Im Netz des Propheten

Viel wird über den Koran geschrieben, gesprochen und gedeutet, doch wenige, scheint es, haben ihn zur Gänze gelesen. Der Bagger hat sich von vorne bis hinten durch dieses Werk gegraben und fügt nun einen weiteren fragwürdigen Knoten im Netz der kontroversen Rezeption dieses Werkes hinzu.

Der Koran ist arabisch. Da manche drin das Diktat und daher die Sprache eines überirdischen Wesens sehen, wird gerne behauptet, dass er nicht übersetzbar sei. Sollten Sie, geschätzter Leser, diese Meinung vertreten, wird empfohlen, diesen Artikel bei der eifrigen Lektüre der vorliegenden Zeitschrift zu überspringen. Er wird Ihnen keinen Aufschluss und keine neue Einsicht bringen. Diesem Artikel liegt die deutsche Übersetzung von Max Henning (siehe unten rechts) zugrunde.

Zur Übersetzbarkeit sei folgende Bemerkung gestattet: Es wird hier der Ansatz vertreten, dass die poetische Kraft eines Werkes unter einer Übersetzung leiden mag, dass aber ein Werk, dem der Anspruch unterstellt wird, über die Poesie hinaus eine Bedeutung im alltäglichen Leben zu haben, zwangsläufig auch verständlich gemacht werden muss. Daher wollen wir uns mit der vorliegenden Übersetzung, der im Übrigen mehrfach eine Nähe zum Original bescheinigt wird, begnügen und uns demnach Form und Inhalt zuwenden.

Nach Länge geordnet

Der Koran umfasst 114 Suren, also „Kapitel“, die aus unterschiedlich vielen Versen bestehen. Bis auf Sure 1 sind diese der Länge nach angeordnet. Alle (einzige Ausnahme: Sure 9) beginnen mit der Formel „Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen“. Formal sind gewisse Unterschiede (etwa in der Länge der einzelnen Verse) erkennbar. Dies wird mit der unterschiedlichen Entstehungszeit in Zusammenhang gebracht. Damit endet die formale Beschreibung auch schon, denn ansonsten scheint es schwierig, ein offensichtliches Konzept zu erkennen. Ein Stilmittel scheint die Wiederholung zu sein, so finden sich oft wörtliche Wiederholungen (etwa in Sure 55 jeder 2. Vers) und manche Episoden (etwa jene von Moses und Pharao) werden mindestens ein Duzend Mal in ähnlichen Worten an unterschiedlichen Stellen erörtert. Die Androhung der Höllenqualen für die Ungläubigen findet sich an mindestens hundert Stellen und die Wonnen des Paradieses werden ebenfalls an unzähligen Stellen in ähnlichen Worten beschrieben. Die einzelnen Suren sind mit Titeln überschrieben, doch lässt sich daraus nur bedingt auf den Inhalt schließen, da es oftmals Überschneidungen, Gedankensprünge und auch unvollständige Sätze gibt, sodass sich ein thematisches Konzept weder im Aufbau des Gesamtwerkes noch innerhalb der einzelnen Suren klar erkennen lässt.

Der Allmächtige

Die Allmacht Allahs ist inhaltlich das überragende Thema. Dies wird anhand der Schöpfung der Welt (in 6 Tagen), anhand der Allwissenheit (Allah sieht das Verborgene und das Innerste der Herzen), anhand des direkten Eingreifens Allahs in die Geschichte und das Schicksal einzelner Menschen (Sintflut, Zerstörung von Sodom und Gomorra, Ertränken des Heeres des Pharao, Hiob, Siege und Niederlagen Muhammads, Leitung oder Irreleitung der Gläubigen und Ungläubigen usw.) und anhand der Ankündigung des (jüngsten) Gerichtes illustriert. Dieses und die Auferweckung der Toten sind weitere zentrale Themen, wobei nicht mit der Ausschmückung der Qualen für die Verdammten – die da sind: die Ungläubigen, die Götzendiener, die Lügner, Heuchler, Juden, Christen und diejenigen, die den Koran als Lüge bezeichnen – gespart wird. So sollen jene ins Feuer geworfen werden, siedendes Wasser zu trinken bekommen und auf alle erdenkliche Weise gequält werden, ohne Hoffnung auf ein Ende der Qualen. Ganz anders wird es den Gläubigen ergehen und jenen, die dem Propheten den Gehorsam nicht verweigern. Sie sollen in von Bächen durcheilten Gärten wohnen, auf Kissen sitzen, in Seide gekleidet werden und reine Jungfrauen als Gattinnen erhalten. Das irdische Leben hingegen wird als ein vorübergehender Nießbrauch bezeichnet und es ist nicht ausgeschlossen, dass die Ungläubigen für kurze Zeit reich an irdischen Gütern und Nachkommen sein können, doch, wen Allah will, den straft er auf Erden, doch kein Entrinnen gibt es vor der strengen Strafe des Jenseits. Die Gläubigen hingegen sind jene, die beten, fasten, die Armenspende leisten, zur Wallfahrt antreten, dem Propheten Gehorsam leisten, sich vor Allah demütigen (niederwerfen) und sich am Kampf gegen die Ungläubigen mit Leib und Leben, oder zumindest mit finanzieller Unterstützung, beteiligen.

