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„Zwischengefühle“ – ein charmantes Kaffeekränzchen mit Franz Adrian Wenzl und Klaus Mitter von Kreisky.

_Kreisky, die in diesem Frühjahr ihre selbstbetitelte Debutplatte veröffentlich haben, müssen unbedingt zur Sonnenseite der hiesigen Musikszene gerechnet werden. Eine Kapelle, die tut, was sie für richtig hält, ohne notwendigerweise ungenießbar zu sein und also ohne sich zwanghaft selbst zu sabotieren. Die vier Herrschaften machen schon seit geraumer Zeit Musik und haben sich nach diversen Ausflügen in die verschiedensten Richtungen des Wiener Untergrunds nun zu Kreisky formiert, die zwar deutschsprachige Rockmusik machten, sich vom Deutschrockgenre aber deutlich distanzieren. Ich habe mich mit dem Sänger (FAW) und dem Schlagzeuger (KM) der Band in einem altehrwürdigen Wiener Kaffeehaus getroffen._

Kreisky„Ich verweigere mich!“ – für mich haben eure verschiedenen musikalischen Inkarnationen eines gemeinsam, nämlich die grundsätzliche Opposition.
FAW: Das würde ich so gar nicht sagen. Es geht mehr ums Sachen machen. „Grundsätzliche Opposition“ klingt ja so, als gäb’s eine politische Motivation oder einen ganz konkreten Aussagewillen und dann kommt erst die Form, aber in Wirklichkeit ist es genau anders: In Wirklichkeit wollte ich einfach Sachen machen, Sachen, die mir taugen und das sind für mich Bücher und CDs, die man mit heim nehmen kann, in die Höhle. Weil ich aber nichts gelernt habe, habe ich mal schauen müssen, wie man da trotzdem was machen kann und das sind dann naturgemäß eher eigene Wege, die man sich dann sucht.
KM: Wir haben auch früher und mit anderen Bands immer so Mischungen gehabt ­– immer mehrere Stile, durchaus unpopuläre Sachen – und unsere eigenen musikalischen Sachen ausgelebt und auch da ging’s aber nie darum, etwas zu machen, nur weil es kein anderer macht. Es ging aber genauso wenig darum etwas zu machen, was halt grade aktuell und leicht zugänglich ist. Für die reine Genrearbeit gibt es Bands, die das viel besser können …

Es geht also um Eigensinnigkeit.
FAW: Nicht im Sinne von Obskurantismus, dass es schräg ist, damit es schräg ist, aber einen eigenen Stil finden ist halt schon das Geilste.

Beim Texten kann man in die Versuchung kommen, mit seiner Überzeugung zu missionieren – wie ist bei dir das Verhältnis zwischen erzählen und erklären?
FAW: Erklären eigentlich gar nicht und missionieren – nicht mal dran denken. Das ist ganz lustig, weil bei der Kreiskyplatte einige gemeint haben, das ist politisch, oder so – das würde ich nie sagen. Das sollen freilich auch keine unwichtigen Lieder sein, soll ja auch eine Aussage haben – aber über was kann ich was aussagen? Ich kenn mich ja bei vielen Sachen gar nicht so aus, aber was ich mir überlegen kann, oder was ich aussagen kann, sind Sachen, die ich komisch find, oder mit denen ich nicht zurande komm.
Also das ist auf jeden Fall ein stark erzählerischer Zugang, wenn man jetzt die Unterscheidung trifft … Und dann gestaltet man das aus – es soll auf jeden Fall verständlich sein, aber es soll auch immer ein Rest dabei sein, der nicht ganz so klar ist, damit es auch eine gewisse Dichte hat und interessanter ist zum öfter Hören.

Aber manchmal ist es schon eine Anklage.
FAW: Ja, aber eher so eine Selbstanklage. Und auch das würde ich nicht sagen, weil wenn ich „Selbstanklage“ sage, dann würde ich ja auch was tun, mich zu ändern, aber es ist halt dann aber eher so, dass man sich eher so rauswindet …

Oft schließt du dich aus und dann wieder ein: zum Beispiel bei den „Vandalen“.
FAW: Ja, das schwenkt dann auf „wir“.

Ja, auf der einen Seite klagst du an, auf der anderen Seite aber sagst du: Eigentlich bin ich der selbe Arsch.
FAW: Ja, genau. Freilich gefällt mir auch die Geste des Anklagens – ist aber auch eine Rolle und mit der muss man dann wieder brechen.
Das geht auf verschiedene Arten: die eine Art ist, sich dann selbst als Mitangeklagter einzufügen und die zweite Art, die bei „Vandalen“ eher vorkommt, ist, dass das einfach schon so hirnrissig polemisch ist, dass es eh nicht ganz ernst sein kann.

