Endstation Golgotha: die „Straße der Schmerzen“

KreuzwegEine Kreuztragung zwischen Realität und Symbol, und wieder zurück.

Glaube versetzt Berge; um wieviel leichter verlegt er Straßen. Die Botschaft der frühen Christen reiste durch das Straßennetz des römischen Imperiums; als später die Hochburgen der Christenheit weit vom Lebensschauplatz Jesu abrückten, nach Mittel- und Westeuropa, begannen nicht nur tragbare Reliquien, sondern auch die Schauplätze selbst westwärts zu wandern. Manchmal geschah das, wie zu erwarten, durch Wunder: 1291 schwebte das Elternhaus der Jungfrau Maria aus Nazareth über Dalmatien nach Loreto, nahe bei Ancona – dort zeigt man es bis heute, samt dem Eßnäpfchen des Jesuskindes.

Anderes wanderte mittels frommer Geometrie und vervielfältigte sich zugleich; darunter auch eine besondere Art von Straße. Kreuzfahrer und Pilger hatten in Jerusalem den Brauch kennengelernt, unter der Führung der lokalen Franziskanermönche den Leidensweg Jesu nachzuschreiten: die Via Dolorosa („Schmerzhafte Straße“), vom Gerichtsort des Pilatus (den man in der römischen Festung Antonia vermutete) in Ost-West-Richtung bis zum Hügel Golgotha, wo seit Kaiser Konstantins Zeiten eine Kirche über dem Jesusgrab und der Kreuzigungsstätte stand. Zwar ist die Historizität der Orte zweifelhaft: Die einzige biblische Angabe zum Gerichtsort (Joh 19,13) bezieht sich vermutlich auf eine Terrasse in der Herodes-Zitadelle, südwestlich der Grabeskirche beim Jaffator – aber sicher war vor den Mauern der Antonia schon damals ein bequemer Platz, um eine Gruppe von Pilgern zu versammeln; heute treffen sie sich dort im Hof der Al-Umārīyā-Koranschule. Und Golgotha wurde zwar 325 (oder 326) durch eine Vision der Kaiser­mutter Helena identifiziert, samt Grab und Kreuz; aber zumindest fand der britische Archäologe Charles Gordon in den 1880ern ein zweites Golgotha nördlich des alten Jerusalem, vor dem Damaskustor. Auch zum dortigen „Gartengrab“ pilgern seither Menschen – nur eben auf keinem offiziell abgesegneten Weg.

Das Ziel ist der Weg

Den Weg nahm der Pilger im Kopf mit nach Hause und übertrug ihn, gleichsam mit Zirkel und Lineal, in seinen Heimatort, um ihn wenigstens einmal im Jahr nachgehen zu können. Der Hügel, auf dem die örtliche Kirche meist stand, mußte Golgotha darstellen und hieß dann „Kalvarienberg“ (calvaria = lateinische Übersetzung für aramäisch gulgaltā „Schädel“, wovon „Golgotha“ vielleicht abgeleitet ist); man konstruierte eine Wegstrecke von der Länge der Via Dolorosa, die (möglichst von Osten) auf den Berg führte.
Am Weg markierte man Stationen, wo man zu Gebet und Betrachtung innehielt; durch Bildwerke brachte man sie mit einzelnen Stufen des Leidensweges in Verbindung, die man der Bibel oder anderer Überlieferung entnahm. Anfangs hielt man siebenmal inne, später neun-, zwölf-, bis zu fünfzehnmal. Im 17. Jh. begann sich eine „klassische“ Form mit vierzehn Stationen durchzusetzen – der Franziskaner Leonhard von Porto Maurizio (1676-1751) verschaffte ihr weltweite Anerkennung, Papst Clemens XII. (1652-1740) machte sie amtlich und garantierte den Gläubigen für einen andächtig durchschrittenen Kreuz­­weg vollkommenen Ablaß, d.h. Straffreiheit für alle Sünden seit der letzten Beichte.