Mohammed © 2009 Ralf KönigLeid der Propheten

Weite Teile des Korans befassen sich mit Geschichten aus dem alten Testament, wobei jedoch des Öfteren Abweichungen von der Biblischen Version anzutreffen sind. Dabei wird überwiegend das Schicksal der Propheten und Warner thematisiert. Moses, Aaron, Noah, Lot, Abraham und auch Jesus (der Sohn der Maria, nicht aber Allahs) sind hier gern und oft genannte Protagonisten. Vor allem der Unglaube der gewarnten Völker und ihre Bestrafung werden wieder und wieder thematisiert.
Des Weiteren ist der Koran selbst Thema des Korans. Als ein von Allah herabgesandtes klares Zeichen wird er häufig genannt und der Unglauben und die Kritik der Mekkaer, Juden und Christen werden an unzähligen Stellen beklagt. Beständig wird gegen die Vielgötterei und den Götzendienst und jede Abweichung vom Eingottglauben gewettert.
Einige Suren befassen sich direkt mit konkreten Problemen Muhammads. So werden etwa Probleme mit seinen Frauen (Sure 33) oder seine Stellung unter den anderen Menschen (Sure 58) thematisiert. Meist entscheidet Allah dabei in seinem Sinne und gesteht ihm explizit gewisse Privilegien unter den Menschen zu (33,50). Von solchen persönlichen Situationen ausgehend, werden teilweise allgemeine Regeln für den Umgang zwischen Männern und Frauen und konkrete Regeln für das tägliche Leben abgeleitet. Auch Sanktionen bei Verletzungen dieser Regeln werden explizit erörtert. Eine von Gott gegebene Hierarchie unter den Menschen wird ebenso thematisiert, wie die Schöpfung und das Wirken der Dschinn, einer Art Dämonenwesen, deren Existenz auf Erden vorausgesetzt wird und die gemeinsam mit den Menschen geschaffen wurden, wobei die Dschinn aus Feuer, die Menschen aus Erde geformt wurden. Der Satan, der sich als einziger der Engel nicht vor Gottes Schöpfung (dem Menschen) verneigen wollte und dafür mit Steinen aus dem Paradies vertrieben wurde und nunmehr die Menschen verführt, findet ebenso oftmalige Erwähnung.

Was steht nun drin?

