Hohlwelt

oder: Wo Du auch bist, es ist Scheiße

Neulich belauschte ich zwei Herren, kurz vor dem Ende der Welt:

„Ja so ist das. Und wenn’s nicht klappt, dann geh ich einfach wieder zurück. Dort unten soll ja sehr viel passiert sein, seitdem Reltih die Religionsfreiheit wiedereingeführt hat, ttogottogo, das hat echt viele von uns vertrieben. Aber wir fallen nicht auf. Eure Sprache ist schnell erlernt, und in Wien gehe ich glatt durch als Piefke!
Wie viele von uns hier wohnen, weiß ich nicht. Die vielen Stellen, wo man rauskommt … macht eine effiziente Grenzkontrolle kaum möglich. So dünn wie die Decke jetzt schon ist ….
irgendwo ist immer ein Spalt, fragt sich nur, wie das weitergeht.

Natürlich ist es mir bewusst, dass sich die Emigration nachhaltig negativ auswirkt für beide Seiten—-“

„Wir leben auf einer Eierschale, die Weltbevölkerung ist innerhalb weniger Jahrzehnte auf das Doppelte angewachsen, das hat zu verheerenden Hungersnöten geführt, Kriege ums Öl machen uns keine Sorgen mehr, eher ob unser Keller am Morgen noch da sein wird!“

„Aber die Probleme sind doch nicht nur hier, unten fällt den Leuten die Erde auf die Füße, die Menschen sehen es fatalistisch. Mein Großvater wurde damals von einem Felsbrocken mitgerissen. Furchtbar! Er fiel direkt in die Ennos. Die Opferzahlen gehen in die Hunderttausende im Laufe der Jahre.
Deswegen wandern wir ja aus, sonst ginge es allen gut da unten. Es ist nur schwer am Boden zu bleiben, wenn derselbe gerade in die Sonne stürzt.“

„Bei Ihnen ist demnach alles umgekehrt?“

„Ja.“

„Kurze Zwischenfrage: Sind sie dann eigentlich auch schwul? Finden Sie mich attraktiv?“

„Natürlich. Ich bin homosexuell, trage jedoch die Ihnen als weiblich erkannten Geschlechtsmerkmale, wodurch es mir als Hohlweltler möglich ist, als schwuler Mann mit einer Frau zu schlafen und schwanger zu werden.“

„Verblüffend!“

„Ja, und trotzdem sehen Sie mich als schwulen Mann mit dem Körper einer Frau, der sich gerade in Sie verliebt hat und Ihnen laszive Blicke zuwirft, was Sie gerade völlig verwirrt – das ist ja gerade das Paradoxe an unseren zwei Welten.“

„Sehr lasziv kommen mir Ihre Blicke aber gar nicht vor –“

„Ich habe ja auch keine weiblichen Geschlechtsmerkmale, Sie Trottel.
Sie verdrehen hier nur die Begriffe, ohne zu bedenken, dass es die Realität ist, die bei uns verkehrt läuft.“

„Sieh an! Dann verstehe ich allerdings nicht, weshalb bei Ihnen die Namen verkehrt herum ausgesprochen werden, sind doch auch bloß Begrifflichkeit, nicht?“

„Natürlich, aber Sie werden mir eine gewisse kulturelle Andersartigkeit doch hier nicht zum Vorwurf machen wollen, es handelt sich hier schließlich um das Ende der Welt!“

„Universalistisch oder planetarisch gesehen?“

„Wie meinen Sie das?“

„Nun ja, gewissermaßen sitze ich auf dem längeren Ast. Wenn Ihr Mikrouniversum hopsgeht, existiert meins Makro einfach weiter. Nur tot sind wir dann alle beide.“

„Ja.“

„Das verstehe ich jetzt nicht ganz.“

„Was verstehen Sie nicht?“

„Das mit dem Makro.“

„Was weiß ist, ist Ihnen nicht schwarz, und kurz ist nicht lang, aber dass Ihr Universum nur ein wenig kleiner als der Erdumfang sein kann, meins hingegen nach Außen gerichtet ist und deshalb unendlich, das werden Sie mir ja wohl nicht abstreiten können?“

„Ja, aber Außen und Innen nehmen Sie ja nur so wahr, weil Sie hier geboren sind, für uns da unten sind Sie doch auch nur der Boden, auf dem wir gehen!“

„Jetzt kommen SIE mir nicht mit Begrifflichkeiten, von Außen betrachtet ist hier einfach mehr Platz, sonst würden Sie nicht einfach hierher auswandern. Wenn nicht die Schottermitzi von einem Bagger überrollt worden wäre, hätten wir diese Probleme gar nicht! Weshalb lasse ich mich überhaupt mit Ihnen ein?
Stures Grubenvolk!“

„Hinterlistiges Bergvolk! Eure ganzen Grubenaktivitäten haben das Problem nur verschlimmert!“

„Halten sie mich für blöd? Ihre Leute haben doch sicher auch nach Gold gegraben!“

„Nur wirtschaftlich nachhaltig!“

—-BUMM—-

Weißer zwerg

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