Was geschah …

Worum geht es beim Kreuzweg? Nicht um ein Vergegenwärtigen geschichtlicher Fakten. Zwar ist die Kreuzigung fast der einzige Punkt im Jesus-Leben, über den ein Historiker sprechen kann, ohne den festen Boden zu verlassen: Ziemlich sicher wurde Jesus von Pilatus zum Tod verurteilt (Station I), man lud ihm das Kreuz auf die Schultern (II), nagelte ihn daran (XI), er starb (XII), und sein Leichnam wurde abgenommen (XIII). Vermutlich wurde er vor der Hinrichtung entkleidet (X), wenn auch vom Würfeln um sein Gewand (z.B. Joh 19,23f.) nur der Erfüllung eines Schriftworts halber erzählt wird (Ps 22,19). Daß er klagende Frauen am Weg zur Richtstätte traf (VIII), ist wahrscheinlich; ob man ihm wirklich Zeit ließ, mit ihnen zu reden, weiß nur der Evangelist Lukas (Lk 23,27-31). Daß wohlhabende Anhänger (Josef von Arimathäa und Nikodemus, z.B. Joh 19,38-42) sich den Leichnam erbaten und ihn ehrenvoll in einem nahen Felsengrab beisetzten (XIV), war nach römischem Recht möglich; allerdings zweifeln bedeutende Theologen daran (Rudolf Bultmann spricht von einer „erbaulich-legendären Bildung“, Uta Ranke-Heinemann vermutet Jesu sterbliche Überreste in einem Massengrab mit anderen Gehenkten).

… und was nicht geschah

Nirgends in der Bibel steht, daß Jesus unter der Last des Kreuzes zu Boden fiel; und so ist das dreimalige Fallen (Stationen III, VII und IX) wohl nur mystische Begründung für die Kniefälle der Pilger auf der Straße, herausgeheimnist aus Jesajas Gesängen vom leidenden Gottesknecht und den Klageliedern des Jeremia, die man gerne­ bei diesen Stationen zitiert (Klgl 3,16: „Auf Kies ließ er meine Zähne beißen, in den Staub hat er mich niedergedrückt“).
Maria war wohl zuhause in Nazareth und konnte­ nicht schnell genug in Jerusalem sein, um ihrem gefangenen Sohn zu begegnen (IV); die Evangelien behaupten das auch nicht. Zwar läßt Johannes sie unter dem Kreuz stehen (Joh 19,25-27), aber er verwechselt sie wohl mit anderen Marias (vgl. Mt 27,56). Tage oder Wochen später kam sie mit ihren anderen Söhnen nach Jerusalem (Apg 1,14).
Eine weitere Station ist nicht nur unbiblisch, sondern gibt nicht einmal Sinn: Veronika mit dem Schweißtuch (VI). Denn mit einem „Schweißtuch“ (lat. sudarium) wurde nicht lebenden Menschen der Schweiß vom Gesicht getupft, sondern der Kopf eines Toten eingehüllt – laut Joh 20,7 war es ein Teil der Leichenbinden. Ein Sudarium Christi wird heute im Petersdom verwahrt – es gibt noch ein paar andere. (Und das berühmte Turiner Grabtuch? Das kommt eben aus einer anderen Erzähltradition, wo der Leichnam in ein einziges Tuch gehüllt wurde, wie in Mt 27,59.)

