Identitätskrisengebiet

„Manche Menschen mögen sagen, dass das Leben eine Bühne ist, aber ich meine, dass die Bühne selbst das Leben ist.“ Pathethisch schwang der Kulturminister Nepals letztes Jahr zum 25-Jahr-Jubiläum der unabhängigen Theatergruppe Aarohan seine Eröffnungsrede. Aarohan bedeutet soviel wie „Aufstieg“. Einen langen, hartnäckigen Aufstieg hat Aarohan tatsächlich hinter sich. Als sich die Gruppe in den 80ern zusammenschloss, hatten Schauspieler in Nepal wenig Ansehen, waren auf einer Stufe mit Prostituierten gesehen. „We wanted to shock the intellectuals!“

„They put up 5 police men here, 5 there, and some over there to see who would come and watch the plays.“ Sunil Pokharel, Leiter der Theatergruppe, zeigt auf die verschiedenen Orte des Theater­geländes, an denen Polizisten positioniert wurden, nachdem die Gruppe im April 2006 aktiv am Jana Andolan 2, der zweiten – aus heutiger Sicht erfolgreichen – Demokratiebewegung in Nepal, teilgenommen hatte. Den Mund mit schwarzem Klebeband zugepickt, hatten sich Mitglieder von Aarohan auf die Straßen gesetzt und so ihren friedlichen Protest gegen die Herrschaft des Königs kundgetan. Als das Militär begann, die Demonstrationen gewaltsam niederzuschlagen, wurden im Zuge dessen auch 8 Mitglieder von Aarohan festgenommen.

“If we hadn’t had this democratic change, perhaps this theatre would have been closed.” Nicht das erste Mal, dass Aarohan gerade eben die Kurve gekratzt hat. Die Gruppe überlebte in ihrer langjährigen Geschichte nicht bloß etliche politischen Unruhen im Land, sie formte die Neuerungen maßgeblich mit. Ihr Bestehen ist Ausdruck von Unmut über ein krisengebeuteltes, korruptes Land, das kein Fundament für klare Formen bietet.

Mittlerweile ist es wieder ruhig geworden im Gurukul, jenem Theatergelände inmitten von Kathmandu, der Hauptstadt Nepals. Etwas abgeschirmt von all dem Staub und Smog der zweitschmutzigsten Stadt der Welt, leben hier in traditioneller Weise Lehrer, Schüler und Techniker gemeinsam am Gelände und kümmern sich um alle Geschäfte, die an einem Theater mit integrierter Schauspielschule so anfallen. Bis 2002 wurde in privaten Wohnungen oder auf freiem Gelände geprobt. Die heute wie damals treibende Kraft der Gruppe, Sunil Pokharel, plaudert: „In Europe theatre is a profession. Here theatre is a passion. We don‘t want to forget where we came from. That‘s why every actor is responsible of cleaning the toilets.“ Er berichtet weiter von seinen Erfahrungen, die er während Europa-Aufenthalten gesammelt hat, wo kleine Theater von Subventionen leben und manchmal zusperren müssen, weil die Gelder eingefroren werden. In Nepal kann ihm das nicht passieren, weil es schlicht keine öffentlichen Gelder für Gruppen wie Aarohan gibt.

Nepal, ein schmaler Puffer zwischen den zwei Riesen Indien und China, erstreckt sich auf einer Breite von maximal 230 km von den flachen Ebenen des Südens, dem Terai, bis hin zu den höchsten Bergen der Erde, dem Himalaya. Als Schmelztiegel einer Vielzahl von Ethnien und der zwei Hauptreligionen in der Region, Hinduismus und Buddhismus, bietet das Land seit jeher eine kulturelle Dynamik, deren Zusammenklang sich traditionell in farbenfroher Folklore ausdrückt und auch dem modernen nepalesischen Theater Stoff und Mittel zum Ausdruck bietet. Allerdings war Theater bis in die jüngere Geschichte der Aristokratie vorbehalten: Die einzige Institution seiner Art, das Royal National Theatre, trat auch tatsächlich bloß für die Royals und deren Hofstaat auf.
Als Reaktion auf diese Umstände fanden sich Anfang der Achtziger einige junge Nepalesen zusammen und gründeten die Aarohan Theatre Group. Sunil Pokharel beschreibt den Anfang der Gruppe als „coincidental“. Junge Nepalesen, die „gegen das System“ waren, schlossen sich der Gruppe an, fanden Platz für Protest in Aarohan. Wenn die Ideen und Ziele von Aarohan damals auch noch vage waren, beschlossen die Gründungsmitglieder drei Hauptprinzipien, die die Grundmotivation der Gruppe sein sollten: Demokratie, Pluralismus und soziale Gerechtigkeit.

