Eto wasche djelo

Das Machtspiel mit einem ganzen Land: Fallbeispiel Tschechoslowakei 1968-1989.

Eto wasche djelo, das ist eure Sache. Das sagte der sowjetische Diktator Breschnew im Frühjahr 1968, nachdem ihm die tschechoslowakischen Genossen mitgeteilt hatten, dass sie das politische System ein wenig menschlicher gestalten wollten („Prager Frühling“). Offiziell nannten sie das geplante System „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Es wäre jedoch nur eine „sanftere“ Diktatur gewesen: Die reale Apartheid-Gesellschaft (Mitglieder der KP-Oberschicht hatten „andere“ Rechte als das Fußvolk und waren in der Verfassung als die „führende Kraft der Gesellschaft“ verankert (a)) wäre erhalten. Monate später, am 21. August, waren trotzdem Panzer des Warschauer Paktes im Lande. Die Invasion lief nicht nach Plan ab: Die vorbereitete Regierung der Arbeiter und Bauern (so nannten die Kommunisten schon immer ihre Diktaturen der Ideologen, die weder Arbeiter noch Bauern waren) wurde nicht eingesetzt, die selbsternannten Reformer wurden aber nach und nach entmachtet.

stalinDie Armee verteidigte das Land gegen die 400.000 Invasoren mit 6.000 Panzern nicht. Das Land, das schon seit 1948 dem Kommunismus ausgeliefert war, wurde wieder für einundzwanzig Jahre für das düstere Paradies der Arbeitenden gerettet: Weitere Generationen (auch meine Generation) die in einer Angstgesellschaft (b) lebten und nicht frei reisen, sondern Mund halten durften. Es waren Ferien und mir blieb deswegen ein Kindheitstrauma erspart: Ich verbrachte die erste Woche der Okkupation nicht zu Hause in Prag, sondern bei Großeltern in Ostböhmen. Dort marschierten die polnischen Einheiten ein. Sie saßen mit ihren Gewehren auf den Panzern, aber verwendeten diese nicht wie die Russen in Prag.
In Prag war es schlimmer. Ich sah aber nur noch Blutflecken (mit Blumen und Flaggen bedeckt), und viele ausgebrannte und zerschossene Häuser. Sehr viele Panzer mit grimmiger Besatzung. Flugabwehrkanonen(!) auf dem Altstädter Ring. Die Leichen waren schon weg.
Mit einer kindlichen Neugier untersuchte ich die Einschüsse in der Decke des Zimmers, wo mein Vater in einem Bürogebäude auf der Prager Vinohradská Straße, vormals Stalinstraße, arbeitete. Die Rotarmisten ballerten einfach herum, sagte er. Niemand wurde verletzt, alle sind in den Hof gelaufen. Die Fassade des Nationalmuseums in Prag trägt bis heute Schussnarben. Zu unserer Schadenfreude schafften es die Stalinskis nie, die Fassade richtig zu restaurieren.

Wie war die Jugend?

