Glückliche Inseln

Über die Suche nach vollkommener Freiheit auf den Weltmeeren

Vor der Ostküste Englands, nahe der Themse-Mündung, gibt es einen kleinen Staat namens Sealand. Dort regiert, seitdem sein alter, kranker Vater 1999 das Amt auf ihn übertragen hat, Prinzregent Michael. Aber zurück zum Anfang: Als in den späten Sechzigern in Großbritannien noch die BBC das Radiomonopol innehatte und dieses schamlos ausnutzte, um nur altmodische, verstaubte Musik zu spielen, machten sich an allen Ecken und Enden Piraten daran, dieses Übel zu ändern, und gründeten sogenannte Piratensender, die alles spielten, was das Herz begehrte. Nun fühlte sich aber die BBC dadurch in ihrer Erhabenheit und Größe verletzt und machte in Komplizenschaft mit der britischen Herrschaft und Gerichtsbarkeit den Piraten das Leben schwer.

Die Lösung für die Piraten war nahe­liegend, denn Piraten gehören aufs Meer und wo ließ es sich besser Radio machen als auf einer einsamen Insel knapp vor der englischen Küste, wo die britische Gerichtsbarkeit keine Macht hätte und unbeschwert Klangwellen produziert und hinüber auf die große Insel geschickt werden könnten. Nun waren glücklicherweise aus dem großen Krieg einige Seefestungen – die sogenannten Maunsell Forts, künstliche Inseln aus Stahl und Beton – verwaist und ungenutzt zurückgelassen worden. Diese erfreuten sich bei den Piraten in kürzester Zeit großer Beliebtheit – ja sogar richtig umkämpft wurden sie.
Im Jahr 1967 eroberte Paddy Roy Bates samt einigen Gefolgsleuten die Seefestung Fort Rough, die allen anderen gegenüber einen entscheidenden Vorteil hatte: Sie lag knapp außerhalb der britischen Hoheitsgewässer, die nur einen drei Seemeilen breiten Streifen rund um das Festland umfassten. Bates ließ sich zum Herrscher über das frisch gegründete, vollkommen unabhängige Fürstentum Sealand ausrufen und regierte fortan zusammen mit seiner Frau als Fürst Roy und Fürstin Joan von Sealand. Der junge Staat hat seitdem eine bewegte Geschichte hinter sich. Von Schwierigkeiten bei der Anerkennung durch andere Staaten und Versuchen der britischen Krone und ihrer Marine, die Seefestung zu beseitigen, über deutsch-holländische Putschversuche, die in einer Rückeroberung durch den rechtmäßigen Herrscher und der Gründung einer nach wie vor existierenden Exilregierung in Deutschland endeten, bis hin zu einer Feuersbrunst im Jahre 2006, hatte das kleine Reich mit einer breiten Palette an Schwierigkeiten zu kämpfen. Und der ursprünglich geplante Radiosender wurde ebenfalls nie installiert, da England kurz nach der Gründung sein Rundfunkgesetz dahingehend änderte, dass auch Radiowellen, die von ausßerhalb der Landesgrenzen eindrangen, strafrechtlich verfolgt würden. Und wenn es doch frei von allen Steuern und Obrigkeiten war, alles in allem schien das Fürstenhaus von Sealand, das übrigens nur phasenweise auf seinem angestammten Sitz residiert, mit seinem Staat nicht so ganz glücklich zu werden – was sich auch in wiederholten Veräußerungsversuchen wiederspiegelt. Der bekannteste unter diesen ist wohl das Gerüchtesüppchen über die Kaufambitionen der Pirate Bay, modernerer Piraten, die nicht mehr Radio machen, sondern ihr Geschäft mit geraubten Gütern aus der Unterhaltungsbranche machen.

