Einmal Bratislava und bedächtig zurück

Ein nachahmenswerter unkonventioneller Tagesausflug nach Bratislava fernab der touristischen Trampelpfade eröffnet (zudem) neue Denkhorizonte über den Umgang mit aufgezwungenen Denkmälern in (ost-)europäischen Hauptstädten.

VorstadtEinen Tagesausflug machen, mit dem Zug nach Bratislava, um unsere Nachbarn besser kennenzulernen, sie zu verstehen, mich zu erfreuen. Das war mein Ziel. Ein hehres Ziel, wie sich bald herausstellte, eigentlich schon als ich via Kittsee ins wenig malerische Petrzalka einfuhr. Ganz bewusst wollte ich vom riesigen transdanubischen Wohndistrikt in die gute alte Stube der Stadt vordringen, um dann via Nationaldenkmal Slavna ab „Hlavni Stanice“ wieder gen Wien zu entschwinden.

Die Idee per pedes, quer durchs Wohn-Hochhaus-Viertel, zum Park an der Donau, zu einer Brücke zu gelangen, schien leicht realisierbar. Allerdings gilt es im wenig Freude bringenden Quartier (recht böse gesagt waren das „Garagen für (ausgemergelte) Menschen“ – ich muss mal in der Großfeldsiedlung nachschauen, ob man da auch so lebt – wie uninformiert bin ich doch und wie parallel sind unsere Lebenswelten) auf Übergänge zu achten: Wie kommt man über Schienen, wie über Autobahnen – dann und wann gelingt es dem inzwischen leicht Verunsicherten doch … Festgestellt habe ich, dass ein leere Flächen vertreibender Bauboom (für Shoppingzentren) und Leere mit nachfolgendem Verfall (siehe obere Etagen der Wohnhäuser) Hand in Hand gehen und grellbunte Fassaden wenig über den Charakter eines tristen Alltags in der Trabantenstadt hinwegtäuschen.

Im historischen Kern konnte ich mich erholen und mich an der unverbundenen Irrealität der Lebensräume stoßen: Keine organisch gewachsene Stadtarchitektur, die sich in alle Richtungen ausbreitet – sondern ein zwischen Burg und Donau begrenztes Schatzkästchen steht da beziehungsleer zu Slovnaft und Petrzalka, lediglich als verneinende Antipode. Den vielen geführten Touristen hat es hier dennoch gut gefallen: zwar kleiner als Prag, aber bunter als Wien und immer wieder für Überraschungen gut. Viel Kultur im öffentlichen Raum – als ich da war, Fotos aus Afghanistan und seltsam zweckentfremdetes, neu verschweißtes Kriegsgerät.

KunstGestärkt konnte ich dann den Berg zum Kriegerdenkmal Slavna hinaufmarschieren. In Einsamkeit, denn niemand sonst quälte sich mit mir zum überdies auch fulminanten Aussichtspunkt. Dort konnte ich, mit der (tschecho-)slowakischen Geschichte recht unverbunden, rätseln, wie dieses (erst 1960/61 entstandene) beeindruckende Monument zu bewerten ist. Sozialistische „rote Helden“ (Ernst Bloch lässt grüßen) in Bronze, Befreiungsdaten an der Heldenhalle, einige Gräber gefallener sowjetischer Soldaten. Das Ganze mit reichlich viel Platz, um auch wirken zu können. Zwei gelangweilte Aufpasser heben die nachlassende Wirkung („somehow out of date“) jedoch vollends auf. Kein Mensch ist da, der sich erinnern möchte, nur Verbotsschilder und eben die Wächter zeugen von anderen Zeiten. Und da hinten steht ein Liebespaar, das über die Stadt verträumte Blicke schweifen lässt. Sicher ist das in einer ganz anderen Welt zuhause … Und da gibt es ja auch noch neuere Säulen mit Friedenswünschen, die mir zunächst nur ein müdes Lächeln abringen: „May peace prevail in Slovakia.“ — „Elsewhere not?“ bin ich geneigt hämisch zurückzufragen. Aber ich lese dieses kleine Denkmal als Erklärung für das Große. Der Leere des (Krieges/) Todes ein sinnstiftendes Denkmal nachsetzend, dem leer gebliebenen Traum vom kommunistischen Staatsverbund eine Leerformeln übersteigende Nationalität entgegengesetzt. Platz für ein wieder neues Denkmal bleibt freilich …

Auf der Heimfahrt kommt mir Prag in den Sinn. Alles recht ähnlich, aber ohne den nationalen Umweg. Da stand nämlich zentrumsnah auf dem Letna-Hügel einst das größte Stalinstandbild jenseits der UdSSR. Und in der Phase des Tauwetters wurde es abgetragen – Leere entstand also auch da. Eine Existenz des Überwundenen, nun Nichtmehrexistenten. Lange Zeit freuten sich die Tschechen an diesem Anblick der Leere. Doch Leere transportiert nichts in die Zukunft, deshalb schlägt hier ein riesiges Metronom symbolisch den Pulsschlag der Geschichte, allen Hegelianern und ihrem Weltgeist zum Trotze.

Vorstadt2Und dann bin ich wieder in Wien, am Westbahnhof, mit einem erwachten, plötzlich ganz ausgeprägten Bewusstsein der öffentlichen Leerräume. Der Europaplatz liegt vor mir. Auf Empfehlung des Europarates hin 1958 so benannt – ein hässlicher (nach Jahren in grauschwarz nun zumindest wieder weißer) Quader zeugt davon. Sandler verunreinigen dieses Rasenstück tagtäglich, niemand will mit dieser Stätte Visionen verbinden oder sie irgendwie schützen. Da frage ich mich, was dieser kleine Bahnhofsvorplatz über die uns angetragene (oktroyierte) „Denk mal!“–Willigkeit aussagt …

Und ich glaubte schon die Auseinandersetzung unserer Nachbarn mit Geschichte und Zukunft im öffentlichen Raume schelten zu müssen. Ich bitte um Verzeihung! Prominte prosim!

Wer eine ähnliche Expedition vorhat, kann das um 14 Euro mit dem „Bratislover“Ticket der ÖBB (Hin und Rückfahrt, incl. Tageskarte Stadtverkehr Bratislava) tun. Zugabfahrten im Stundentakt ab Wien Süd, um 8.14 auch ab Wien West mit Halt in Petrzalka – für Wagemutige.

Kommentare

tipps

ebenfalls empfehlenswert: zu fuß von hainburg nach bratislava! da schmeckt das bier am abend gleich viel besser ;-)
DIE kulinarische adresse der stadt: slovak pub! geniales studentenlokal mit gewaltigen aber gleichzeitig historisch stilvollen ausmaßen und extrem studentenfreundlichen preisen!

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