I'm hot baby ...

Hitzige Gedanken zu Paulo Coelhos „Elf Minuten“

Buchcover Coelho, © Diogenes Verlag Als Paulo Coelho den Alchimisten auf den Markt warf, war ich jung, auf der Suche und dankbar für Weisheiten aus der Wüste. Vertrauensvoll packte ich meinen Rucksack, um „Auf dem Jakobsweg“ hinter diesem weisen Manne herzutrappeln, doch schon nach den ersten Seiten stellte sich gröberes Unbehagen ein. Am Ufer des Rio Piedra ging mir schließlich ein Licht auf, Veronika beschloss, zu sterben, und es war nur mehr ein Blick über die Schulter, den ich Coelho zum Abschied zuwarf. Ich wollte kein böses Blut zwischen uns, doch der „Eso-Schlumpf“, wie ihn ein Journalist einst treffend bezeichnete, konnte es nicht lassen, schrieb einfach ein Buch nach dem anderen und verkaufte sie zu Millionen.
Wenn ich seit dem Erscheinen des Romans „Elf Minuten“ vor vier Jahren eine Hardcoverausgabe des Buches immer bei mir trage, dann nur deswegen, weil ich Coelho damit vermöbeln werde, sollte uns die Weltenseele jemals zusammenführen.

In einem recht geschickten Schachzug legitimiert Coelho bereits im ersten Satz all das, was er in den folgenden knapp 300 Seiten verbrechen wird.
„Es war einmal eine Prostituierte namens Maria. Moment mal. ‚Es war einmal‘ ist die beste Art, ein Märchen für Kinder zu beginnen, während ‚Prostituierte‘ nach etwas klingt, was für Erwachsene gedacht ist.“
Im Märchen sind die Charaktere platt, Geschichten nicht komplex, nicht tiefgehend, bloß exemplarisch, um eine Botschaft zu vermitteln. Märchen müssen keinen literarischen Ansprüchen genügen, warum es also versuchen? Wie schon im ersten Satz ersichtlich, liebt der Autor die rhetorische Frage, für die, die Andeutungen einfach nicht verstehen wollen. Coelho lässt keinen Raum für Interpretationen, gefällt sich in der Rolle des Lehrmeisters, des Frauenverstehers, des Ratgebers in Sachen Erotik.
Dabei wären die Themen des Buches durchaus interessant, und man wünscht sich, sie würden von jemandem mit Sinn für die Sinnlichkeit der Sprache aufgegriffen werden.
Doch kaum tut sich eine zarte Geschichte auf, schon schlägt Coelho mit seinem Wanderstock drauf ein, bis nichts übrigbleibt als ein paar abgeschmackte Weisheiten und ein Hauch von Soft-Porno.
Maria, die hübsche Brasilianerin hat es nicht leicht. Bereits in früher Jugend von Liebeskummer gezeichnet, beschließt sie ob dieser grausamen Erfahrung die Männerwelt aus ihrem Herzen zu verbannen. Ihre Freude schöpft sie in den Jahren des Heranwachsens gleichermaßen aus der Liebe zu Jesus wie zur Masturbation. Männliche Bekanntschaften lässt sie zwar gewähren, doch den Zugang zu ihrer Seele und ihrer Lust hält sie fest verschlossen. Träumend von großen Abenteuern, Geld und einem Ehemann, wählt sie das Risiko. Der Himmel schickt ihr einen Nachtclubbesitzer, der sie vom Strand weg als Tänzerin engagiert. Ehe man sich versieht, zerrt Coelho die Leserschaft samt Hauptperson wieder an den Jakobsweg, nach Genf diesmal.
Dort will Maria lieber Edelnutte sein als Tänzerin, der Traum vom großen Geld geht in Erfüllung und das liebe Mädchen beweist in ihren zahlreichen Tagebucheinträgen, dass sie weder ungebildet noch naiv ist, sondern genauso klug übers Leben reden kann wie Herr Coelho selbst.
Die Freier sind nett, der Zuhälter ist nett, Maria lernt Französisch und spart schon auf einen Bauernhof in ihrer Heimat, wäre da nicht noch die Liebe …
Marias Weg zur sexuellen Erfüllung führt sie über kurze Abstecher in die Welt des Sado-Maso schließlich zu ihrem Traumprinzen Ralf Hart. Der erfolgreiche, sexuell frustrierte Maler findet in ihr seine heilige Hure, sieht ihr „Licht“, verfällt ihr. Es folgen Lehrstücke über Liebe und Sex wie Auszüge aus der BRAVO, garniert mit aufgesetzter Konversation – da haben sich zwei gefunden. Ab und an erscheint der kleinen Maria dann noch die große Maria, die Heilige, warum auch immer, aber ohne religiöse Erscheinungen scheint sich Coelho einfach nicht wohl zu fühlen.
Das Happy End dann wie im Film, oder eben, wie im Märchen: Der erste Orgasmus mit Ralf Hart (der dann gleich fünf oder siebenfach daherkommt), die Taschen voller Geld und ein überraschendes Wiedersehen in Paris. Ende gut, alles gut.

11 Minuten dauert nach Überschlagsrechnung des Autors der erotische Akt, 11 Minuten dauert es meiner Meinung nach, bis man beim Lesen des Buches bemerkt, mit wem man es hier wieder mal zu tun hat.
Paulo Coelho fällt wahrscheinlich in die selbe Sympathie-Klasse wie Oliven, Marzipan und Lakritze. Man ist dafür oder dagegen, dazwischen gibt es nichts.

Kommentare

11 minuten? so lang? ich

11 minuten? so lang? ich meine, fürs draufkommen. ich meine, ihr wißt schon.

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