Fackeldrache und Papiertiger

Eine Brandrede, was sonst?

So mancher ist heute böse auf China und hätte gern einen Olympiaboykott gesehen. In den letzten Tagen, scheint es, zürnen sogar die alten Erdgötter und treten in Sichuan so fest gegen den Fußboden, daß in Peking die Reisschüsseln klirren. Vielleicht, weil Tibet nebenan liegt? Das böse China unterdrückt doch die lieben, friedfertigen Tibeter, oder?

Nun ja. An das alte Shangri-La-Märchen („Tibet war immer ein einiges, friedliches, unabhängiges Land voller geistig und sittlich hochstehender Buddhisten, bis es in den 1950ern vom chinesischen Militär überrollt wurde“) glauben heute nicht einmal mehr die wildesten Tibet-Romantiker. Sie legen es zwar ihren Ausführungen zugrunde, bis man sie darauf anspricht, daß die Geschichte nicht wahr ist – dann geben sie aber zu, daß sie das wissen, und somit ist dieses Problem zu Beginn jeder Diskussion leicht aus der Welt zu schaffen.

Geographie

Tibet ist zuallererst ein Sprach- und Kulturraum. Er überlappt Teile der Staatsgebiete von Indien, Nepal, Bhutan, Burma und der Volksrepublik China (VRC). Innerhalb Chinas erstreckt er sich, außer der Autonomen Region Tibet (ART, alias Xizang), über Teile der Provinzen Gansu, Qinghai und Sichuan sowie der Autonomen Region Xinjiang (Ost-Turkestan). Kein Kaiser und kein Dalai Lama hat je über dieses gesamte Territorium geherrscht. Das Herrschaftsgebiet der Dalai Lamas reichte zuletzt ein gutes Stück weiter nach Osten als die ART heute; würde man die ART zum unabhängigen Staat unter der Führung Tenzin Gyatsos (und meinetwegen eines Parlaments) erklären, hätte man weder ihm sein Reich zurückgegeben, noch den Lebensraum einer gesamttibetischen Nation abgesegnet – es ginge dann wohl als nächstes ans „Befreien“ der übrigen tibetisch besiedelten Gebiete, und es entstünden mehr zwischenstaatliche Probleme, als zunächst gelöst schienen. (Übrigens weiß die VRC, daß Tibet mehr ist als Xizang: ihr territorialer Anspruch umfaßt ein großes Stück Indiens, ungefähr die Provinz Arunachal Pradesh. Denselben Anspruch erhebt auch Taiwan, das sich bekanntlich als das „eigentliche“ China sieht; nur daß es noch viel weniger Chancen hat, sich das Gebiet faktisch anzueignen.)
Als Europa noch nicht einmal an Karl den Großen dachte, war ein großer Teil Tibets ein (durch Buddhismus als Staatsideologie geeintes) Königreich und als solches dem Tang-Kaiserreich annähernd ebenbürtig; als elegantes Säbelrasseln besetzten 763 n. Chr. tibetische Truppen für 15 Tage dessen Hauptstadt Chang’an (heute Xi’an). Später wechselten sich im Zentrum (Provinzen Ü und Tsang) diverse Adelsdynastien und Klöster als Machthaber ab, an den Rändern des Kulturraums merkte man wenig davon; für die lokale Verwaltung reichten Strukturen auf Dorf- und Clanebene, weit weg von Lhasa hielten sich zeitweise kleinere Königreiche mit tibetischer Sprache und Kultur (wie heute Bhutan eines ist, mit Duldung und politischer Beratung von seiten Indiens).

