Erhitzte Gemüter

Ein kleiner Überblick über Ursachen und Erklärungskonzepte des komplexen psychologischen Phänomens der Aggression.

Probieren Sie einmal Folgendes aus: Begeben Sie sich mit dem Auto auf eine stark befahrene Straße (am besten im städtischen Gebiet). An einer ampelgeregelten Kreuzung warten Sie die Grünphase ab und fahren jedoch nicht los, sondern bleiben einfach bis zur nächsten Rotphase stehen. Nun beobachten Sie im Rückspiegel die Reaktionen Ihrer Nachfolger – mit großer Wahrscheinlichkeit gehören diese zu einem menschlichen Verhaltensrepertoire, welches dem Thema dieses Artikels entspricht – der Aggression. Was aber ist Aggression eigentlich? Stellt man sich die­se Frage, bieten sich viele verschiedene Definitionsmöglichkeiten an: Begriffe wie Gewalt, Ärger, Hass, Kriminalität, Krieg, Terror, Mobbing etc. zeugen von einem weit reichenden Umfang der Thematik. Wie bei vielen anderen Begriffen der Psychologie ist auch bei der Aggression eine scharfe Definition kein leichtes Unterfangen. So finden sich auch in der Fachliteratur zum Teil unterschiedliche Begriffsklärungen, wobei ein möglicher kleinster gemeinsamer Nenner in der absichtlichen Schädigung anderer besteht.

Aggression ist nicht gleich Aggression

Auch wenn Einordnungen und Abgrenzungen schwierig sind, ist doch evident, dass zwischen verschiedenen Formen der Aggression zu unterscheiden ist. Ein Unterscheidungsmerkmal ist die Art der Motivation für ein aggressives Verhalten: Einerseits können Nutzeffekte im Vordergrund stehen (z.B. bei einem Banküberfall), während in anderen Fällen die emotionale Komponente überwiegt (z.B. Racheakte) – wobei sich Nutzeffekte meist auch mit Emotionen überlagern und sich nur wenige Beispiele finden, die eine klare Abgrenzung erlauben. Weitere Differenzierungsmerkmale sind darin zu sehen, inwiefern ein aggressives Verhalten aktiv (z.B. Mobbing) oder reaktiv (Abwehr, Vergeltung) ist bzw. ob es sich um eine individuelle oder eine kollektive Form von Aggression handelt (Kollektive Aggressionen wie z.B. Ausschreitungen von Hooligans sind im Allgemeinen nicht einfach als Summe individueller Handlungen anzusehen – es werden Handlungen durchgeführt, die viele bzw. die meisten Beteiligten als Einzelperson nicht durchführen würden). Wesentlich ist bei dieser Differenzierung, dass man nicht von der Aggression an sich sprechen kann, welche man mit einer einfachen Theorie erklären könnte. Im Folgenden werden drei fundamentale Erklärungsansätze mit jeweils unterschiedlichen Zugängen erläutert, welche für das Verständnis der Bedingungen aggressiver Verhaltensweisen und deren Unterschiede notwendig sind.

Das Böse in uns

Der erste Erklärungsansatz befasst sich mit der Frage, woher die aggressiven Verhaltensweisen stammen bzw. welche angeborenen Grundlagen beteiligt sind. Dabei erlangten in der Vergangenheit zwei Triebtheorien Bekanntheit: Einerseits die Theorie Sigmund Freuds, welcher für den Menschen zwei Grundtriebe konstatierte (Eros, den Lebenstrieb, und Thanatos, den Todestrieb – Letzterer stellte für Freud eine Quelle dar, welche ständig aggressive Impulse produziert, und war für ihn sozusagen die Wurzel des Bösen). Diese zum Teil spekulative und biologisch widersprüchliche Theorie findet sich heutzutage nur mehr in den Geschichtsbüchern. Im nicht unumstrittenen Werk „Das sogenannte Böse“ versuchte der österreichische Nobelpreisträger Konrad Lorenz, auf Basis der Verhaltensforschung im Tierreich den arterhaltenden Zweck eines Aggressionstriebes (gegen Artgenossen!) nachzuweisen. Dieser bestehe hauptsächlich darin, dass sich die Arten durch die (aggressive) Verteidigung von Territorien möglichst breit verteilen können (und nur sekundär in der Selektion der Stärkeren). Aufgrund mangelnder Beweise bzw. einiger Gegenbelege (z.B. zeigen nicht alle Arten Territorialverhalten) wird heute die Existenz eines Aggressionstriebes mehr als angezweifelt. Davon unabhängig sind jedoch genetische Grundlagen als Potential zur Entwicklung von bestimmten Verhaltensweisen zu erwähnen. Aufgrund von Studien wie z.B. aus der Zwillingsforschung wird der erbliche Anteil der Aggressivität auf ca. 50 % geschätzt. Die beteiligten physiologischen Prozesse sind jedoch sehr komplex, zudem ist der oftmals behauptete Testosteroneinfluss nicht ausreichend belegt. Dagegen ist erwiesen, dass Prozesse der Informationsverarbeitung sowie soziale Prozesse mindestens gleichbedeutend mit der organischen Komponente sind, wenn es auch über alle Länder und Kulturen hinweg Gemeinsamkeiten gibt, was z.B. die Reaktion auf negative Erlebnisse betrifft.

