Heiße Dämmerungen - Nobelpreis für Doris Lessing

„How often I’ve said No […] / Thinking that all my life / There would be sweet hot dawns and kisses.” (aus: Love, Again)

Doris Lessing, 88 Jahre, steht jeden Morgen um 5h auf und füttert ihre über hundert Vögel. Ab 9h sitzt sie dann in ihrem Reihenhäuschen im Norden Londons am Schreibtisch und schreibt. „Weil das meine Arbeit ist“, meint sie. Die Reporter, die sie am 10. Oktober 2007 mit der Mitteilung „You’ve won the Nobel Prize for Literature“ überfielen, hätte sie gerne rasch von der Gartentür weggescheucht und in Ruhe ihre Einkäufe ins Haus geschafft. Aber dann schenkte sie der Medienlandschaft doch ein triumphierendes Grinsen: „I’ve won all the prizes in Europe, every bloody one. So I’m delighted to win them all. It’s a royal flush!“ Und sie freut sich auf die Blumensträuße und Festreden bei der Preisvergabe am 10. Dezember.
Eigentlich wartet sie auf den Preis ja schon seit 30 Jahren und argwöhnt jetzt, man wolle ihn ihr noch schnell in die Hand drücken, eh sie das Zeitliche segnet. Tatsächlich ist sie mit Abstand die älteste Frau, die je einen Nobelpreis bekommen hat; von den 797 bisher Preisgekrönten erst die 34. Frau überhaupt. Sie wird zwischen lauter Männern stehen, wenn sie sich in Stockholm Medaille, Diplom und Scheck abholt. Eine designierte Klassikerin des Feminismus in einer Männerdomäne – ob da jemand ein Zeichen setzen wollte?
In ihrem neuesten Roman The Cleft (dt. Die Kluft, 2007) schildert Lessing zwar eine wundersame Gemeinschaft von lauter Frauen, die erst durch die unerwartete Geburt eines Knaben ins menschliche Elend abgleitet. Aber sie hat nicht immer gewußt, daß sie Feministin war: als 1962 The Golden Notebook Pionierworte über Frausein und weibliche Sexualität wagte, die damals jedermann schockierten, meinte sie, sie habe nur aufgezeichnet, was Frauen in der Küche und beim Teetrinken ohnedies schon immer besprachen. Zeugnis im Kampf gegen das Männertum will sie nicht ablegen.
Williger läßt sie sich mit dem Kommunismus in Verbindung bringen. Immerhin traf sie in den 1940ern im Left Book Club ihren zweiten Ehemann Gottfried Lessing (ein Onkel Gregor Gysis – er fiel als Botschafter der DDR in Uganda 1979 dem Widerstand gegen Idi Amin zum Opfer). Aber sie anerkennt die große Ironie: die Linke, die Europa veränderte, huldigte als ihrem Ideal der Sowjetunion – und die war von Anfang an ein Schuß in den Ofen. Nein, eine Mystikerin ist Doris Lessing auch nicht – trotz ihrem Nahverhältnis zu Idries Shah und seinem Sufismus, dem sich ihre Science-Fiction-Serie Canopus in Argos verdankt. Erst recht keine Prophetin, obwohl der erste Band davon, Shikasta, zur Gründung einer Mini-Sekte in den USA führte.
Alles, was sie schreibt, tönt nach Tatsache. Nicht nur, wenn es unmittelbar aus Tatsachen entspringt, wie ihre Afrika-Erzählungen (The Grass is Singing, The Black Madonna, Winter in July, African Laughter – Echos ihrer Jugendjahre auf der glücklosen elterlichen Maisfarm in Rhodesien) und die Dürrekatastrophe in Mara and Dann – Zukunftsfiktion, basierend auf einer echten afrikanischen Dürre. Die Vision einer in Wasser und Eis erstickten Erde (The Story of General Dann) klingt ebenso nach Erlebtem, und die Autobiographie (Under My Skin und Walking in the Shade) nicht weniger romanhaft –zugleich auch brutal ehrlich, wenn sie ihren Landsleuten zumutet: „We British are a barbarous people.“ Die fast journalistische Erzählweise, die in der Sache schwelgt statt im Ausdruck, solang er nur klar und natürlich ist, macht Lessing gut übersetzbar; so ist ihre Botschaft auch außerhalb des europäischen Sprachraums gelandet, etwa im Arabischen und Chinesischen.
Mrs. Lessing weiß, was inzwischen alle wissen sollten – daß das Magma, auf dem die Kontinentalplatten der Menschheitsgeschichte schwimmen, nicht die Parteien, Etiketten und Ismen sind, sondern gerade das, wogegen der konstruierende Mensch nicht ankommt: Naturgewalten, von Sonnenglut und Frost angefangen bis hin zur Chemie der Beziehungen und Triebe.
Kurzum, eine liebenswerte alte Dame mit Durchblick. Darum von uns Arbeitern an der Baggergrube am 10. Dezember einen extra großen Blumenstrauß. Was sind Ihre Lieblingsblumen, Mrs. Lessing?

Mehr Informationen auf http://www.dorislessing.org/

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