Wie sieht es nun mit dem Kopftuch aus? Der Aufforderung zum Heiligen Krieg, dem Handabhacken und dem Wein? Nun, der Koran ist voller Widersprüche und daher ist es oft schwierig, bis unmöglich, eine klare Aussage „aus dem Zusammenhang“ abzuleiten. So wird etwa der Wein in 16,67 und 47,15 als Gottesgabe oder gar Paradiesesfreude beschrieben, während er in 4,43 bzw. 5,90 eher negativ oder gar als Teufelswerk betrachtet wird. Recht eindeutig ist es da mit dem Kopftuch: Die gläubige Frau möge ihren Schleier/ihr Kopftuch über die Brust schlagen, ihren Blick senken und ihre Reize und ihren Schmuck nicht zur Schau stellen (24,31) bzw. sich in ihren Überwurf verhüllen (33,59). Zur Stellung der Frau im Allgemeinen wird in 4,34 die Vormachtstellung des Mannes verankert und dazu aufgefordert widerspenstige Frauen zu schlagen. Außerdem heißt es, die Frauen wären ein Acker, den man jederzeit und nach Belieben bestellen dürfe (2,223). Typisch weibliche Attribute sind laut 43,18 Streit- und Putzsucht. Homosexualität hingegen wird in 27,55 klar verurteilt.
An vielen Stellen (9,5; 9,29; 47,4; 8,12; 33,60 …) wird zum Kampf gegen die Ungläubigen und zu deren Tötung aufgerufen und den im Kampf Gefallenen besondere Privilegien zugesprochen. Die Anzahl der Jungfrauen im Paradies (59,20; 38,52; 44,54; 78,33; …), die den Gläubigen dort zustehen, wird jedoch nicht explizit genannt. Zum Thema Rechtsprechung finden sich etwa Peitschenhiebe für Ehebrecher (24,4), Abtrennen der Hand für Diebe (5,38) und die Erlaubnis einen, Mörder durch die Verwandten des Mordopfers töten zu lassen (17,33). Eine Hierarchie unter den Menschen und entsprechende Gehorsamspflicht wird in 6,189 und 43,32 als gottgegeben dargestellt. Geld zu horten hingegen ist verboten (9,34). Viel eher soll dieses für den Kampf für Allah eingesetzt werden (9,41).

Vorurteile

Leider kann nicht behauptet werden, dass sich durch die Lektüre des Koran die verbreiteten vermeintlichen Vorurteile gegen den Islam auf einfache Weise widerlegen lassen. Der Interpretationsspielraum ist groß, wie bei jedem mystischen Werk, doch einer aggressiven, kriegerischen, frauen- und menschenverachtenden Auslegung kann nur mit Winkelzügen, gewagten Interpretationen und großem weltanschaulichem Engagement entgegengetreten werden. Eine den genannten Attributen entgegengesetzte Auslegung ist sicher möglich, doch ohne den expliziten Willen zu einer solchen drängt sich diese nicht unmittelbar aus der Lektüre auf.
Zum Großteil also besteht der Koran aus Drohungen und Verwünschungen gegen alle, die dem Propheten nicht folgen. Dagegen nehmen poetische Gleichnisse oder positive Formulierungen einen vergleichsweise geringen Platz ein. Die enorme Wirkung dieses Buches scheint daher eher auf der Tatsache zu beruhen, dass hier eine kleine Gruppe von Gläubigen rund um einen bedrängten Propheten dargestellt wird, die sich durch Willensstärke, Treue und Kampfesmut auszeichnet und demnach siegen und ungeheuren Lohn erhalten wird. Die Vorstellung der Feinde und Übeltäter im ewigen Höllenfeuer und der kriegerische Unterton wird ihr Übriges dazu beitragen, dass diese Gemeinschaft zu jeder Zeit eine starke Faszination und ein ebensolches Identifikationspotential ausübt. Darin ist der Islam jedoch sicher kein Einzelfall.

Menschenrechte und Demokratie

Die Frage, ob es nun möglich ist, gleichzeitig nach den Regeln des Korans zu leben und die Menschenrechte, das Völkerrecht und die Gesetze eines demokratischen Staates zu achten, lässt sich mit einem klaren Ja beantworten. Die mannigfache Interpretationsmöglichkeit und der Spielraum bei Übersetzung und Auslegung macht es möglich. Es ist sicher nicht die erste und letzte Quadratur des Kreises, die in den unterschiedlichsten Kulturen und Weltgegenden täglich vollzogen wird. Die Angst vor der angedrohten Strafe bleibt jedoch als einzig wirkliche Motivation, dies zu tun. Es fällt daher nicht schwer, zu behaupten, dass der Menschheit viel erspart bliebe, wenn die Geschichte dem Koran (wie manch anderem Buche auch) jenen Platz zugewiesen hätte, der seinem literarischen Wert am ehesten entspricht, nämlich das ein wenig verstaubte Regal eines Arabisten oder eines anderen Wissenschaftlers, der dieses nunmehr unbekannte Werk von Zeit zur Zeit als interessantes historisches Zeugnis hervornähme, um die eine oder andere Formulierung oder historische Begebenheit zu prüfen.

