hier & jetzt: patrick wagner (surrogat, kitty yo, louisville)

Patrick Wagner im Interview.

Surrogat haben Anfang dieses Jahrzehnts polarisiert wie keine andere Band im deutschsprachigen Raum. Ihre Musik war und ist ruppig und kompromisslos, schont weder Publikum noch Produzenten. Selten war Rock so direkt, schnörkellos auf den Punkt und ohne Vorbehalte selbstherrlich. Die Zeit der Raunzerei war kurzfristig vorbei, aber das hatte auch seinen Preis: Diese Kompromisslosigkeit und ihre unkorrumpierbare Haltung im Allgemeinen wurden der Band nämlich – jedenfalls kommerziell – zum Verhängnis. Ich habe mit dem Frontmann Patrick Wagner, der mittlerweile die Seite gewechselt hat und nach Kitty-Yo seine zweite Plattenfirma Louisville Records führt, in den letzten Monaten sporadisch gemailt. Der vorläufige Höhepunkt dieses Briefwechsels wird nun hier abgedruckt:

1. „Wir sind wir, wir sind die, die es gibt, wir sind die Größten“. „Du machst dir immer wieder klar: Du bist Patrick Wagner Superstar“. Ihr wart eine der ganz wenigen Bands, die sich zu dem Größenwahn, den es braucht um sich überhaupt auf eine Bühne zu stellen, auch bekannt haben. Das haben euch viele verübelt und euch ins „Proll-Rock-Eck“ gestellt. Kannst du dazu kurz oder auch lang Stellung nehmen?
Die Wahrheit ist, mir war schon immer egal, was irgendwer über meine Musik denkt. Lustigerweise lief letztens hell in hell im Radio und direkt danach kam Tomte, eine unfassbar schlechte Band, die aus unerfindlichen Gründen bis vor Kurzem sogar irgendwelche Leute interessiert hat.
Diese zwei Stücke hintereinander zu hören, hat einfach nur aufgezeigt, wie übel sich die Musik ganz allgemein in den letzten Jahren entwickelt hat. Im Moment gibt es, glaub ich, nur zwei gute deutschsprachige Künstler – Tocotronic und 206 aus Leipzig – die durchaus das Erbe von Surrogat antreten können und ähnlich scharf und hartnäckig sind.
Patrick Wagner
2. „Rock“ enthält wie auch die meisten anderen Surrogat-Platten kaum einen 4/4 Takt. Auch textlich hatten deine Songs nie etwas mit dem üblichen Reim-Lexikon-Bausatz zu tun und inhaltlich sind die Texte in ihrer inneren Zerrissenheit meist weit über den Deutsch-Rock-Rahmen hinausgeschossen. Woher kommt diese Liebe zum Außerordentlichen oder – wie du selbst sagst – „Nervigen“?
Das Leben ist langweilig genug und die Welt dreht sich eh schon in 4/4, da musste man ja nicht unbedingt mitdrehen – genauso wenig, wie man sich ne Lebensversicherung kauft –, oder in die Rentenkasse einbezahlt.

3. Nach „Kitty-Yo“ ist „Louis-Ville“ die zweite Plattenfirma, die du gegründet hast. Es gibt wohl keinen Zweiten, der so viel Zeit und Mühen in Musik investiert hat, an die er geglaubt hat, aber es ist auch kein Geheimnis, dass du nicht reich geworden bist damit. Andere haben es sich da einfacher gemacht und ihre Künstler auf ihre Konsens-Tauglichkeit hin ausgesucht, also quasi-gecastet. Das wär jetzt ein guter Platz für eine ausgiebige Hass-Tirade:
Es gibt andere Dinge außer Geld, die reich machen. Nur weil ich jetzt Familie habe, muss man nicht die gleichen Ziele haben wie unsere Eltern. Gleichzeitig tu ich das auch, weil ich davon ausgehe, dass z.B. Navel das Potential haben über eine Million Alben zu verkaufen, und nicht, weil ich ein netter Onkel bin, der sich Briefmarkensammler-mäßig ein paar Bands leistet, die er toll findet. Mal abgesehen davon, dass es total öde wäre z.B. englische „The Bands“ rauszubringen, nur weil ein paar verirrte Teenager glauben, sie müssten sich in bekloppte Neonklamotten stecken und miese Musik hören.

4. Du hast dein Jura-Studium abgebrochen und dich für einen riskanten Lebensentwurf entschieden. Seit einigen Jahren hast du Frau und Kind. Fällt es damit schwerer den Sicherheiten eines bürgerlichen Lebens zu entsagen oder ändert auch das Vater/Ehemann-Sein nichts daran?
Nein, es fällt nicht schwerer, da ich eine coole­ Frau und ein cooles Kind habe – ansons­ten führen wir eigentlich ein relativ bürger­liches Leben. Also auch unser Sohn geht zur Schule und hat sein Pausenbrot mit. Er schreibt halt nur in Poesiebücher, dass Navel und Elvis Presley seine Lieblingsmusik ist.

5. Wenn man Surrogat googelt, ist einer der ersten Treffer eine lang und breit erörterte Konzertabsage der „Alten Pauline“ in Detmold. Darin wird euch – kurz gesagt – vorgeworfen, ihr wärt Neo-Nazis. Ein Zug, auf den dann auch andere Angehörige der deutsch-sprachigen Musik-Infrastruktur aufgesprungen sind. Es heißt dort, euer „Eisernes Kreuz“ wäre Werbung und als solche keine Kunst, dürfe also keine künstlerische Freiheit beanspruchen. Du hast immer wieder konsequent auf die politisch-korrekte Machart geschissen und dafür mehr einstecken müssen als jeder andere. Woher kommt diese an Wahnsinn grenzende Hartnäckigkeit?
Das Kreuz ist Punk und noch dazu total geil und künstlerisch wertvoller als die meisten Cover der letzten Jahre. Das war nicht mal polemisch gedacht, sondern ist einfach ein prolliges Rocksymbol, mit dem auch schon The Cult oder Motörhead gearbeitet haben. Es ist politisch viel unkorrekter zu googeln, seine Platten bei itunes runterzuladen oder in die o2 Arena zu rennen. Das stellt alles schon längst keiner mehr in Frage. Wir waren schon immer eine höchst radikale linke Band, die allen ans Bein pissen – und sind auch, soweit ich weiß, immer so wahrgenommen worden …

6. Hast du vor, irgendwann mal wieder als aktiver Musiker auf die Bühne zu gehen und wenn ja: unter welchen Voraussetzungen bzw. in welchem Rahmen?
Auf keinen Fall – ich möchte nie wieder dafür verantwortlich sein, Leute bei einem Konzert unterhalten zu müssen. Seltsamerweise fragen gerade sehr viele Leute nach Wagner und Surrogat – es freut mich, dass wir eine Lücke hinterlassen haben, aber ich mag nicht mehr dieses „here we are now, entertain us“. Jetzt sind mal andere dran.

7. Diese Zeitschrift hat meistens einen thematischen Schwerpunkt. Diesmal ist es „Lüge“. Wenn dir spontan was dazu einfällt, kannst du gern was sagen, ansonsten können wir die Frage auch streichen …
Wo wir grad dabei sind: Es gibt schon lange keine Wahrheit mehr – also auch keine Lüge. Ich bin übrigens ein notorischer Lügner – ich mag einfach die daraus entstehende Spannung bei mir selbst. Allerdings immer nur, wenn’s nicht wichtig ist.

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