Ganhar-Perder

Von der brasilianischen Agrarreform

Ich wollte schon immer die Welt retten. Wie macht man das? Ich bin noch immer weit davon entfernt, irgendwas oder irgendwen auch nur ansatzweise zu retten. Deshalb versuche ich etwas von dem, was ich zwischen September 2007 und Februar 2008 in Mato Grosso, wo ich zur Feldforschung für meine Diplomarbeit war, gesehen und gehört und gespürt habe, aufzuschreiben.
Vielleicht hilft das ein bisschen.

Der Bundesstaat Mato Grosso, im Westen Brasiliens gelegen, ist etwas größer als Deutschland, hat aber nur an die 2, 5 Millionen Einwohner, von denen sich rund eine Million in der Hauptstadt Cuiabá konzentriert. Mato Grosso bildet zusammen mit acht weiteren Bundesstaaten „Amazônia Legal“: dieser Teil Brasiliens ist der größte soziogeographische Bereich Lateinamerikas, charakterisiert durch eine ungemein artenreiche Vegetation und große Flächen Regenwald.

Ich habe fünf Wochen in zwei Siedlungen der brasilianischen Agrarreform, so genannten „assentamentos“, gewohnt. Artikel 184 der brasilianischen Verfassung besagt, dass landwirtschaftlich nutzbares Land einen gesellschaftlichen Nutzen erfüllen muss. Wenn Land, das genutzt werden könnte, einige Jahre brach liegt, kann es enteignet werden. So will der Staat der enormen Ungleichverteilung, dem Hunger und dem Exodus Richtung Stadt entgegenwirken. Der Boden, von dem hier die Rede ist, gehört Großgrundbesitzern. Und die heißen nicht umsonst so: mehrere tausend Hektar Grundbesitz sind keine Seltenheit. Dem größten Sojaproduzenten der Welt, Blairo Maggi, gehören in Mato Grosso 400000 Hektar Land. Die Leute, die das enteignete Land dann bekommen, nennt man „die Landlosen“ – „os sem terras“. Dieser Begriff ist politisch unkorrekt, weil er in Brasilien selber oft abwertend verwendet wird. Außerdem werden die Menschen, auch wenn sie schließlich das Land bekommen, immer noch so bezeichnet.
„Landlose“ sind Menschen, die ihr Leben lang als z.B. Tagelöhner auf Fazendas (landwirtschaftlichen Großbetrieben) gearbeitet oder andere Jobs für einen Hungerlohn erledigt haben und bereit sind, einige Jahre in Zeltdörfern – „acampamentos“ – ohne Strom und mit improvisierten Sanitäranlagen, sprich Plumpsklos und Kübelduschen, auszuharren und dort darauf zu warten, ein Grundstück zu bekommen. Denn das ist die Bedingung: willst du Land, musst du geduldig sein. Durch das Wohnen in den Zeltdörfern zeigen die „Landlosen“, dass sie gewillt sind, wirklich auf dem Land zu bleiben. Das verlangt das Gesetz. Es reicht nicht, sich für ein paar Hektar „anzumelden“, die Leute müssen auf dem Boden, den sie irgendwann bekommen, warten. Nach zwei bis fünf Jahren – manchmal dauert es auch länger (die Großgrundbesitzer setzen alles daran, „ihr“ Land nicht hergeben zu müssen), bekommen die Familien oder Einzelpersonen, die es so lange unter den schwarzen Planen ausgehalten haben, ein Stück Erde.
Mato Grosso war in den letzten Jahren immer wieder trauriger Gewinner, was die abgeholzten Flächen Regenwald betrifft. Im Jahr 2004 z. B. mussten 26.000 km2 Wald (in einem einzigen Bundesstaat!), eine Fläche etwa so groß wie Oberösterreich und Steiermark, dem Anbau von Soja und der Weidenutzung weichen. Mato Grosso ist schwer agroindustriell: Soja wächst dort in rauen Mengen, aber auch Mais und Baumwolle. Die Großbauern wirtschaften inputintensiv – der Boden ist bereits tot, ohne hohe Gaben von synthetischen Düngern würde gar nichts mehr wachsen.