Kommentare

Kleiner Nachtrag, besonders zum ersten und letzten Absatz

Selbstredend ist der Koran übersetzbar. Die Übersetzung von Max Henning ist ohne Zweifel eine handwerklich gute und lesbare Wiedergabe - namentlich in der von clr benutzten Fassung, die eine Überarbeitung durch den deutschen Muslim Murad Wilfried Hoffmann darstellt. (Die von Henning selbst publizierte Version war aufgrund nicht immer angemessener Ersetzung islamischer Termini durch christliche in vielen Punkten mißverständlich.)
Die Henning-Hoffmannsche Übersetzung wird gerne wegen ihrer Klarheit und Flüssigkeit gerühmt. Das hat seinen Grund: sie ist, genau besehen, nicht mehr als eine Vers-für-Vers-Inhaltsangabe in trockenstmöglicher Prosa.
Die poetische Kraft des Korantextes - immerhin gilt seine Sprache bis heute als Maßstab des klassischen Arabisch - "leidet" unter der prosaischen Wiedergabe allerdings nicht nur, sondern bleibt fast zu 100% auf der Strecke. Denn das Poetische daran besteht nicht nur in den (auf Schritt und Tritt begegnenden, nicht seltenen) Vergleichen, die auch bei Henning-Hoffmann sichtbar bleiben, sondern in Rhythmus, Reimen und Klangfiguren, von deren Wirkung auch der Nichtarabist sich in jeder Moschee überzeugen kann (sofern der Imam, wie meist der Fall, ein kompetenter Rezitator ist). Und wenn man das nicht will, kann man den poetischen Aspekt des Textes auch an einer deutschen Übersetzung wahrnehmen - an dieser hier. (Kurze Proben davon findet man hier.) Bis man das getan hat, sollte man sich despektierliche Äußerungen über den literarischen Wert des Korans verkneifen - dieser besteht eben nicht im bloßen Informationsgehalt. (Ja, die poetische Übertragung ist nicht ganz vollständig und nicht so bequem zu lesen wie die Henningsche, aber steht unserem Alltagsdeutsch immer noch deutlich näher als das Original dem heutigen Umgangsarabisch.)

Einstweilen gilt, "daß eine solche Übersetzung, die philologisch vielleicht sehr getreu ist (obgleich sie viel besser sein könnte) [...] einfach gefährlich ist, weil nämlich ein unbefangener deutscher Leser, der sie liest, sich fragen wird: wie ist es möglich, daß die Muslime in 1400 Jahren so etwas Langweiliges als ihre Heilige Schrift angesehen haben? Und das scheint mir gerade im gegenwärtigen Augenblick äußerst bedenklich." (Annemarie Schimmel)

Literarischer Wert

Vielen Dank für diese Erläuterungen. Der Begriff „literarischer Wert ist“ im Artikel wohl etwas irreführend gewählt da die diesbezügliche Aussage der Vielschichtigkeit des Begriffes Literatur nur schwer gerecht wird. Gemeint sind jedenfalls nicht die poetische Kraft oder klangliche Qualitäten bei der Rezitation. Eine Beurteilung derselben wurde ja im 1. Absatz explizit ausgeschlossen und soll denjenigen überlassen bleiben, die sich dazu berufen fühlen. Literarischer Wert ist jedoch in diesem Zusammenhang vielmehr auf die Gesamtheit eines Werkes, also auch auf die inhaltliche Tiefe und Qualität bezogen. Ein Beispiel für diese Interpretation: Hätte Hitler „Mein Kampf“ in einer Sprache verfasst, die jener Goethes und Schillers ebenbürtig wäre und die selbst für eine des Deutschen nicht mächtige Person erhaben klänge, so änderte dies nichts daran, dass es sich um ein schlecht recherchiertes und wenig tiefgründiges Werk handelt, das auf falschen wissenschaftlichen Tatsachen basiert. Der literarische Wert bliebe in diesem Sinne weiterhin fragwürdig. Auch noch so geballte poetische Kraft könnte den Inhalt nicht plausibler, oder gar richtiger machen, was auch in einer unpoetischen Übersetzung zutage treten müsste.
Doch zurück zum Koran: Das Versmaß und der schöne Klang einer Sprache, die wohl die wenigsten Zeitgenossen verstehen, mag dem einen oder anderen zu einem erhabenen Kunstgenuss verhelfen und auch einen Grund für die fortwährende Wirkung dieses Werkes darstellen, doch so schön die Verpackung auch klingen mag, der literarische Wert, der die Verbreitung des Buches rechtfertigen würde, könnte demnach nur in der Form liegen, was jedoch nach obiger Interpretation weiterhin unzureichend wäre.