Meine Eltern legten mir und meinem Bruder nahe, nie in der Schule über Politik zu reden. Zu Hause wurde ganz anders geredet als in der Schule, die Angst war in den Gesprächen spürbar. Hunderttausende flüchteten gleich 1968/69 in den Westen, weitere Zigtausende später. Die Menschen stimmten mit den Beinen gegen den Kommunismus ab, freie Wahlen gab es nicht, die­se wurden erst 1990 wiedereingeführt.
Wir waren vierzehn Jahre alt: Milan (beide Eltern bei der Partei, nach dem russischen Einmarsch aus der Partei und Arbeit rausgeflogen) und ich (niemand aus der Familie bei der Partei). Wir diskutierten auch über Politik. Einmal fragte mich Milan auf der Strasse (Abhörgefahr!), ob ich etwas machen will. Ich wusste, was er meinte. Wir machten also etwas, aber unsere Versuche, Flugblätter gegen die Okkupation zu erzeugen, scheiterten, da die alte Pressmaschine nichts taugte. So ist uns eine Jugendstrafe erspart geblieben – und den beiden Familien ein ziemlich tristes Schicksal. Wir waren sehr naiv, wir wären bald verhaftet worden, da die Spitzeldichte in der Bevölkerung hoch war.
Was wäre wenn: wenn uns „die Amerikaner“ geholfen hätten? Wir wussten, das es völlig utopisch war: Für die älteren Generationen blieb „Amerika“ jedoch die Hoffnung: schließlich haben die USA ab 1950 den Sender Radio Free Europe © finanziert, der bist heute in die unfreien Länder (d) freie Informationen nicht nur über Politik, sondern auch über Kultur, Kunst, Religion usw. ausstrahlt (Kommunisten nannten freie Informationen „ideologische Diversion“).(e)
chruschtschowFür Europa waren wir bloß „der Ostblock“, mit dem Geschäfte gemacht wurden, der aber sonst abgeschrieben wurde. Nur aus der DDR wurden Menschen freigekauft (ca. 33.000 Untertanen für 3,5 Milliarden DM) (f). Im Gymnasium (Fach: Wehrerziehung, branná výchova) lernten wir mit einem Kleinkalibergewehr umzugehen. Dann auch mit einer Kalaschnikow, auch AK-47 genannt (g), damit wir für den zweijährigen Militärdienst (ohne Ersatzdienstmöglichkeit) gut vorbereitet wären. Für den Krieg gegen euch Imperialisten und Imperialistinnen. Dass die ganze Welt früher oder später, mit oder ohne Gewalt, kommunistisch werde, wurde uns allen sorgfältig eingehämmert. Wir wären gerne collateral damage im Kampf gegen den Kommunismus, oder wie ich gerne sage, Kommunazismus (zugegeben, Kommunismus hat mit Faschismus mehr gemeinsames als mit dem Nazismus), gewesen.
Ohne Freiheit zu leben: Für viele von uns kaum greifbar, wir haben sie. Ich habe es im Westen so oft gehört: wir haben hier auch eine (Konsum‑)Diktatur, nur eine subtilere. Das ist eine böse und zynische Verharmlosung. Diktatur bedeutet (auch in einem Land, wo nur mäßig Staatsmord und Folter angewendet wird): Du gehst schlafen und weißt nicht, ob du nicht in der Nacht verhaftet wirst. Du stehst auf und musst den ganzen Tag sehr aufpassen, was du sagst. Du sagst deine Meinung nur den besten Freunden. Du darfst nie unbekümmert telefonieren oder Briefe schreiben. Irgendwann Neapel sehen oder studieren kannst du dir abschminken. Das schlimmste: Das alles wird für dich völlig normal und du resignierst. Wenn du diese Regel brichst und/oder die Herrschenden gerade einen Prozess brauchen, bist du dran: Zwei bis sechs Jahre Haft waren es in der ČSSR, Foltertod bis vor kurzem in Irak usw. Im Staat gibt es keine Institution, die nicht dem Diktator oder der Partei hörig ist.

