Heimelige Sprechwege

Von den unterirdischen Ge­heim­gedankengängen, im Labyrinth öffentlicher Rhe­torik, im Schatten­spiel des Offensichtlichen. Ein Experte packt aus.

Die Rhetorik von Berufs­poli­ti­ker_innen ändert sich be­kannt­lich mit der Bühne, auf der sie stehen, bzw. ihrer jeweiligen Örtlichkeit. Auf Ö1 versucht selbst H.C. Strache, dem vermutlich rein mythischen Bildungsbürgertum Sachlichkeit ums Maul zu schmieren; während die ansonsten sattelfeste Finanzstadträtin Wiens, welche die Schulden ihrer Stadt verharmlosen muss, einfach nur wiederholt, was die Aufgaben ihres Amtes wären, sobald sie vom Bezirksblatt interviewt wird.
In diesem Wechselspiel der Volksgefühle ist das Einzige, worauf man sich stets verlassen kann, die rhetorische Anpassungsfähigkeit und intellektuelle Justierbarkeit der politischen Künstlerszene, die in aller Klarheit etwas aussagt, indem sie verklärt, was sie zu sagen hätte, wäre es (ihr) klar.

Kleinlaut und Polis

„Protection First“ nennt Mag. Dr. Erich Kleinlaut (Name geändert) vom Consulting Institute „Polis“ (Name frei erfunden) – einem Beratungsunternehmen für Menschen in öffentlichen Berufsfeldern, die es sich leisten können – das oberste Gebot, das er Kursteilnehmer_innen vermittelt. „Sagen Sie nichts, was irgendwann gegen Sie verwendet werden kann“, erläutert Dr. Kleinlaut und rät: „Wenn Sie unsicher sind, sagen Sie gar nichts.“
Berater_innen wie Dr. Kleinlaut helfen zahlreichen Personen der PR, jenes Sprach-Phänomen der direkten Indirektheit oder offensichtlichen Heimlichkeit zu entfalten. Gerade letztere „Heimlichkeit“ sei für „Polis“ ein wichtiger Begriff, vereine er doch Attribute der Ver- wie Geborgenheit. Dieses zweideutige Wesen in der Sprache versuche man seinen Kund_innen nahe zu bringen.
Man verberge sein öffentliches Ich (z.B. als Politker_in) hinter einer gut erkennbaren Sprachmaskerade, die durch ihre vertraute Präsenz hilft, den Umstand der Verborgenheit zur erträglichen Gewohnheit werden zu lassen.
Natürlich lassen sich damit auch Drohungen kaschieren, ähnlich einer unübersehbaren Beule im Mantel eines Ganoven. Bezeichnet „KHG“ z.B. den „Kurier“ in seiner dortigen „nachträglichen Klarstellung“ (vom 19.7.2011) distanziert als „periodisches Druckwerk“, will er mit diesem fachausdrücklichen Umstand u.a. auf seine Leistengegend weisen: Vorsicht! Ich habe einen Juristen in der Tasche!
Wie viele der Spitzenberufspolitiker_innen besuchten bereits Kurse bei „Polis“? „Früher oder später lernt jeder – direkt oder indirekt – von Dr. Kleinlaut“, so selbiger. Direkt und in nicht belegbaren Zahlen seien es aber ca. 95%.
Gefragt nach der Erfolgsrate unter seinen Kursabsolvent_innen, was die so genannte „Selbstschutz-Rhetorik“ betrifft, fiele diese eher mäßig aus. Dies liege aber eher am ebenso mäßigen Talent der Absolvent_innen und/oder ihren verfrühten Alleingängen (siehe Laura Rudas).
„Ich selbst bin als Coach unwahrscheinlich in…kompetent, aber das von mir erfundene System ist immerhin wenigstens Leichtsinn!“, klärt Sprachmeister Kleinlaut auf.