Meine „Landlosen“ wurden auf brachliegendem Boden inmitten des Sojameers angesiedelt. Jede Familie erhielt ein Grundstück von 50 oder 60 Hektaren, womit man in der Gegend zu Kleinstbauern zählt. Davon darf laut Gesetz die Hälfte gerodet werden, der übrige Wald muss verschont bleiben. Meine GesprächspartnerInnen hatten im Schnitt 15 Hektar urbar gemacht, weil für mehr die Arbeitskraft nicht reichte. Es passiert fast alles von Hand: pflügen, pflanzen, säen, ernten, melken.
Die Großgrundbesitzer verwenden Pestizide, die in vielen anderen Ländern längst verboten sind. Einer meiner Gesprächspartner, Leomar, ein 40-jähriger Familienvater, hat mir erzählt, dass die Großgrundbesitzer auf den angrenzenden Feldern manchmal ein Mittel einsetzen, das auch die US-Truppen im Vietnamkrieg verwendeten, um die Bäume zu entlauben, damit die feindlichen Vietkong im dichten Urwald keinen Unterschlupf mehr hätten. Er hat nicht gewusst, wie dieses Gift heißt. Eigentlich ist Agent Orange in Brasilien verboten, man bekommt es laut Leomar nur „auf Rezept“. Agent Orange entlaubt das Soja, damit der Trocknungsprozess schneller passiert.
Da ich meine Arbeit am Institut für Ökolandbau an der BOKU schreibe, wollte ich von meinen GesprächspartnerInnen wissen, was sie von ökologischer Landwirtschaft halten würden. Alle Befragten auf den assentamentos fanden diese Art, das Land zu nutzen (keine Pestizide oder leichtlösliche Mineraldünger, Kreislaufwirtschaft, Erhalten des Bodens…), erstrebenswert.
Was heißt es also für die Menschen, dort zu wohnen? Sie haben ihr Land bekommen, sind ihre eigenen Herren, nicht mehr abhängig davon, für andere um einen Sklavenlohn zu arbeiten; sie sind stolze Gewinner. Dass sie Kopfweh und Schwindelanfälle bekommen, wenn wieder einmal das Pestizidflugzeug der Großgrundbesitzer seine Runden zieht und zur selben Zeit die Hühner tot umfallen, trübt ihr Glück ein bisschen. Ebenso die Tatsache, dass sie selbst Gift einsetzen müssen, weil die Schädlinge, welche die Gifteinsätze auf den Feldern der Großbauern überlebt haben, ihre Felder invadieren und sie sonst nichts ernten würden. Kein Denken an biologische Landwirtschaft also. Entscheidungsfreiheit zu verlieren oder gar nie gehabt zu haben ist unmenschlich.
Hierzulande macht McDonald’s Werbung für das tolle österreichische Rindfleisch. Regenwald wird jetzt nur mehr für brasilianische Kühe abgeholzt. Da kann man sich doch hin und wieder sorgenfrei einen Big Mac schmecken lassen. Unser Klima ist für den Sojaanbau nicht so gut geeignet, daher wird ein Gutteil aus Ländern wie Argentinien und Brasilien importiert. Damit unsere Rindviecher schnell wachsen und unserem enormen Fleischkonsum die Stirn geboten werden kann.
Wenn jetzt irgendwer fragt „Ja, was kann man denn schon tun?“ dem rate ich, sich zu informieren, z.B. folgende Filme anschauen: „Arme Sau“ und „Mit Gift und Genen“ (unter video.google.de), und beim Einkaufen das Hirn einzuschalten. Es ist alles eine Frage der Prioritäten – weil du bist, was du isst.

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