Wie ist es bei euch mit der Balance zwischen formalen und inhaltlichen Kriterien?
FAW: Es ist beides wichtig.
KM: Vielleicht kommen wir über die Entstehung der Nummern hin: Wir sind keine Songwriting-Band, es kommt keiner mit einer fertigen Nummer, wo Abläufe oder Texte fertig sind, sondern wir spielen Sachen heraus. Das fängt meistens instrumental an – der Franz hat immer ein Bündel an Texten mit, mit denen er dann herumjongliert.
FAW: Es kommt auch vor, dass sich die Textaussage ändert, weil die Musik an sich ja schon eine Aussage hat. Du kannst aggressive Musik haben oder liebliche Musik, wenn du da den selben Text drüber legst, dann ändert sich natürlich die Aussage und da muss man dann wieder nachjustieren …

  • .. beim „Nichtschwimmer“ zum Beispiel – das ist ja eigentlich eine traurige Ballade, aber die Musik ist dann doch wieder etwas bedrohlich.*

FAW: Das stimmt. Wenn der Test mit einer rein entsprechenden Musik wär, dann würde mir was abgehen, dann würde mir genau das bisschen Unergründlichkeit abgehen, die leichte Kante, was Unbestimmtes. Dazu macht man ja Musik, oder Kunst überhaupt, dass man so Zwischengefühle, die man nicht benennen kann, festhält.

Ähnlich ist es bei „Autofahrten“ – für mich ist das eine sehr interessante Mischung: teilweise sehr verletzend aber auch selbst sehr verletzt.
FAW: Aber das ist ja eine ganz normale Kombination. Das in die Ecke gedrängte Tier ist ja meistens am gefährlichsten.

Ja, aber das wird selten so dargestellt.
FAW: Ja und das ist auch der Fehler …

Würdet ihr sagen ihr seid eine rücksichtslose Band – im Sinne von kompromisslos aber auch im Sinne von auf andere scheißen.
KM: Tendenziell schon – also wenn das eine Entscheidungsfrage sein soll, dann würde ich sagen: ja. Ja, weil wenn man die Band als Einheit sieht, dann ist das schon ein Strang, an dem gezogen wird. Das sind eben vier Leute, die sich in eine Richtung bewegen, was dann vielleicht auch als Rücksichtslosigkeit gelesen werden kann in dem Sinn, dass man nicht auf 20 Leute rundherum hört und sich Tipps geben lässt.
FAW: Wobei Kreisky schon eine Rockband ist und auch sein soll. Durchaus eine Band, die anspricht und verstanden werden will … Und es ist – ich formulier das gern überspitzt – eine gecastete Band, wo wir uns schon genau ausgesucht haben, wer die richtigen Leute sind.

Ja, aber so gesehen ist jede Band gecastet.
FAW: Nicht unbedingt. Also ich kenne sehr viele Bands, da findet man sich irgendwie zusammen …

So nach dem Motto: „Ich mach mit meinen Freunden jetzt Musik“ – stimmt … Ihr macht jetzt seit 10 Jahren Musik in einem Land, in dem wenig lokale Musik gehört wird, weil sie sich wie die meisten anderen Ländern am internationalen Popzirkus orientiert – wird man da grantig?
FAW: Ich persönlich nicht, weil sich meine Ziele zur Zeit mit dem decken, was wir erreicht haben. Es gibt Publikum, es gibt Konzerte und also gibt es auch keine Verbitterung. Man weiß ja eh, dass man hier in Österreich ist und ich finde es dann immer eher ärgerlich, wenn dann irgendwelche Bands, die glauben sie können jetzt Radiohead, oder die Chili Peppers nachspielen und dann jammern: „den Sound haben wir so gut drauf, aber weil wir aus Österreich sind, werden wir es nie schaffen“ – und dann werden sie verbittert. Das ist halt eine Verkennung der Tatsachen.

Was sagt ihr ganz allgemein zur Wiener Bandszene?
FAW: Es gibt zur Zeit wahnsinnig viel gute Sachen. Du könntest in der Woche fünfmal auf ein Topkonzert von einer österreichischen Band gehen, in Wien. Viel im Fluc oder im Rhiz oder in solche Lokalitäten, Sachen, die noch weit ab sind von FM4, aber qualitativ gibt es wahnsinnig viele gute Sachen.
KM: Es gibt für das ganze Band-Ding seit 2000 wieder stärkere Aufmerksamkeit – international, das ist dann natürlich auch nach Österreich gekommen … Auf der Bühne ist eine Band leiwander zum anschauen als ein Laptoptyp – weil die Liveperformances wieder ins Zentrum gerückt sind und die CD-Produktion raus und das ist natürlich ein starker Vorteil für Bands.
FAW: Aber ich kann mich noch gut an eine Zeit erinnern, wo die Gitarre an sich böse war. So vor 10 Jahren, wie die Elektronik ganz stark war: Die Gitarre an sich war schon ein Rockismus und deswegen abzulehnen – wir haben da schon einige Schiffe vorbei ziehen sehen …

Letzte Frage: „Ich bin lächerlich, ich bin peinlich – sing Halleluja für mich!“ Wo­rin besteht der Wert des Selbstmitleids?
FAW: Ja, das hat man halt ab und zu … Also es hat auf jeden Fall einen Wert. Um jetzt aus einer musikmachenden Praxis zu sprechen glaube ich, dass eine wichtige Persönlichkeitsstruktur, damit man so was macht, eine Mischung aus Größenwahn und Selbstzerfleischung ist. Das ist beides total wichtig. Es ist ja fast peinlich, aber nach den meisten Konzerten sagen wir uns nach Beichtstuhlprinzip jeder jedem, wie geil wir sind und dass wir doch die geilste Band sind überhaupt – extrem wichtig, aber auch lächerlich. Auf der anderen Seite hat man Momente, wo man zu Hause sitzt und sich denkt: um Gottes willen: Will ich wirklich meine ganze Zeit verbringen mit dem? Und das ist beides wichtig: als Antrieb …

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