Heimliche Meisterschaft

Hervorragende Leistungen zeige übrigens das Gesamtwerk von M.T. Fekter, einer Mitbegründerin der „Offensiv Tarnung“ und effektive, rhetorische Minimalistin. Mit ihren als derb empfundenen Dialekt-Äußerungen gegenüber Migrant_innen und Asylwerber_innen suggerierte sie geschickt eine psychotische Abneigung gegenüber diesen Menschen. Das geschulte Publikum weiß aber, dass sie eine solche Störung, würde sie existieren, mit allen Sprachmitteln verbergen würde, und muss nun annehmen, dass jegliche realpolitische Härte lediglich ein Charisma-Problem ist. Meisterhaft!
Manchmal verteilt sich das rhetorische Werk, in nebeligen Aussagen, auch über ein ganzes „Streitgespräch“, wie beim steirischen Soziallandesrat Schrittwieser (im „Standard“, 19.7.2011).
Dieser habe den ersten, schockierenden Entwurf für Einsparungen seines Landes bei Leistungen für Menschen mit Behinderung nur deshalb so veröffentlicht, um den Behindertendachverband zu Verhandlungen zu locken (also zu nötigen). Gut gemacht: Der später zurückgezogene Entwurf wird als bewusste (starke) Maßnahme wahrgenommen.
Auch erklärt er, dessen spätere Abänderung käme auf Druck der Expertise, um vom Druck der Straße abzulenken. Danach entschuldigt er jedoch den Schock-Entwurf mit einem Umrechnungsfehler und meint, sich zudem selbst – quasi persönlich – dafür entschuldigen zu müssen. Eine moralisch richtige, falsche Ansage!
Kleinlaut hierzu: „Begründungen für egal welche Geschehnisse müssen einfach und konsequent durchgehalten werden.“ Man dürfe weder das Publikum noch sich selbst überfordern, es dürfe keine Alternativen geben.
Eine effektive sprachkünstlerische Methode stellt daher auch die reduzierte Grammatik oder der „Stealth-Sence“ dar. Ein Satz mit getarntem Sinn bleibt auch in den Archiven relativ ungefährlich.
Allerdings hätten nur wenige Spitzenpolitker_innen es verstanden, ihre „Selbstschutz-Rhetorik“ durch Kauderwelsch zu perfektionieren. Das richtige Maß bleibe dabei überlebensnotwendig, ansonsten geht die Sache nach hinten los, wie selbst der berüchtigte LAbg. Karl Schwarz erfahren musste (siehe Youtube).
Andere verstehen es – hingegen und zudem – gekonnt und schnell, zwischen Sinn und Unsinn zu wechseln, um vermeintliche Sinnsuchende in die Irre zu führen. Manchmal verirren sich bei dieser Methode allerdings auch Meister wie ÖVP-Vizekanzler-Außenminister und FPÖ-Flirtflittchen Michael Spindelegger. „Vor einer Wahl werden Sie von mir nicht hören, wie ich nach der Wahl etwas tun möchte“, konnte man diesen (am 25.7.11, im Ö1-„Mittagsjournal“) es verkacken hören. Etwas später im Interview wiederholte er jedoch den Versuch und ergänzte das Sprüchlein (un)sinngemäß. Schließlich ginge es um seine Partei und nicht irgendwelche Koalitionen (mit der FPÖ).
Dabei geht es auch um die richtige Vertonung: Mit einer Spur von Mitleid erzeugender Beleidigtheit kann man vielleicht davon ablenken, dass es immer auch um Koalitionen geht, wenn eine Partei nicht ohne einer solchen mit der Regierung beauftragt wird.

Tu felix Austria wurstele

Besagte Regierung und ihr Parlament haben natürlich ihre eigene sprachkünstlerische Kultur. Vergleicht man sie beispielsweise mit jener Deutschlands (hoch entwickelter Subtilität) oder Großbritanniens (meisterhaftem Zynismus), gewinnt man rasch den Eindruck, dass der Begriff „Herumwursteln“ auch in der österreichischen PR sprachgebraucht wird.
Eine regional geprägte Sprachheim/elig/lich/keit entsteht aus dem gemeinsamen Bedürfnis, angewandte Floskeln einer allgemeinen Sinn-Akzeptanz zuzuführen.
Dass dies manchmal funktioniert, zeigt sich in der traditionellen Akzeptanz des Schweigens von Staatsbediensteten zu ihrer Verantwortlichkeit und die Bürger_innen betreffenden Themen.
Einige Österreich-Highlights: Etwas „in aller Klarheit!“ zu sagen, bedeutet in der Regel dessen Gegenteil. „Dazu will/kann ich nichts sagen/mich nicht äußern“ heißt übersetzt, dass der/die Befragte nicht so blöd sei, sich in die Karten schauen zu lassen und/oder mit heruntergelassenen Hosen erwischt wurde.
Ähnlich meint „etwas (meist mit aller Schärfe) zurückzuweisen“, dass man eine Behauptung nicht wirklich zurückweisen kann. Schönster (aus D importierter) Unsinn ist folgender Satz: „Diese/r/s Pipapo ist ohne Alternative!“
Zum Abschluss aber ein ganz anderes Beispiel: Welche heimliche Weisheit verbirgt sich im Folgenden („Der Standard“, 19.7.2011): „Der schönste Teil der Donau ist fast unbekannt“?

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