Schwimmende Inseln

Menschen, die sich auf eine einsame Insel wünschen, wo sie nach ihrem eigenen Gutdünken tun und lassen können, was sie für richtig halten, gibt es genug. Einige träumen nur hie und da davon, andere schmieden große Pläne. Problematisch dabei ist nur: Die guten Inseln sind alle schon besetzt. Aber dieses Problem ist leicht gelöst. Ich baue mir einfach meine eigene Insel!
Ein bisschen Recherche bringt unzählige Projekte zutage, viele davon inzwischen wieder aufgegeben, fast alle aber mit ausführlicher bildlicher Dokumentation der verfolgten Träume. Was den meisten fehlt, ist eine gewisse Gründlichkeit und Breite der Planung, die für die Realisierung der Ideen wohl notwendig wäre. Eine dieser Utopien jedoch hebt sich vom Rest genau in dieser Hinsicht ab: die des Seasteading Institutes aus San Francisco. Die gut strukturierte, umfangreiche Homepage des Unternehmens macht den Eindruck, dass die Bestrebungen relativ ehrgeizig, gründlich und im Vergleich zu ähnlichen Projekten sehr ergebnisorientiert sind. Unter anderem entsteht hier ein sich parallel zum Projekt weiter entwickelndes Handbuch, das gleich auf der ersten Seite definiert, worum es sich bei einem seastead handelt:

A seastead is a structure designed specifically for permanent living on the ocean’s surface. There are many aspects to designing such structures, including motivation, engineering, infrastructure, and project planning. The primary motivations for living on these structures are a desire for political and/or religious freedom, a more environmentally sound way of life, and the sheer adventure of it all. A seastead must be able to withstand strong waves, winds, and currents. We describe previous attempts at ocean occupation and several possible designs. Our top choice is based on a hollow vertical tube, called a spar. A ballasted flotation hull is attached at the bottom and a living platform is attached at the top. The spar keeps the hull well below the waves and the platform well above them. The residents will also require food, water, and energy. Energy comes from a combination of solar, wind, wave, and diesel generators, water comes from collected rainwater, solar distillation, and reverse osmosis, and food from hydroponics and high density „victory gardens.“ We advocate an incremental development model based on niche markets and prototypes, rather than a single large and financially risky project.

Und auch an Geld scheint es dem Seasteading Institute nicht zu fehlen. Gleichsam als Einstandsgeschenk wurde es von Peter Thiel, dem Mitbegründer des Online-Bezahlsystems PayPal mit 500.000 US-Dollar unterstützt.

Eine Familiengeschichte

Ideengeber, Gründer und nun Executive Director dieser Einrichtung ist Patri Friedmann. 1976 geboren arbeitete er nach seinen Studien in den Fächern Mathemathik und Informatik einige Jahre als Ingenieur bei Google, bevor er sich seiner jetzigen Tätigkeit verschrieb. Er lebt mit Frau und Kind in einer Art Kommune namens Tortuga im Silicon Valley, ist ein überaus fleißiger Blogger, der sich insbesondere mit den Themen Politik, Gesundheit/Diät, mit seinem eigenen Leben (ein wichtiger Begriff scheint für ihn self-development zu sein) und natürlich mit Seasteading auseinandersetzt, und er bezeichnet sich als Anhänger des Anarcho-Kapitalismus – eine Strömung, die dem libertarianischen Flügel der US-amerikanischen Politik zuzurechnen ist. Letzteres kommt nicht von ungefähr. Patri ist der Enkel des berühmten Politikwissenschaftlers und Nobelpreisträgers Milton Friedman, dessen liberale Überzeugungen großen Einfluss auf die Politik von Richard Nixon und Ronald Reagan hatte. Milton gilt somit als Vordenker der liberalen Geistesgrundhaltung, die möglichst geringes Eingreifen des Staates in Wirtschaft und Sozialleben propagiert und die Dominanz eines freien Marktes für das ideale Instrument zur Lenkung einer Gesellschaft hält. Ab den Achzigern hatte diese Richtung den zuvor vorherrschenden Keynesianismus weitgehend abgelöst und, ausgehend von den USA, die Wirtschaftspolitik der Welt maßgeblich geprägt. Auch anderswo, insbesondere in Großbritannien unter Margaret Thatcher sowie ansatzweise in Deutschland unter Helmut Kohl, fand der Wirtschaftsliberalismus Anklang – aber nicht nur dort, sondern z.B. auch in Argentinien, wo unter Pinochets Diktatur ein wirtschaftsliberales System installiert wurde, dessen Unterstützung Milton Friedman von seinen Feinden oft vorgehalten wurde. Nun, nach der jüngsten Phase dieser Periode – samt der zweifelhaften Anwendung der liberalen Gedanken auf die Politik, dem sogenannten Neoliberalismus –, welche die USA sowie die gesamte Welt in eine politisch wie wirtschaftlich äußerst prekäre Lage gebracht hat, scheint zumindest der wirtschaftliche Liberalismus für eine Weile ausgedient zu haben und Staatschefs besinnen sich rund um den Globus auf alte, interventionistische Methoden. Was die bessere Wahl ist und ob es nicht auch andere Möglichkeiten gibt, sei hier dahingestellt.
Auch Patri’s Vater, David D. Friedman, Professor für Rechtswissenschaften, Buchautor auf verschiedenen Gebieten sowie selbsternannter anarchist-anachronist-economist, und als solcher wichtiger Kopf der anarcho-kapitalistischen Theorie, verfolgt dieselbe Schiene. Wie sein Sohn tritt er für einen radikalen Liberalismus ein. Im Gegensatz zu Milton, der eine staatliche Institution als notwendig erachtete, ist David der Meinung, dass im Grunde kein Staat notwendig sei und dieser nach und nach all seine Potenzen und Kompetenzen privatisieren sollte, um so einen friedlichen Umstieg in eine kapitalistische, anarchistische und somit seiner Überzeugung nach bessere Gesellschaft zu ermöglichen.
Patri, der seinen Vater durchaus als einen seiner Einflüsse nennt, ist hingegen der Meinung, dass ein solcher Wandel, hin zu einer freien Gesellschaft nach seinen Idealen, in einem bereits existierenden Staat nicht oder nur sehr schwer möglich sei. Aus dieser Tatsache ergibt sich für ihn die konsequente Notwendigkeit der Gründung neuer Gesellschaften und dies wäre, da die Erde bereits verteilt ist, eben nur auf hoher See möglich. Dort sollen nach seiner Vorstellung in Zukunft flexible Staaten, bestehend aus mehreren Seasteads mit möglichst vielen, verschiedenartigen Gesellschaftssystemen, denen sich Menschen nach Belieben anschließen können, und zwischen denen auch jederzeit gewechselt werden darf, sanft, friedlich und glücklich auf den Wellen schaukeln – autark, unabhängig frei.