Geschichte

Etwa ab 1240 stand das tibetische Kerngebiet unter Kontrolle mongolischer Khane; der Osten (die Provinzen Kham und Amdo) wurde Teil des Yuan-Reichs – in heutiger Sprache „Chinas“. Die Mongolenherrscher, allesamt lamaistische Buddhisten, setzten Äbte einflußreicher Klöster nach ihrem Gefallen ein und suchten sich – wenn die innertibetischen Kämpfe gerade nicht zu sehr tobten – auch aus, wer in Zentraltibet regieren durfte; das blieb noch lange nach dem Fall der Yuan-Dynastie so, und gegen Ende des 16. Jh. wurde erstmals ein „Dalai Lama“ Vizekönig in Lhasa, von eines Mongolenkhans Gnaden. (Seine Nachfolger tragen bis heute einen mongolischen Titel – dalai, mong. „Meer“, war eine Teilübersetzung seines persönlichen Namens Sönam Gyatso, tib. „Meer des Verdienstes“).
Herr über Tibet zu sein bedeutete, über die Investitur des Dalai Lama zu verfügen. Entsprechend heftig stritten sich verschiedene Mongolenführer mit den Mandschurenkhanen darum, erst recht, sobald diese als Qing-Kaiser vom heutigen Peking aus ein Gebiet regierten, das dem heutigen China geographisch ähnelte. Dann und wann wurde ein von der Gegenpartei – oder von zentraltibetischen Klerikern, die sich unbewacht fühlten – eingesetzter Dalai Lama kurzerhand ermordet; und als 1720 Kaiser Kangxi Lhasa von den plündernden Dsungaren befreite, unter großem Jubel der Einwohner, brachte er seinen eigenen Dalai Lama mit. Diesen und seine Nachfolger ließ man fast unbehelligt nach tibetischen Gebräuchen regieren, aber nie ohne Kontrolle durch mandschurische Beamte. Gleichzeitig saßen tibetische Lamas am Kaiserhof – als geistliche Berater, aber auch als Geiseln. Als um 1790 Gurkha-Truppen von Süden her ins tibetische Hochland vordrangen, kamen die Entsatztruppen aus Peking. Als Colonel Younghusband 1904 Lhasa mit britischen Truppen besetzte, kam es zu einem Friedensvertrag zwischen England und China, und China trug die Kosten der britischen Expedition. 1910 wollten die Qing klare Verhältnisse schaffen und schickten Truppen, um den Dalai Lama abzusetzen; er kam wieder, hauptsächlich weil die Revolution von 1911 Chinas Zentrum schwächte. 1913 proklamierten Tibet und die Mongolei ihre Unabhängigkeit von China – was nicht viel half, weil die beiden Staaten zwar einander anerkannten, der Rest der Welt sie aber nicht. Während des Warlord-Regimes und der folgenden Unruhen ließ das gebeutelte China Tibet weitgehend in Ruhe, erst Mao machte in den 1950ern wieder klar, wem was gehörte – von da an kennt die Geschichte jeder.

Recht und Unrecht

Wenn die Pekinger Regierenden heute behaupten „Tibet war immer Bestandteil Chinas“, ist das sicher eine unzulässige Vereinfachung – sie wollen sich ja nicht mit den Mandschus und Mongolen identifizieren, oder doch? Aber sie sind damit näher an den Tatsachen als Tibeter, die das Gegenteil erzählen; und sie setzen, ob man will oder nicht, mit ihren Militärschlägen ebenso wie mit der Einsetzung eines chinafreundlichen Panchen Lama alte Traditionen fort (obwohl sie sich sonst nicht „modern“ genug sein können). Die Tibeter dagegen, die sich auf alte Traditionen berufen, müssen bezüglich der rosigen Vergangenheit glatt lügen und können als rosige Zukunft nur etwas versprechen, was noch nie da war.
Die klassische Regierungsform Tibets, unter wessen Aufsicht auch immer, war ein Feudalwesen wie bei uns im finstersten Mittelalter, mit Sklaverei, Leibeigenschaft und einer Rechtsprechung, die im Gliedmaßenabhacken und Augäpfelausreißen die Scharia aussehen läßt wie die Speisekarte vom arabischen Restaurant gegenüber. Jawohl, dieses Strafwesen wurden von Mönchen administriert, und die Klöster hielten sich die allermeisten Leibeigenen, weil sie am reichsten waren. Keiner sehnt sich wirklich danach zurück, nur lebt eben kaum mehr jemand, der sich daran erinnert (wie in Österreich, wo manche meinen, Dollfuß und Co. wären die Guten gewesen – nur weil die, die nachher kamen, die Bösen waren).
Wenn also Tibet-, dann nur Zukunftsromantik. Auch solche verbreiten die Kreise um den XIV. Dalai Lama: sie können ein künftiges demokratisches Tibet leicht in den strahlendsten Farben malen, weil schwerlich jemand bei Lebzeiten die Umsetzung von ihnen fordern wird. Ebenso leicht fällt ihnen die Gewaltlosigkeit – sie haben gar keine andere Wahl, niemand ist zur Zeit in der Lage, gewaltsam gegen die VRC vorzugehen. Umgekehrt tut sich die Regierung der VRC in ihrer Übermacht leicht, fast die Wahrheit zu sagen.

Menschenrecht?