Theologie mit dem Zeichenstift: die Führich-Kreuzwege

Seit 1991 geht der Papst jeden Karfreitag im Kolosseum einen neuen Kreuzweg mit 14 durchwegs biblischen Stationen; darunter die Einsetzung der Eucharistie, das Verhör vor dem Hohen Rat, die Trostworte an den reuigen Schächer. Auf geschichtliche Wahrheit pocht aber auch dabei niemand. Wozu denn? Glaube wächst niemals aus Geschehnissen, er geht ihnen voraus oder umgeht sie; Geschichten ballen sich aus verschiedensten Quellen zusammen und illustrieren ihn. Das einzige Verkehrsmittel, das heute verläßlich nach Golgotha und Umgebung führt, ist eben „des Glaubens Flügel“ (wie es in Bachs Johannespassion heißt).
KreuzwegGewiß trägt dieser Flügel genausogut im Innern geschlossener Räume; und auch den Ablaß gewinnt man genauso sicher auf einer verinnerlichten Straße, die man nur geistig abschreitet, bzw. der Priester stellvertretend für die sitzende Gemeinde. Die Wände einer katholischen Pfarrkirche in Europa sähen kahl aus ohne einen Kreuzweg-Bilderzyklus. Wer sich davon einige Dutzend ansieht, namentlich im Dunstkreis der k.u.k. Donaumonarchie, hat das Gefühl, immer wieder dasselbe zu sehen. Mit Recht: denn es sind Aberhunderte von Kopien eines einzigen Kreuzwegs. Joseph von Führich (1800-1876) aus Kratzau in Böhmen, genannt „der Theolog mit dem Stifte“, Mitglied einer urchristlichen Künstlergemeinschaft mit dem Spitznamen „Nazarener“, vollendete am 6. Oktober 1846 das Original: vierzehn lebensgroße Fresken unter der Empore der Pfarrkirche St. Johann Nepomuk in der Wiener Praterstraße.
Als echter Nazarener malte Führich nicht Menschen und Geschehnisse, sondern Chiffren. Pilatus (Station I) sieht immerhin noch wie ein Römer aus, wenn auch wie ein Imperator im Lorbeerkranz; der Zenturio, der sich unter dem Kreuz zu Jesus bekennt (XII), könnte aus einem Sandalenfilm sein. Ansonsten entspringen Gewandung, Piken, Henkerswerkzeuge und Pharisäermützen der Lieblingsepoche romantischer Künstler: einem abstrahierten Dürerschen Mittelalter. Die opalhaften Farben leuchten nicht wie mediterrane Sonne vom Sinai, sondern erinnern (noch im halbdunklen Kirchenraum) an Chagall. Die Architektur wirkt kulissenhaft, halb außerirdisch; Pflanzen – die aus dem Felsengrab ragende Zeder (XIII), die Hyazinthe zu Füßen des gestürzten Jesus (VII) – sprießen an den Bildrändern hauptsächlich ihres Symbolwerts wegen; Wolken am Himmel spiegeln seelische, nicht atmosphärische Stimmung; das Kreuz, mehr Sinnbild als Holzbalken, ändert von Bild zu Bild seine Proportionen, wird manchmal viel zu klein, um den übermenschengroßen Jesus zu tragen. Durchwegs erkennbare Gesichter haben nur Jesus, Maria und der Jünger Johannes; Schergen und Pharisäer zeigen immer wieder neue Züge, wohl, damit sich umso mehr Betrachter in ihnen wiedererkennen.

Der Nachtragende

Bei Station V wird ein graubärtiger Mann von Legionären genötigt, Jesus das Kreuz tragen zu helfen: Simon aus Kyrene. Führich hängt ihm Sichel und Tragtasche eines Feldarbeiters an den Gürtel. Als Chiffre kann Simon für all die hilfreichen Hände stehen, die der Mensch am Straßenrand trifft – nur, wann begegnet einem schon solche Hilfe: unverhofft und dann auch noch unfreiwillig? Außerdem war der Mann schwerlich ein Bauer, der „vom Felde“ kam (Mk 15,21; Lk 23,26): Kyrene war kein Dorf bei Jerusalem, sondern die Hauptstadt der Provinz Cyrenaica, gut 1000 km weiter westlich im heutigen Libyen. Wenn Simon in Jerusalem war, dann als Pilger, um das Pessachfest dort zu verbringen. Aber warum hätte man einen unschuldigen Passanten das Kreuz „hinter/nach Jesus“ (Lk 23,26) tragen lassen? Gestürzt war Jesus nicht, und noch so große Verausgabung des Delinquenten konnte die Henker nicht stören: ein Erschöpfter stirbt schneller. Zudem war Simon womöglich römischer Bürger (seine Söhne, bei Markus erwähnt, trugen die römischen Vornamen Alexander und Rufus und waren vielleicht Gemeindemitglieder in Rom); ihm das Kreuz eines galiläischen Aufrührers aufzuladen wäre skandalös gewesen.
Also geschah wohl auch dies nicht wirklich, sondern wir sehen hier die narrative Umsetzung eines Jesuswortes, das in jeder Kreuzwegmeditation vorkommt: „Wer mir nachkommen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz und folge mir.“ (Mt 16,24) Simon hatte, wie seine Söhne, „in der Nachfolge Jesu das Kreuz auf sich genommen“, das heißt, er war Christ geworden; und die Evangelisten (außer Johannes) faßten die Metapher wörtlich auf und machten eine Geschichte daraus.

