sondern eben auch Uran. Sogar Atomkraftbefürworter weisen aus, dass die statistische Reichweite der Uranvorkommen beim jetzigen Verbrauch und den bekannten Vorräten gerade mal 67 Jahre beträgt. Es wird zwar argumentiert, dass mit zusätzlichen Vorräten zu rechnen ist, jedoch wird dies mit einem steigenden Verbrauch kompensiert. Somit ist klar, dass es ein absoluter Irrglaube ist, schon allein den derzeitigen weltweiten Energiebedarf mit der harten Technik der Atomenergie langfristig decken zu können. Berechnungen des „Ökologischen Fußabdrucks“ (Naturverbrauch umgerechnet in eine Fläche) der derzeitig lebenden Menschen ergeben, dass die Naturgrenzen um das bis zu Zehnfache überschritten werden. Es würden also beim gegenwärtigen Energie- und Ressourcenverbrauch auf Dauer bis zu zehn Erdplaneten benötigt werden. Das Fatale am Ausbau harter Techniken wie der Atomenergie ist dabei einerseits, dass dadurch die Bevölkerungszahl und der Ressourcenverbrauch gleichermaßen zunehmen. Tatsache ist, dass diese Rohstoffe einmal verbraucht sein werden. (Und das gilt auch entgegen vielen Behauptungen für die nächste harte Technik, die Kernfusion, die noch in den Kinderschuhen steckt: Die Brennstoffe Deuterium und Lithium sind zwar in höherem Maße, aber auch nicht unbegrenzt verfügbar.) Andererseits wird die ökologische Tragfähigkeit zudem durch die Folgen harter Techniken verringert (Stichwort Klimawandel). Es wird also unweigerlich die Zeit kommen, wenn letzte Malthus-Falle zuschnappen wird, und nur ein Funken Verantwortungsgefühl gebietet es uns, Überlegungen anzustellen, wie wir eine soziale Tragödie ungeahnten Ausmaßes verhindern können. Klar ist, dass es nicht auf ewig möglich sein wird, den derzeitigen Ressourcenverbrauch für die gegenwärtige Bevölkerungsanzahl aufrechtzuerhalten (wobei in etwa 20% der Weltbevölkerung 80% der Ressourcen verwerten), gerade wenn man die hohe Steigerung des Bedarfs an Rohstoffen in den Entwicklungsländern betrachtet. Und schon gar nicht mit Atomenergie.

Ein Plädoyer für sanfte Techniken

Es obliegt der Politik, inwiefern einer problematischen Entwicklung entgegengesteuert werden kann. Derzeit fließt der überwiegende Großteil an Forschungsgeldern am Energieversorgungssektor in die Weiterentwicklung von nuklearen Energietechniken. Aufgrund der oben angeführten Argumentation ist dies absolut der falsche Weg. Warum fördern wir nicht verstärkt die Forschung von sanften Techniken, die uns eine nachhaltige Energieversorgung ohne Einschränkung von Naturgrenzen und ohne gesundheitsschädigende Auswirkungen gewährleisten? Ein Beispiel wäre die stets sträflich vernachlässigte Stirlingtechnik: Stirlingmotoren sind Wärmekraftmaschinen, die etwa mit Umweltwärme oder Solarenergie effizient betrieben werden können und nur geringe Temperaturdifferenzen benötigen, derzeit aber aufgrund technischer Beschränkungen nur in begrenztem Maße zur Anwendung kommen. Hier wären Investitionen dringend notwendig – und besser heute als morgen, da es mit der Zeit immer schwieriger sein wird, den Verbrauch an Ressourcen global herabzusetzen.

Als Fazit bleibt zu erwähnen, dass wir gemäß dem Jonas’schen „Prinzip Verantwortung“ handeln und vor allem zukünftigen Generationen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen sollten. Dies wird nur möglich sein, wenn wir unseren Ressourcenverbrauch drastisch eindämmen und uns auf sanften statt harten Technikpfaden begeben. Dazu ist die Einsicht notwendig, dass der Pfad der Atomenergie über lange Sicht ins Grab führt. Wenn nicht schon für uns, dann für unser aller Kinder und Kindeskinder.

Quellen und weiterführende Literatur:

- Vorlesung „Physik und Ökonomie einer effizienten Energie- und Materialnutzung“ von Prof. Hans-Peter Aubauer, Universität Wien, Sommersemester 2006 – Vorlesungsmaterial von Prof. Peter Weish (Universität Wien, BOKU Wien): siehe http://homepage.univie.ac.at/peter.weish/

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