Exiltibet und VRC betreiben gleichermaßen eine Politik der Halbwahrheiten; das ist politischer Alltag. Alle Romantik ist Illusion – eine Binsenweisheit. „Tibet gut, China böse“ kann niemand unterschreiben, der hinschaut. „China gut, Tibet undankbar“ – könnte dem naiven Beobachter glatt so vorkommen, wenn nicht die Sache mit den Menschenrechten wäre. Sind nicht massenhaft chinesische Soldaten in Tibet, die friedliche Demonstranten über den Haufen schießen? Werden nicht jede Menge Tibeter aus politischen Gründen ins Gefängnis gesteckt und hingerichtet? Fliehen nicht tagtäglich Menschen auf abenteuerlichste Art aus Tibet? Wurden nicht – darauf weist der Dalai Lama immer wieder besonders hin – massenweise Zwangssterilisationen und -abtreibungen an tibetischen Frauen vorgenommen? Wird nicht der Buddhismus in Tibet übelst ins Abseits gedrängt, Lhasas Altstadt mit häßlichen neuen chinesischen Bauten verschandelt? Werden nicht im Schulunterricht in der ART tibetische Sprache und Kultur vernachlässigt, um schon den Kindern das Tibetertum auszutreiben? Müssen wir es im Sinne des wehrlosen, mißhandelten Tibet nicht vielleicht doch mit den Tibet-Romantikern halten, Eisenbahn hin oder her?

Unter dem Himmel

Die Realität – das sollte gerade den Buddhisten unter uns einleuchten – ist nicht bipolar: hier China, da Tibet. Zwar mag es dem einzelnen Tibeter so vorkommen, wenn er gerade in einen chinesischen Gewehrlauf blickt. Aber wir auf der anderen Seite der Erde sollten uns einen größeren Gesichtskreis angewöhnen.
„Wenn die Stromleitungsmasten Beine hätten, würden auch sie das Land verlassen“, sagt ein modernes chinesisches Sprichwort. Wieviele Menschen, die keine Tibeter sind, laufend aus China fliehen und irgendwo im Westen untertauchen, ist gar nicht abzusehen; eine ganze Schlepper-Industrie arbeitet da im Dunkeln, man erfährt erst davon, wenn fallweise ein paar Menschen in Kofferräumen erstickt oder in Grenzflüssen ertrunken sind. In der VRC werden pro Jahr mehr Menschen hingerichtet als im Rest der Welt – als politische Abweichler, aber auch wegen Diebstahl und Annahme von Bestechungsgeld; im Knast landet man noch bedeutend leichter. Sterilisationen wurden an Han-Chinesinnen nicht weniger rücksichtslos durchgeführt als an Tibeterinnen; oder hat jemand geglaubt, die Ein-Kind-Kampagne beschränkte sich auf Plakate und Informationsblättchen? Alle Welt stuft die VRC als Diktatur ein, die Presse ist dort unfreier als in Kuba, Religionsfreiheit ein Fremdwort; ein paar buddhistische Tempel als museale Einrichtungen für Touristen, bitte gern (auch in Tibet), aber bloß nicht mehr von der Sorte. Ungezählte religiöse Traditionen kamen beim “Großen Sprung nach vorn” unter die Räder; erst in den letzten Jahren wurden manche davon wieder sichtbar, weil findige Ethnologen den einen greisen Schamanen wiederentdeckt haben, der die alten Texte noch verstand. Verglichen damit blüht der tibetische Buddhismus. Chinas Christen (aller Konfessionen, mit dem gemeinsamen Odium der Kolonialherrn-Religion) beten tiefer im Untergrund als die im alten Rom oder Stalin-Rußland, die chinesischen Juden kämpfen um die Anerkennung als nationale Minderheit; die Muslime läßt man gewähren, die zeigen wenigstens keine Separationstendenzen. Offiziell kann man ohnehin keiner Religion angehören. Was die Sprache angeht – daß Chinesisch eine Sprache sei, nicht eine weitläufige Sprachfamilie, gehört zu den ältesten Propagandalügen. Genausogut könnte man sagen, in Europa spräche jedermann deutsch; Skandinavisch und Englisch seien Dialekte davon, der Rest Minderheitssprachen. Daß auch Tibeterkindern (wie Uiguren, Zhuang oder Mongolen) beigebracht wird, sich als Teil der chinesischen Kultur zu fühlen, und das in chinesischer Hochsprache, ist nur einer von vielen plumpen Kunstgriffen, um weiterhin die Einheit Chinas vorzuspiegeln.