Nimm dein Kreuz und geh

Die Ermunterung zu solcher „Nachfolge Christi“ gilt weithin als Kernbotschaft der Kreuzweg-Andacht. Dabei ist wahrscheinlich, daß Jesus den berühmten Satz gar nie gesagt hat, jedenfalls nicht genauso: Seine aramäisch sprechenden Zeitgenossen verwendeten das Wort „Kreuz“ nicht metaphorisch (das konkrete Kreuz als Mordwerkzeug lernten sie gerade erst von den Römern kennen). Nun ist aber ein Kreuz ein Querbalken an einer langen Stange, und etwas ganz Ähnliches ist auch das Joch eines Wagens – eine Querstange an der Deichsel. „Jemandes Joch tragen“ hieß redensartlich „sich seiner Lehre unterwerfen, sein Jünger sein“. Und so lag es nahe, in einem Satz wie „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir“ (Mt 11,29) statt „Joch“ (griech. zygós) „Kreuz“ (staurós) einzusetzen; besonders, wenn man die Todesart des Meisters vor Augen hatte und kein griechischer Muttersprachler war.
Übrigens hatte Jesus klargestellt, daß unter dem Tragen des Joches/Kreuzes kein Märtyrertum, überhaupt kein freiwilliges Leiden zu verstehen war: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“ (Mt 11,30). Wer also andere dazu anhält, sich im Zeichen des Kreuzes das Leben schwerer zu machen als nötig – im Schlachtfeld oder Alltag! – gehört zu denen, die „Gottes Sohn für ihre eigenen Zwecke von neuem kreuzigen“ (Hebr 6,6).

KreuzwegKreuze für alle

Viele Christen tragen heute das Kreuz Christi, zumindest teilweise. Zwar verschwand es spätestens 638 aus der Realgeschichte, als die Araber Jerusalem samt der Reliquie annektierten, aber ab dem 13. Jh. verteilten Kreuzfahrer und andere Fromme einen Hagel von Kreuzesspänen über die christliche Welt. Mehrere davon stecken in kleinen Reliquiaren, die man als Medaillon um den Hals tragen kann. Ferner tragen Pilgergruppen auf der Via Dolorosa gern ein Holzkreuz mit sich herum; jeder darf es mal halten, wie einen Staffelstab, und meist ist es ca. 150 cm groß. Weiters kann man sein Kreuz auch so tragen wie Kaiser Konstantins byzantinische Nachfolger; sie trugen ein Zepter mit Querbälkchen, genannt staurós – also: Jeder sein eigener Kaiser von Konstantinopel.
Schließlich kann ein Kreuz auch eine Markierung sein, wie auf der Schatzkarte. Der Prophet Ezechiel sah, wie Gott seinen Getreuen, die sich nicht durch Götzendienst und Unzucht entehrt hatten, den Buchstaben Taw auf die Stirn malte (Ez 9,4-6); in althebräischer Schrift sieht das aus wie unser X. Wer so markiert war, sollte der Bestrafung Israels durch Schwert und „Joch“ (hier: Gewaltherrschaft) Babylons entgehen.
Tatsächlich verstanden frühe Christen das Wort vom „Kreuz auf sich nehmen“ in diesem Sinn: Ihr erstes Kreuzzeichen war ein X, das man sich mit dem Daumen auf die Stirn schrieb. Und dieser Art von Kreuztragung können wir uns rückhaltslos anschließen. Niemand darf uns etwas anhaben; wir haben mit den Teufeleien unserer Mitmenschen nichts zu schaffen. Wir sind die Guten.

Zum Einstieg in das Thema empfiehlt sich:
Josef Ratzinger, Der Kreuzweg unseres Herrn. Meditationen.
Schalom Ben-Chorin, Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht.
Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen (besonders das Kapitel „Karfreitag“).
http://www.pfarre-nepomuk.at – die St. Johann-Nepomuk-Kirche mit dem archetypischen Führich-Kreuzweg und einer Liste von über 500 Kopien (27 allein in Wien).
Und natürlich ein Besuch in der Ortschaft Kreuzweg (tschech. Křížatky, heute Ortsteil von Litvínov, am Südrand des Riesengebirges). Warum? Bloß so. Weil sich dort Wege kreuzen.

Kommentare

Jeder Mensch múss sein

Jeder Mensch múss sein schweres Kreuz Tragen im Leben auch wenn der Mensch nicht will .
Jesus hatte es uns gezeigt wie ,mit:LIEBE ,HOFFNUNG UND GLAUBEN.
Oder hatte Mensch GOTTESOHN geschämert das ganzes Kreuz mit seinen Blut für die Menschen sein TOD bezahlt:
Jesus sagte am KREUZ : O Vater verzeihen IHNEN (denn Meschen) den sie(Mensch) wissen nicht was SIE (Alle Menschen auf ERDE)tun.

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.