Tatsache ist, daß “Mein

Tatsache ist, daß "Mein Kampf" seinen nichtswürdigen Inhalt auch in nichtswürdiger Sprachform präsentiert. Das Beispiel belegt also fast eher das Gegenteil (natürlich gibt es trotzdem auch gut gemeinte Bücher, die blöd geschrieben sind und umgekehrt).
Im Fall des Korans stellen Klang und Reim auch eine Orientierungshilfe dar - Passagen, die inhaltlich zusammengehören, haben gleiche Reime oder klingen anderweitig so, daß man sie leicht miteinander assoziiert, besonders wenn man - wie bei frommen Muslimen vorauszusetzen - das gesamte, schließlich gar nicht so arg lange Werk im Ohr hat. (Das zu demonstrieren muß ich leider wirklichen Korankennern überlassen.) Daß uns angesichts der deutschen Lyrik aus den letzten ca. fünf Jahrzehnten das Ohr für Vers und Reim abhanden gekommen ist, darf nie darüber hinwegtäuschen, daß die Form einen lebensnotwendigen Bestandteil poetischer Werke darstellt - wo sie es nicht tut, IST das Werk eben nicht poetisch. Dantes Divina Commedia klingt im Original für jeden Italienischkundigen erhaben, wie es ihrem Inhalt und ihrer Intention angemessen ist - in modernen italienischen Prosaübersetzungen (die gibt es) geschraubt und ein bißchen lächerlich. Als Hausaufgabe möge der Leser ein beliebiges, im Ruf der Erhabenheit stehendes deutsches Gedicht (sagen wir "Über allen Wipfeln ist Ruh") in englische Prosa übersetzen. Ich verwette meinen Hut darauf, daß das Ergebnis Stuß sein wird.
Abschließend eine persönliche Bemerkung: Mich als Nichtaraber und Nichtmuslim kränkt es in tiefster Seele, den Koran auch nur implizit mit "Mein Kampf" verglichen zu sehen.

Beleidigend?!?

Beide oben genannten Werke haben Inhalt und Form. Allein auf dieser unbestreitbaren Tatsache basiert die obige Analogie. Weder Inhalt noch Form wurden in irgendeiner Art (auch nicht implizit) verglichen oder gar gleichgesetzt. Wie das „kränkend“ sein kann, ist mir schleierhaft.
Ich möchte zum wiederholten Mal betonen, dass ich die poetische Qualität des Koran weder beurteilen kann, noch möchte. Doch wie erhaben diese auch sein mag: Auf Poesie lässt sich kein Staat und keine Gesellschaftsordnung bauen. Wollte man aus „Über allen Wipfeln ist Ruh“ eine allgemein gültige Regel ableiten, so wäre dem mit „Everyone’s gonna die“ genüge getan, der Rest ist Kunstgenuss. Man kann das Gedicht mögen, oder nicht. Der Koran hat jedoch seit Jahrhunderten eine Bedeutung, die über den Kunstgenuss weit hinausgeht, er dient nämlich als Grundlage einer Gesellschaftsordnung, wobei hier die Poesie beständig zu Konflikten und Auslegungsschwierigkeiten führt. Dies alles scheint mir im Artikel bereits erwähnt. Poetische Qualität macht ein Werk nicht besser geeignet als Grundlage einer Staatsordnung und legt die Verwendung eines Werkes zu diesem Zwecke auch nicht näher. Die inhaltlichen Schwerpunkte wurden ja ebenfalls im Artikel angeführt, sodass sich erneut folgende Schlussfolgerung aufdrängt: Die Qualität des Werkes wird der Wirkung schlicht nicht gerecht (Qualität kann hier durchaus im wertneutralen Sinne aufgefasst werden).