Im Klammergriff

Das wirtschaftliche und militärische Großmachtdasein der VRC beruht auf nicht viel mehr, als daß sie das bevölkerungsreichste Land der Welt ist, Unmengen Platz zur Verfügung hat (für Truppenmanöver, Mülldeponien und Atomversuche), daß ein Industrieller nur mit den Fingern schnippen muß, um Zigtausende zu finden, die glücklich sind, für einen Hungerlohn Drecksarbeit leisten zu dürfen. Solang mehr als jeder achte Mensch ein Chinese ist, kann man von einem unangreifbaren Block sprechen.
Niemand weiß aber besser als die Pekinger Regierung, daß das nicht so bleiben muß; historisch ist der Zerfall des alten Vielvölkerstaats längst fällig, mit umso eisernerer Faust hält man die Teile fest, die am lockersten an den Rändern sitzen – ein Klammerreflex, ausgelöst durch panische Angst um die eigene Macht. Anfang 2008 wurden in allen Randgebieten Chinas die Truppen verstärkt; nirgendwo hatte man Freude daran. Daß Eskalationen nur aus Tibet bekannt wurden, liegt einerseits an den dort besonders handlungsfreudigen Anti-China-Aktivisten, andererseits an der weltweiten Tibet-Lobby; und gerade deswegen schoß man am schärfsten auf die Tibeter. Man betrachte die Parallele: Daß der tibetische Buddhismus bei der Pekinger Clique besonders schlecht angeschrieben ist, liegt nicht zuletzt daran, daß gerade einige Lamas massiv Stimmung gegen China machen. Die Fronten heißen: Peking gegen den Zerfall der VRC, solang die Truppenkapazitäten reichen. Und wenn Tibet fester gepackt wird als andere Teile, dann deshalb, weil es auffälliger zappelt.

Bärendienste

„Der Vogel Phönix trifft nicht ein, aus dem Fluß taucht keine Landkarte auf“, nach der sich die Pekinger Regierung richten könnte, wußte schon Konfuzius (Lun yu IX 8). Entsprechend wirr sind die Maßnahmen. Irgendwann mag der Mythos, nur China sei „unter dem Himmel“, die übrigen Länder am Weltrand hätten kein Dach überm Kopf und würden statt der Sonne von einem Fackeldrachen beschienen, das Riesenreich zusammengehalten haben. Um heute die Sehnsucht nach den Welträndern gering zu halten, holt man einerseits Modeerscheinungen, unschöne Architektur und einen Hauch von Marktwirtschaft ins Land, andererseits programmiert man laufend bessere Firewalls. Tibet ist ein doppelt verwirrender Fall für Peking – einmal die todesmutigen Aktivisten, gegen die nur Feuer zu helfen scheint, andererseits der Dalai Lama, der nichts gegen olympische Spiele hat und heute eigentlich nur noch fordert, Tibet möge ein bißchen autonomer werden als die vier anderen Autonomen Regionen. Würde man ihm nachgeben, wenn sein Volk sich etwas ruhiger verhielte, und die Weltpresse sich nicht ständig hinter jedes emotionsschwanger hinausgebrüllte „Free Tibet!“ stellte? Der europäische Tibet- und Olympiaboykott-Demonstrant sollte bedenken, daß seine Politik – angenommen, sie würde wirksam – der des Dalai Lama geradewegs zuwiderläuft und bestimmte Tibeter ermutigt, sich im Bewußtsein internationaler Sympathie erst recht vor die Gewehre zu werfen.

Think twice

Vorsitzender Mao hat sich geirrt; China ist doch – wie das Osmanenreich und die Sowjetunion – auch nur ein Papiertiger. Zur Zeit beißt er noch, über kurz oder lang wird sich die Welt darauf vorbereiten müssen, seine einzelnen Gliedmaßen aufzufangen. Ein Stück davon wird vielleicht Tibet heißen, wenn es bis dahin nicht zu sehr zerschossen ist – denn wenn wir unsere Solidarität nur den Tibetern bekunden, steht bald jeder verfügbare chinesische Soldat dort auf Posten. Also besorgen wir uns am besten eine Liste der über 70 Minderheitsvölker Chinas und wünschen ihnen der Reihe nach Freiheit und Wohlstand, auch wenn sich das so anhören wird wie die Osterwünsche des Papstes. Und wenn wir schon dabei sind: Solidarität für die chinesischen Soldaten! Die sind nicht alle freiwillig beim Heer, können sich Befehlen nicht gefahrlos widersetzen und hatten außerdem nicht so guten Geschichteunterricht wie wir. Solidarität für alle netten Chinesen! Solidarität auch für die zufriedenen Menschen Tibets, die nicht ungern in chinesischen Läden einkaufen, ihre Kinder in staatliche Schulen schicken, wo zumindest auch Tibetisch unterrichtet wird, einen Onkel in der kommunistischen Partei haben, Eisenbahn und Internet begrüßen und sich darum nicht weniger als Tibeter und Buddhisten fühlen. Man muß sich Zugehörigkeitsgefühle nicht immer gleich mit Blut auf die Stirn schreiben.
Think twice before you Free Tibet. And whatever you do, don’t shout about it.

neues Tibet

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