Glück aus der Apotheke

Hast du die Krise? Wir haben die Lösung! Wie das Leben krank macht und warum uns die „Tabletten gegen Liebeskummer“ davon heilen.

„Liebeskummer“? „Vereinsamung, Alleine-Sein“? „Der Ehemann verlässt seine Frau, die Freundin ihren Partner, die Kinder das Elternhaus, der geliebte Begleiter stirbt“? Alles kein Problem: „Wenn Du Liebeskummer hast oder alleine bist … AMOREX® – Frag’ deinen Apotheker.“ Selbst über Heimweh oder den „Tod eines geliebten Tierchens, welches vor allem für ältere Menschen oft der einzige Begleiter war“, verspricht das Medikament hinweg zu helfen – ein veritables Glück aus der Apotheke also.

Ob sich dieses auf kleiner, behaglich dahinfunkelnder Sparflamme oder den lodernden Fackeln des sich im Exzess verzehrenden Glücksrausches offenbart, ist dem Autor dieser Zeilen nicht bekannt. Die Dosierung – morgens und abends eine Tablette unzerkaut mit Wasser einzunehmen, zwecks Stabilisierung „mindestens 10 Tage über die Situation hinaus“, gerne auch dauerhaft – lässt jedoch eher Ersteres vermuten. Ein schlechter Scherz einer die Satire schon im Untertitel tragenden Zeitschrift? Nein, nachzulesen auf www.amorex.at – auch der/die ApothekerIn Ihres Vertrauens informiert Sie bestimmt gerne. Visuell umgesetzt sieht das Ganze dann etwa so aus: Ein junges, in grau getauchtes Comic-Mädchen vergießt eine bittere Träne – ob wegen „Liebeskummer“, „Vereinsamung, Alleine-Sein“ oder „Tod eines geliebten Tierchens“ oder all dem zusammen, wissen wir nicht – bis es von einer ‚smarten‘, ‚toughen‘ ‚Power‘-Kollegin angestoßen wird, deren Entschlossenheit signalisiert: „Ich habe mein Leben im Griff, ich bin total glücklich und ausgeglichen, ich kann dir helfen“. Ist es Zufall, dass die Tablettenschachtel in ihrer Hand die graue Szenerie farbig überstrahlt? Nein, es ist das Glück aus der Apotheke, das sogar die Comic-Tristesse in bunte Farben taucht: „Wenn Du Liebeskummer hast oder alleine bist … AMOREX® – Frag’ deinen Apotheker“ (http://www.amorex.at/story.html, kürzlich auch auf den so genannten Info-Screens in den Stationen der Wiener Linien zu sehen gewesen). Der Teddybär und das Pferdeposter im zuerst grauen, dann kunterbunten Teenager-Zimmer sind wohl auch nicht ganz zufällig dort platziert, obwohl Trennungsschmerz, Liebesleid und Einsamkeit wahrscheinlich nicht ausschließlich sich bei Mädchen im ‚Teenie‘-Alter einstellende Phänomene sind. Aber viele Menschen würden vielleicht eher zu „Alkohol, Medikamenten oder sogar Drogen“ greifen, um ihren Schmerz zu betäuben (wovor auf der Homepage unter dem Punkt „Abhängigkeits-Risiken“ ausdrücklich gewarnt wird). Und die Pensionistin, deren schnuckeliger, verständnisvoller Waldi (oder der Pensionist, dessen langjähriger, treuer Weggefährte Hasso) die über lange Jahre anvertrauten Geheimnisse seines Frauerls/Herrchens mit ins Grab nimmt, würde nicht unbedingt 18,70 Euro für 20 Stück „Tabletten gegen Liebeskummer“ ausgeben – auch wenn sie „für jedes Lebensalter“ empfohlen werden und bereits „für Kinder ab 14 Jahren geeignet“ sind. Bei täglich zweimaliger Einnahme – unzerkaut –, zwecks „Stabilisierung mindestens 10 Tage über die Situation hinaus, bei Bedarf auch über lange Zeiträume bzw. dauernd …“, ergibt das nach Adam Riese wahrscheinlich schon ein einigermaßen anständiges Sümmchen. Noch dazu, wo Situationen wie die von AMOREX® beschriebenen so natürlich sind, dass sie jeder und jedem von uns im Leben nicht nur einmal, sondern vielleicht sogar relativ häufig widerfahren werden. Was nun wiederum Hassos Herrl wahrscheinlich eher bewusst ist als dem tränenvergießenden Mädchen im grauen Comic-Kinderzimmer. Das zugrunde liegende Strickmuster – „Du bist unglücklich, weil Dir XY fehlt, und alles, was Du tun musst, ist, zugegebenermaßen viel Geld ausgeben, um wieder glücklich zu sein“ – ist nicht neu. Bedürfnisse und Sehnsüchte, die wir unter Umständen gar nicht haben, zu wecken oder so vehement ins Bewusstsein zu rufen, dass sie nur durch einen womöglich unmittelbar erfolgenden Kaufakt befriedigt werden können, ist schließlich Wesen und goldene Regel erfolgreicher Werbung, und das schon seit Jahrtausenden. Das mag zwar deprimierend sein – aber immerhin weiß ich jetzt, wie ich meinen Kummer darüber ohne „Alkohol, Medikamente oder sogar Drogen“ bekämpfe. Fragen auch Sie den/die ApothekerIn Ihres Vertrauens!

Verwendete Zitate sämtlich von www.amorex.at.

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