Wenn’s nicht so gemeint

Wenn's nicht so gemeint war, dann ist es ja gut. Es war aber der Formulierung nach durchaus möglich, Attribute wie "schlecht recherchiert und wenig tiefgründig" auf beide verglichenen Texte zu beziehen - und jemand, dem am Koran bedeutend mehr liegt als mir, könnte eventuell flüchtiger lesen als ich.
Daß man von mystischen Versen aus dem 7. Jahrhundert schwerlich Lösungen für gesellschaftliche, politische und familiäre Probleme des 21. erwarten kann - das ist ja eine Binsenweisheit. Dasselbe läßt sich auch und mit größerem Recht gegen die Bibel einwenden - sie ist noch viel älter, inhaltlich und formal disparater, planloser, ja es steht nicht einmal ganz fest, welche Texte überhaupt zu ihr gehören. Trotzdem basieren auf ihr nicht nur Teile des Korans, sondern auch weite Strecken unserer Gesetzbücher (wenn auch in neuester Zeit etwas weniger). Diese wirklich sehr offensichtliche Diskrepanz - ur- oder wenigstens reichlich alter Text soll Gesellschafts-, ja Weltordnung für heute und alle Zeiten begründen - ist aber, mit Verlaub, nicht die Schuld des Korans oder der Bibel (samt Verfassern und Kompilatoren), sondern derer, die falsche Erwartungen in beide setzen.
Ein Buch als solches wirkt überhaupt nicht. Wirken tun Politiker, die das Buch in der Hand schwingen und - öfters unwahrerweise - behaupten, ihre Parteidoktrin beruhe auf dem Inhalt des Buches. Gegen solche Leute hilft nur eins - das Buch zu verstehen und in den richtigen Kontext zu setzen. Nicht in den falschen. Und ganz zu verstehen, nicht halb.

komische Einwände

Dass der Vergleich so nicht gemeint war, war mir auf den ersten Blick klar. Dass Formulierungen wie "..., dann ist es ja gut." nicht unterschwellig metaphorisch meinen: "Wenn, nicht hätte ich im nächsten Moment mein Messer ausgepackt." hingegen weniger. Flüchtig lesende sind selbst schuld, wenn sie etwas falsch verstehen.
Dass die Bibel im Vergleich zum Koran ebenso schwerlich moderne Probleme lösen kann ist auch eine Binsenweisheit. Die Bibel bzw. ihre Instrumentalisierung durch die katholische Kirche wurde dahingehend auch schon in früheren Ausgaben des Baggers behandelt. Warum also nicht auch der Koran? (Abgesehen davon ist der Verweis auf die Bibel hier irrelevant. Der Artikel sagt ja mit keinem Wort dass der Einfluss der Bibel auf unsere Rechtsordnung besser oder sinnvoller wäre.) Der Artikel richtet sich betreffend seiner Anwendung auf Heute auch nicht gegen den Koran selbst sondern eben auf das Faktum dass dies geschieht und versucht diesbezüglich einige Probleme zu erklären.
Insofern klingen diese Einwände hier etwas nach Besserwisser- und Rechthaberei.

Und natürlich wirkt ein Buch! (Zumindest wenn es gelesen wird.) Warum schreiben wir denn sonst überhaupt???

Binsenweisheit...

Leider hat sich das mit der Binsenweisheit offensichtlich noch nicht ganz herumgesprochen. Ansonsten scheint mir der Tenor des Artikels nun auch in diese Diskussion Einzug gehalten zu haben: Lesen (nicht nur flüchtig) und verstehen und seine eigene Meinung bilden. Dabei gilt: Jeder ist berechtigt, jedes Buch zu lesen und sich ein Bild zu machen. Die Mystifizierung eines Werkes, die es nur einer in besonderer Weise gebildeten Elite erlaubt, über dasselbe zu urteilen und die dazu führt, dass sofort mit der „Das kannst du gar nicht verstehen“-Keule nach denen ausgeholt wird, die sich anmaßen, unvoreingenommen an die Lektüre heranzugehen, ist ein beliebtes Mittel totalitärer Machtapparate und führt zur geistigen Versklavung. Daher möchte ich jeden auffordern, sich selbst mit den historischen Grundlagen unserer heutigen Gesellschaftsordnung (auch mit Primärquellen!) zu befassen und sich von niemandem vorschreiben zu lassen, was man verstehen darf, was man wissen kann und worüber man urteilen darf. Aus Angst vor jenen, denen ein Buch besonders am Herzen liegt und die flüchtig lesen, lieber den Mund zu halten, scheint mir hingegen keine zielführende Strategie zu sein.