Chamberlains & Carters vs. Churchills & Reagans

Die herrschende Schicht im Ostblock, die Genossen und Genossinnen, bildeten überall ca. 10% der Bevölkerung, deren Macht durch Polizei, Paramilitärs („Volksmilizen“) und (fremde) Panzer geschützt wurden. Die meisten Menschen in Europa wissen wenig über Kommunismus, und verstehen nicht, dass auch Österreich jetzt ein armes postkommunistisches Land wäre – ohne die USA, die dieses verhindert und das Reich des Bösen zum Kollaps gebracht hat. Wie ist es dazu gekommen?
Jimmy Carter wurde 1976 zum Präsidenten gewählt. Er hat zuerst viel über Menschenrechte gesprochen. Genossenkows waren zuerst sehr beunruhigt, aber nachdem sich herausgestellt hatte, dass seine Worte nur Worte bleiben, beruhigte sich die Lage, und gegen die Opposition (in der ČSSR war es die Charta77) wurde härter vorgegangen.
Ronald Reagan wurde 1980 gewählt und nach Jahrzehnten saß im Weißen Haus jemand, der gegen die kommunistischen Pläne mit uns allen vorging. Es gab zuerst viel Gespött, im Osten und im Westen: Ein Schauspieler wird zum Präsidenten, typisch Amerika. 1983 nannte Reagan in einer Rede das sowjetische Imperium „Reich des Bösen“, the focus of evil in the modern world.(h) Wir Ostblockistanis ließen uns diese Worte auf der Zunge zergehen.
Stellt euch vor: ihr lebt in einem Käfig. Alle, die nicht im Käfig leben müssen, im Osten und im Westen, sagen: Das ist kein Käfig, das ist ein anderes Wohnsystem! Dann kommt jemand, der sagt: Das ist ein Käfig und es ist eine Sauerei, dass ganze Nationen, captive nations, so eingesperrt leben müssen. Die Partei und ihre Medien (freie Medien gab es einfach nicht) waren wütend. Sie waren von Europa durch Worte wie friedliche Koexistenz (i) und Nichteinmischung verwöhnt. Die Rede von Reagan war natürlich nirgendwo zu bekommen. Aber zu hören in Radio Free Europa und Voice of America, auch wenn RFE durch energiefressende Störsender (Hitler hatte auch viele) gestört wurde.
1983 kam der NATO-Doppelbeschluss (Aufrüstung des Westens auf sowjetisches Niveau + Verhandlungen), 1987 die doppelte Nulllösung (weitreichende atomare Abrüstung). Reagan hat 1987 Gorbatschow in Berlin öffentlich aufgefordert, die Mauer niederzureißen.(j) Nach zwei Jahren war die Mauer weg; Gorbatschow, der letzte sowjetische Diktator (1985-91, wurde von den Parteigeronten ernannt, erst Jelzin wurde frei gewählt) hat dazu nur durch sein Nichtstun beigetragen: er hat es mit seinen Panzern nicht verhindert. ČSSR wurde bald auch frei und auch wenn Tschechien noch immer eine sehr korrupte Demokratie (k) ist, ist es jetzt ein Land, wohin Menschen flüchten. Das ist ein gutes Zeichen. Oder wollen Sie nach Kuba, Nordkorea, Weißrussland oder Zimbabwe flüchten?

Kommunismus geht vorbei

gorbatschowManchmal hören wir aus dem Ex-Ostblock (vor allem von den Ehemaligen), dass hinter dem Kommunismus eine dicke Linie gemacht werden sollte, gebt bitte endlich Ruhe usw. Es ist umgekehrt: Historiker, die die Geschichte des Kommunismus schreiben werden, sind noch nicht da. Maria Fritsche, die in ihrer enthüllenden Diplomarbeit (l) über die Deserteure in der (österreichischen) Wehrmacht schrieb, wurde 1969, 24 Jahre nach 1945, geboren. Und die russischen Archive sind sowieso noch zu.
Beispiel eines Forschungsauftrages: Perzeption des sowjetischen Krieges in Afghanistan in den westlichen Medien1982-1988.(m) Also Genosse Gorbatschow: Hat 2003 verkündet, dass der sowjetische Afghanistan-Krieg (der das labile Gleichgewicht in der Region nachhaltig zerstört hat) ein „Fehler“ war. Warum erst nach Jahren? Gut, Gorbatschow fing nicht an und wollte den Krieg nicht. Es waren andere: Andropow, Ustinow, unser Hauptheld Breschnew usw. Aber Gorbatschow wollte ihn schnell gewinnen, und so wurden unter ihm wahrscheinlich die meisten der 1,3 Millionen afghanischen Opfer getötet. (n) Ein Fehler. Auf dem Stephansplatz in Wien demonstrierten ca. 1986 ungefähr 20 Afghanen mit einer tschechisch-polnischen Beteiligung gegen Gorbatschows Fehler. Die Opferzahlen waren schon damals bekannt.
Sowjetunion: a ghastly hybrid of seventeenth-century quasi-Oriental despotism, nineteenth-century messianic radicalism and twentieth-century total war. °
Wünschen wir der ganzen Welt jedes Jahr mehr Freiheit (vor 20 Jahren gab es noch den Ostblock und die Diktaturen Südamerikas waren auch keine Rosengärten) Hoffentlich werden wir unsere Freiheit immer genießen können. Wir sollen jedoch nicht diese Worte von Reagan vergessen: Freedom is never more than one generation away from extinction.

