Hochbau: Marzipan

Mir persönlich ging das Mozartjahr ja am Arsch vorbei. Ich gehöre nicht einmal zu den Augenverdrehern, die den Namen „Mozart“ nicht mehr hören oder sehen können und Mozartkugeln nicht mehr leiden. Diese sogenannten Mozartkugeln konnte ich indes noch nie leiden, wegen des Marzipans; diese widerwärtige Substanz vermochte es nämlich noch nie, meinen Geschmackssinn in irgend­einer Weise anzusprechen, ja, ich verabscheue sie, die nur noch äußerst entfernt, so finde ich, an die ja durchaus genießbare Ausgangszutat erinnert.
Vielmehr überrascht sie den Ahnungslosen, oftmals getarnt im Gewande harmlosen Zartschmelzenden mit noch dazu durchaus einladendem Äußeren, deren Einverleibung sich der unschuldig Naschende in freudiger Erwartung baldiger Schokoladegenüsse durch sanftes Auf-der-Zunge-zergehen-Lassen hingibt; schon in der ersten Sekunde spürt das Opfer, dass etwas nicht stimmt, und nach einem kurzen Verdachtsmoment hat es auch schon die grauenhafte Gewissheit. Vom Entsetzen gepackt und vom Ekel geschüttelt wird nun ein jeder versuchen, die schon halb im Munde geschmolzene Masse auszuspucken; seltener wird die Flucht nach vorne ergriffen und das Zeug tapfer hinuntergeschluckt. Diese Vorgehensweise ist meiner Erfahrung nach allerdings weniger empfehlenswert, wenn man bedenkt, dass allein der Anblick eines einzigen Exemplars jener Marzipanschweinderl, mit denen jährlich Hunderte und Aberhunderte von Neujahrsmarktstandln übersät sind, bei empfindlichen Marzipanhassern schon Übelkeit auslösen kann.

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