Seit den Vorkommnissen im April 2006 wurde noch das Element „Republik“ hinzugefügt. Schon einmal, vor 17 Jahren, konnte die Gruppe erfolgreich ein Bewusstsein für diese Werte schaffen. Denn nicht zuletzt Aarohan war am 1. Jana Andolan beteiligt, der Volksbewegung, die 1990 zur erstmaligen Errichtung einer Demokratie in Nepal führte:
Nachdem Pokharel in den späten Achtzigern aus Delhi zurückkam, wo er Schauspiel studiert hatte, startete Aarohan eine Kampagne im French Culture Center Kathmandu. Mehr als ein Jahr lang führten sie alterierend ein nepalesisches Stück und ein Stück eines westlichen Autors auf. Zu letzteren Autoren zählten Sartre, Sophokles, Moliere oder Camus – Stoff, mit dem Pokharel in Delhi in Kontakt gekommen war und mit dem er nun auch in Nepal ein Bewusstsein für demokratisches Gedankengut schaffen wollte. Tatsächlich fand in Diskussionen nach den Vorstellungen reger Meinungsaustausch statt.
Aus seinen Präferenzen bezüglich westlichem oder nepalesischem Theater meint Pokharel zuerst vorsichtig: „We don‘t have a lot of writers in Nepal, so it‘s difficult to find a good play here. Furthermore, the first condition of selecting a play is: you have to like it. It has to go to your current mentality. If we don‘t find one in Nepal, we have to look somewhere else.” Dann meint er doch sehr klar: „If an actor is good, the Western theater is better.“
Über dieser sehr offene Einschätzung literarischer Gegebenheiten in Nepal, gepaart mit einem klaren Bekenntnis zu den nepalesischen Wurzeln, steht allerdings das erklärte Ziel der Gruppe, eine funktionierende Demokratie in Nepal.

„Theatre around here is mainly associated with the democratic movement and other social movements. Somehow it is a sort of mission.” Die Mission ist und war auch damals klar. Anfang der Neunziger war sie erstmals auch sehr erfolg­reich. Mit dem Erhalt von Demokratie und freier Meinungsäußerung konnte sich dieses “Nepali Theater” erstmals vollkommen entfalten. Doch entgegen aller Erwartungen passierte genau das Gegenteil: Für fast 10 Jahre wurde es relativ ruhig auf den Bühnen. Wie das? Pokharel versucht dies damit zu erklären, dass vor 1990 die Theaterleute eine bestimmte Sprache, bestimmte Symbole entwickelt gehabt hatten. Doch als die freie Meinungsäußerung erreicht war, wurde eben diese Sprache irrelevant. Es war nun eine Zeit gekommen, in der sich die Theaterwelt, die (wiederum) ein Spiegel der Gesellschaft ist, mit sich selbst und ihrer Identität beschäftigen konnte bzw. musste. Anfangs war gar nicht so klar, wo man da ansetzen sollte. Was das Theater betrifft, so stand es anfangs in starker Konkurrenz zum indischen Film und Fernsehen. Bis die Theatermacher realisierten, dass Theater ein von Grund auf anderes Medium ist und eigentlich nicht mit Film konkurrieren muss. “Every media has their own limitations and possibilities. We didn’t explore the possibilities, but were stuck in the limitations.” So begann man sich auch stilistisch von den Formen und Farben des indischen Films zu lösen, um das “Nepali Theater” in den eigenen Traditionen zu finden. Und die sind in einem Land mit über 60 verschiedenen Ethnien sehr ­reich. Aarohan versucht diese Stärke auszuspielen, indem sie in ihren Produktionen traditionelle nepalesische Formen und Werte zeigen, neu interpretiert in zeitgenössischem Gewand.

Vermehrt engagiert sich Aarohan mittlerweile im sozialen Bereich, so zum Beispiel mit dem “Kachahari Theatre”-Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem “Theatre of the Oppressed” zustande kam. Die Gruppe geht in Dörfer oder urbane Gemeinden, um dort auf Konflikte aufmerksam zu machen. Innovativ an dieser Idee ist, dass das Publikum zu den eigentlichen Protagonisten wird. Das Publikum wird dazu aufgefordert mitzuspielen, und den Verlauf einer Problemstellung selbst zu lenken. Durch die Form des Theaters wird so “spielerisch” an Ort und Stelle nach Lösungen gesucht.
Das ist auch die Richtung, in die Pokharel mit Aarohan weiter gehen will: “In an ideal theatre, acting should be based on your social reality. And it should be creative of course, but creative in scarcity, too. If you have fewer things going on, then you have to be more creative.”

Unabhängiges Theater in Nepal ist ein Produkt der Demokratiebestrebungen in den Achtzigern. Dass sich diese junge Kunstform bei der Erreichung ihrer Ziele neu positionieren muss, liegt auf der Hand. Dass sie sich im sozialen Bereich positioniert, um einen weiteren Beitrag zur Entwicklung Nepals zu leisten, war auch zu erwarten. Dass sie dies allerdings so erfolgreich und ausdauernd tut, ist bemerkenswert.
as

Weiterführede Links und Literatur:

http://www.aarohantheatregroup.com
http://www.theatreoftheoppressed.com
Bista, Dor Bahadur: „Fatalism and Development: Nepal‘s struggle for modernization“, Orient Longman, 1991
Whelpton, John: “A History of Nepal”, Cambridge University Press 2005

Das gesamte Interview mit Sunil Pokharel können Sie unter hier nachlesen.

Bagger-Tipp: In der Kantine des Guru­kul gibt es eines der besten und günstigsten Dal Bhats von Nepal!
kathmandu

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