Mir war auch klar, daß es

Mir war auch klar, daß es nicht so gemeint war. Aber auch beim dritten und vierten Lesen scheint mir der Vergleich mißverstehbar. Wenn das mir so vorkommt, was wird ein Islamist sich denken? Daher meine Warnung. Mein Messer bleibt diesbezüglich ganz sicher in der Tasche. (Außerdem, Herr clr, habe ich nicht gesagt, ICH hätte flüchtig gelesen, sondern ein anderer KÖNNTE flüchtigER lesen.)
Und ich sagte: ein Buch wirkt nicht AN SICH, sondern nur durch Leute, die es benutzen. Weshalb es nötig ist, genau zwischen dem Text selbst und gängigen Interpretationen desselben zu unterscheiden. (Auch "Über allen Wipfeln ist Ruh" enthält eigentlich nicht die Botschaft "Everbody's gonna die", sondern sie wird nur gern in das Gedicht hineingelesen - freilich verhindert es sie nicht, aber handeln tut es nur von einem Wanderer, der sich bald schlafen legen wird. Wieder mal ungenau gelesen.) Immer noch, auch beim siebten und achten Lesen, scheint mir der letzte Absatz des Artikels den literarischen Wert des Korans danach zu bewerten, daß er kein Konzept für eine moderne Gesellschaftsordnung enthält - und genau dem galten meine Einwände.
Ich jedenfalls - ohne jemandem Vorschriften machen zu wollen - würde mich niemals in solcher Weise über einen Text äußern, dessen Sprache ich nicht wenigstens ansatzweise verstehe. Übersetzungen sind legitime Hilfsmittel, aber nicht mehr. Und sicher kann man auch das Koranverständnis einer 28jährigen niederländischen Putzfrau mit drei Kindern in Betracht ziehen, aber in erster Linie wäre doch einem Verständnis auszugehen, das dem des Verfassers und der Kompilatoren möglichst entspricht. Übrigens ist unter Muslimen der Anteil derer, die wenigstens eine ungefähre Kenntnis des Koranarabischen haben und mit dem Inhalt des Buchs vertraut sind, deutlich höher als etwa bei Christen jener der Griechisch-Hebräisch-Bibelkundigen. So winzig ist die Elite gar nicht.
Abschließend ein kleines Koranzitat für die Feiertage:
"Gott ist das Licht des Himmels und der Erde. Das Gleichnis seines Lichtes ist wie eine Nisch', in welcher eine Leuchte; die Leuchte ist in einem Glas, das Glas ist wie ein funkelnder Stern [...] Das brennt in Häusern, welche Gott befohlen aufzurichten und drin zu nennen seinen Namen; es preisen ihn darin am Morgen und am Abend Männer, die nicht abzieht Handelschaft noch Einkauf vom Gedächtnis Gottes und von Bestellung des Gebetes und von Almosengeben [...] daß ihnen Gott vergelte das Beßre, was sie taten, und sie mehre mit seiner Fülle." (Sura 24, 35-38, Übersetzung Rückert, gerafft)

Ratlos...

Da ich mich nicht ein weiteres Mal wiederholen möchte, fällt mir dazu leider nichts ein. Nur eines: Im Bagger darf natürlich auch eine niederländische Putzfrau Artikel verfassen (Oder? Frage and die Red.), nicht nur universal gebildete Genies.

Ach ja: Lieber caru: Lies doch noch ein 9. Mal, vielleicht erübrigt sich dein Einwand dann.

ah ja:

bis jetzt hat noch kein universalgebildetes genie artikel für den bagger verfaßt. das wird wohl auch künftig unterbleiben: einerseits sind solche genies höchst selten, andererseits werden sie spätestens nach einwürfen wie dem obigen einen weiten bogen um dieses käsblatt machen. es ist, werter clr, gerade gut genug für unsereinen.

nachtrag zu veits grantigem einwurf oben:

als beispiel dafür, daß die binsenwahrheit weder allein noch in besonderem maß für den koran gilt, hätte ich schon auch die konfuzianischen klassiker oder, sagen wir, die manusmrti nennen können. aber da hätte es wieder geheißen, die kennt keiner. die bibel war das naheliegendste.