Väterchen Frust

Bleiben wir gleich bei negativen Ereignissen, die den Grundstock für einen sozialpsychologischen Erklärungsansatz bieten, und gehen der Frage nach, wann aggressives Verhalten auftritt bzw. wodurch es ausgelöst werden kann. Gemäß der Frustrations-Aggressions-Theorie sind Frustrationen die Ursache von Aggression (bzw. erhöhen zumindest die Bereitschaft zu dieser), welche demnach dann auftritt, wenn erwartete Ziele verhindert oder blockiert werden (wenn z.B. irgendein Trottel bei Grün stehen bleibt). Hierbei ist jedoch zu sagen, dass nicht unbedingt jede Frustration zu einer aggressiven Handlung führen muss, so wie nicht jede Aggression eine Frustration als unmittelbare Ursache hat. Leonard Berkowitz betonte bei seiner Revision dieser Theorie, dass einerseits zusätzlich zu Frustrationen provozierende Reize anwesend sein müssen, um Aggressionen auszulösen. Weiters kommt es darauf an, wie eine Frustration wahrgenommen wird und inwiefern eine Schuldzuschreibung vorliegt (Wurde man absichtlich oder versehentlich frustriert?). Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Reaktanztheorie nach Jack W. Brehm, gemäß der die Einschränkung einer erwarteten Freiheit zu Reaktanz (ein psychologisches Phänomen, wonach man Dinge oder ursprünglich verfügbare Wahlfreiheiten aufwertet, wenn sie nicht mehr zugänglich sind) und unter bestimmten Umständen wie oben angeführt zu Aggression führt. Auch wenn jedoch Frustrationen und dergleichen das situative Fundament der Aggression bilden, so ist es wichtig zu bemerken, dass es auf die beteiligten Personen und deren Verhaltensrepertoire ankommt, ob und wie stark diese mit Ärger, Enttäuschung usw. reagieren bzw. ob sie aggressive oder friedfertige Reaktionen zeigen.

Nicht nur für die Schule wird gelernt

Zur umfassenden Erklärung von Aggressionen ist somit ein lernpsychologischer Ansatz unumgänglich, der erklären soll, wie Aggressivität entsteht und welche (vergangenen) Ereignisse für aktuelle Aggressionen ausschlaggebend sind. „Lernen“ bedeutet in der Psychologie nicht unbedingt Wissensaneignung, sondern allgemein die Aneignung von nicht angeborenen Verhaltensweisen. Vielen LeserInnen ist wohl der Pawlowsche Hund ein Begriff, der lernte, beim Ertönen eines Glockentons auch unabhängig vom Vorhandensein von Nahrung mit Speichelfluss zu reagieren. In Analogie zu einer solchen „klassischen Konditionierung“ können bestimmte Signalreize zu emotionalen Reaktionen wie Ärger führen (besonders sind hier Vorurteile zu erwähnen – so hat womöglich ein/e RassistIn gelernt, bereits beim Anblick von dunkelhäutigen Menschen mit Wut zu reagieren). Es sind jedoch nicht nur Signale ausschlaggebend, sondern auch (erfahrungsbedingte) Erfolgserwartungen. Machen sich bestimmte Verhaltensweisen bezahlt, so werden diese verstärkt (d.h. häufiger ausgeführt). Wer mit Aggressivität oft Erfolg hat, wird als Konsequenz häufiger aggressiv handeln. Hingegen werden Verhaltensweisen quantitativ vermindert, wenn sie gehäuft zu negativen Konsequenzen (Bestrafung) führen (woraus allerdings Frustration entsteht – ein kleiner Teufelskreis). Eine weitere bedeutende Form des Lernens ist das Modelllernen. Diese soziale Lerntheorie fand ihren Anfang bei Experimenten von Albert Bandura, wo die meisten der teilnehmenden Kinder (unfrustriert) eine Puppe aggressiv malträtierten, nachdem sie eine erwachsene Person bei eben dieser Tätigkeit beobachtet hatten. Anscheinend führen besonders bei anderen beobachtete Verhaltensweisen dazu, diese in ähnlichen Situationen nachzuahmen, besonders wenn sich ein Verhalten bei der Modellperson gelohnt hat. Bedeutend ist das Modelllernen vor allem bei Aggressionen und Gewalt in der Familie und in den Medien. Allerdings gibt es auch hier keine unbedingt zwingenden Folgen: Wie bei allen angeführten Arten des Lernens ist es ausschlaggebend, wie Modelle, Effekte oder Signale bewertet und interpretiert werden.

Es kommt darauf an …

Der Mensch hat es üblicherweise gerne, Dinge in einfacher Weise zu erklären – einerseits, weil es bequem ist, und andererseits, um zielstrebig danach handeln zu können. Die vielen jedochs und abers, die in diesem Artikel vorgekommen sind, lassen vermuten, dass das bei der Aggression keine gute Strategie ist. Warum jemand in einer bestimmten Situation aggressiv wird, kann viele und weit reichende Gründe haben (Welche externen Faktoren spielen mit? Welche Einstellungen hat die Person? Wie ist die Erziehung verlaufen? Wie sehen Interaktion und Beziehung mit anderen Beteiligten aus? Wie wird die vorliegende Situation wahrgenommen? Welche Gedanken und Gefühle sind bestimmend? usw.). Tatsache ist jedenfalls, dass verschiedene Personen in verschiedenen Situationen in unterschiedlicher Weise agieren, reagieren und interagieren. Wenn auch gezeigt werden kann, dass bei bestimmten Ereignissen gehäuft aggressives Verhalten auftritt, so kommt es jedoch darauf an, wer beteiligt ist. Nicht jedes Gemüt erhitzt sich in gleicher Weise, manche lässt auch noch das stärkste Feuer kalt.

Buchtipp:
Hans-Peter Nolting: Lernfall Aggression. Wie sie entsteht – wie sie zu vermindern ist. (Rowohlt 2005)

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