________________________
a All animals are equal. But some animals are more equal than others. George Orwell, Animal Farm. Orwell war im Ostblock verboten.
b Der sowjetische Dissident Natan Sharansky unterscheidet zwischen fear society and free society. Es ist mehr als nur ein Wortspiel: In ständiger Angst zu leben ist eines der grundlegenden Merkmale einer Diktatur. Siehe The Case for Democracy. The Power to Overcome Tyranny and Terror. 2004
c http://www.rferl.org. Die tschechischen Sendungen wurden natürlich schon eingestellt, der Hauptsitz ist ab 1995 Prag – vorher war es München.
d Viele westlichen Journalisten stellen die Worte „freie Welt“ in die Anführungszeichen, als ob dieser (= unser) Teil der Welt nicht frei wäre. Dabei ist es so einfach: Freie Welt ist der Teil, von wo die Menschen nicht flüchten und wo sie ohne Parteibewilligung ungehemmt Bagger schreiben dürfen.
e Was war alles verboten? Z.B. alle Werke der geflüchteten tschechischen Autoren, also Kundera oder Milos Forman, ferner alle Autoren, die zu Hause zu goschert waren, alles, was die Parteiphilosophen nicht wahrnehmen wollten – Religion, nichtmarxistische Philosophie und Geisteswissenschaften. In den Ostblock-Fachbibliotheken fehlen 40 Jahre Fachliteratur, besonders Periodika. Auch Monty Pythons (freche Witze gegen die nichtausbeuterischen Systeme)oder (sic!) Marx Brothers (frecher und blasphemischer Name)
f Eine der abscheulichsten Blüten des Kommunismus: Ein Mensch kostete also 106.060,6060 etc. DM. Siehe Freikauf. Das heiße Geschäft im Kalten Krieg. Gerald Prasch im Gespräch mit Ludwig Rehlinger, www.super-illu.de/aktuell/Freikauf_434840.html (5.3.2008)
g Ich war jahrelang überzeugt, dass die AK-47 der einzige bedeutende Beitrag der Sowjets zur Zivilisation war. War eine Illusion. Da wurde nur das deutsche Sturmgewehr 44 abgekupfert.
h http://www.ronaldreagan.com/sp_6.html
i Auch détente genannt. Reagan: „Detente: Isn‘t that what a farmer has with his turkey – until Thanksgiving day?“
j Tear down this wall! www.reaganfoundation.org/reagan/speeches/wall.asp
k vgl. Korruptionsindex von Transparency International, www.transparency.org
l Maria Fritsche: Entziehungen. Österreichische Deserteure und Selbstverstümmler in der Deutschen Wehrmacht. 2004
m Es gab hunderte oder vielleicht tausende Lidices in Afghanistan, trotzdem war der Krieg in den Medien kaum wahrnehmbar. Aus Angst oder Sympathien der UdSSR gegenüber?
n Paul Kengor: The Crusader. Ronald Reagan and the Fall of Communism. 2006. S.276: “ a quarter or half of all Afghan peasants had their villages bombed…”
o Derek Leebaert: The Fifty-Year Wound. 2003, S.xii

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.