Frei? Wirtschafts-liberal? Anarcho-kapitalistisch? Wie war das wohl bei den Freibeutern auf der Pirateninsel La Tortuga?

Wer nicht warten kann, bis diese oder eine andere – vielleicht auch reizvollere – Utopie entutopisiert und verwirklicht wird und uns das Paradies auf Erden bringt, findet sein Glück vielleicht schon heute – auf den Inseln hinter dem Winde.

*Weiterführendes:*
http://www.sealandgov.org – Die Regierung von Sealand
http://principality-of-sealand.eu/ – die Exil-Regierung von Sealand
http://seasteading.org – The Seasteading Institute
http://patrifriedman.com/ – Patri Friedmans Überblicksseite
http://www.daviddfriedman.com/ – David D. Fried-mans Seite (inkl. Online-Versionen seiner Bücher)
– James Krüss: Die Glücklichen Inseln hinter dem Winde. (ISBN: 3-55135-392-1)

Kommentare

Zu Milton Friedman etc.

Die liberalen Reformen in Chile unter Pinochet: Ist ganz interessant zu lesen, wie sich seine Ökonomen, die "Chicago Boys" (weil sie in Chicago bei Friedman studiert hatten), bemühten ihn zu überzeugen, er solle den Markt nicht regulieren und die Wirtschaft in Ruhe lassen. Ein Diktator muss doch alles kontrollieren!
Es ist ihnen gelungen, und das ist vielleicht der Hauptgrund, dass Chile jetzt praktisch Numéro 1 in Lateinamerika ist, weil die Reformen auch später nicht rückgängig gemacht wurden.
Pinochet war ein Böser - aber ein Engelchen im Vergleich mit Galtieri (Argentinien) oder Castro (Kuba). Der letztgenannte hat Pinochets Tote (3000 in ca. 17 Jahren) schon in seinen ersten Jahren geschafft (jetzt ca. 15.000 [?] plus ca. 70.000 Fluchtertrunkene) – und Galtieris Junta tötete vll 30-40 Tausend. Gut, Argentinien ist auch größer!...
Außer Friedman: Ein ganz interessanter Typ ist auch Murray Rothbard, ein „geeichter“ Anarchokapitalist.

wenn man mir eine insel

wenn man mir eine insel zeigt wo ich mich selbst abschütteln kann ohne dabei draufzugehen, ziehe ich sofort dorthin, egal ob bewohnt oder nicht, egal ob mit staat oder ohne. hauptsache endlich eine andere perspektive als die meine oder eine mir ähnliche. hauptsache man verlässt das festland "ich".

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