Ich weiß schon, was ich im nächsten Bagger schreibe.

Einen Artikel über ein bestimmtes (ich weiß noch nicht welches, aber das macht nichts) Teilgebiet der Mathematik.

Im ersten Absatz werde ich zugeben, daß ich mit mathematischen Schreibweisen nicht das geringste anfangen kann und also einem erheblichen Teil des - in Mathematikerkreisen anerkannten und gern benutzten - Handbuchs, aus dem ich meine Kenntnisse beziehe, als Analphabet gegenüberstehe. Aber das macht nichts.
Jeder ist berechtigt, jedes Buch zu lesen und sich ein Bild zu machen. Die Mystifizierung eines Werkes, die es nur einer in besonderer Weise gebildeten Elite erlaubt, über dasselbe zu urteilen und die dazu führt, dass sofort mit der „Das kannst du gar nicht verstehen“-Keule nach denen ausgeholt wird, die sich anmaßen, unvoreingenommen an die Lektüre heranzugehen, ist ein beliebtes Mittel totalitärer Machtapparate und führt zur geistigen Versklavung. Das von mir behandelte Gebiet findet vielfältige Anwendung in Naturwissenschaft und Technik (oder so) und hat also große Bedeutung für allerlei Bereiche unsres Lebens - daher geht es jeden an, nicht nur die verschwindende Minderheit, die das Formelgeschreibsel lesen kann. Das dauert ja Jahre, bis man das kapiert! Da kann man ja auch gleich Arabisch lernen.
Und überhaupt ist in dem Handbuch vieles auch in Deutsch erklärt. Und dann kenne ich ja nicht nur das eine Handbuch zum Thema, sondern auch ein zweites (dessen Titel schreibe ich kleingedruckt an den Rand).

Hauptteil: Das Buch hat numerierte Kapitel mit fettgedruckten Überschriften. Manche der für mich unlesbaren Gleichungen wiederholen sich, und es wird bald das, bald jenes davon abgeleitet. Seltsam. Hinten im Buch ist ein Glossar der benutzten Termini; Wörter, die darin standen und mich zufällig interessierten, habe ich nachgeschlagen und auch noch gelesen, was ein bis drei Seiten davor und danach stand. Interessanterweise verweist das Buch manchmal auch auf sich selbst und zitiert, ohne daß ein Prinzip darin erkennbar wäre, bald spätere Kapitel in früheren, bald frühere in späteren; im Vor- und Schlußwort finden sich sogar - für das eigentliche Thema gar nicht relevante! - Details der Biographie des Autors. Ach, und auf Seite 74 steht die Bemerkung, daß ein Differentialflaschenzug nichts mit Differentialrechnung (was ist das?) zu tun hat. Sie hat mich amüsiert.

Schluß: Kann man ein Leser dieses Buches, gar ein Spezialist für das behandelte Gebiet sein - und gleichzeitig auch noch ein guter Mensch? Ja. Es enthält nichts, was einen daran hindert. Allerdings ist das Buch für die Allgemeinheit vielleicht doch nicht so interessant, wie ich zuerst geglaubt hätte, und gehört eigentlich nur auf das zart spinnenbenetzte Bücherbord eines studierten Mathematikers. Der muß vielleicht manchmal was drin nachschauen.

Großartig!

Eine Parodie auf einen meiner Artikel! Eine solche Ehre wurde mir bisher noch nicht zuteil. Vielen Dank, ich habe mich köstlich amüsiert. Das anhaltende und intensive Interesse an demselben freut mich übrigens ebenfalls.

Nebenbei und sozusagen „off topic“: Ein Artikel über ein mathematisches Werk von einem Nichtmathematiker scheint mir ein durchaus reizvolles Projekt. Ich würde so etwas gerne und mit Interesse lesen.

Wird aber schwerlich jemand schreiben -

Nichtmathematiker wissen meistens, daß sie von Mathematik nichts verstehen.

Wenn du möchtest,

kann ich dir als Nichtmathematiker gerne ein paar Schmankerln näherbringen.

du mir als

du mir als nicht-mathematiker? heißt daß, daß du ein nichtmathematiker bist und mir was näherbringen willst, oder daß du mir in meinem aspekt als nichtmathematiker was näherbringst? von der formulierung her geht beides ;-)

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