Immer wieder auf ins Burgtheater

Trotz mitunter auch kritischer Pressestimmen lohnt sich ein Besuch im Burgtheater, um sich möglichst viel vom nie an Aktualität verlierenden Shakespeare anzusehen und somit im Jahre 2008 zumindest einen Meistertitel zu erringen …

Leere Bühnen hat man im Sommer nur allzu oft sehen können (meistens weil die Theater ja zugesperrt hatten). Mit dem Saisonstart 2007/2008 stellt sich wiederum die Frage, was lohnt sich in welchem Haus anzuschauen. Da der Kritiker keine Proben von künftigen Erst- und Uraufführungen gesehen hat, kann er nur die Wiederaufnahmen Revue passieren lassend prüfen. Und da der Kritiker subjektiv ist, will er nur übers Burgtheater schreiben. Wem das nicht passt, der möge anderswohin gehen, nicht weiterlesen und sich freuen, dass das Haus am Ring wegen der EM 2008 diese Saison eh schon früher zugesperrt wird und dann wieder nur eine uneinsehbare, aber existente, leere Bühne bietet. Fußball statt Furien! Furios, wahrlich …

Bis zur hoffentlich nicht allzu blamablen Europameisterschaft kann sich der Österreicher in jedem Fall einen sicheren Titel ersitzen: Shakespearemeister. Das klingt zunächst nicht annährend so gut, liegt aber im Bereich unserer Möglichkeiten. Wenig wertvoll sei die Parade der großen englischen Klassiker, wettern einige Direktoren an anderen kleineren Häusern (von denen eines so ganz nebenbei vom Nimbus Brechts lebt). Doch so durch und durch wertlos wie der „Macbeth“ im Volkstheater war in der Burg nichts.

Die Premierenkritiken zu manchen Stücken waren geteilter Meinung – was zumindest von der Fähigkeit jener Stücke zum Polarisieren zeugt. Angehaftet wurde allen Stücken außer „König Lear“ (und selbst diesem) der Umgang mit der Textgrundlage. Warum nicht alles in Gesamtlänge spielen sehen, in der vertrauten Übersetzungssprache sprechen hören? Irritationen befremden, regen so auch an, machen vielleicht gar manches klarer, was im Schwulst der hehren Worte bei der Schullektüre Shakespeares untergegangen ist. Und nicht immer rechnet die Regie mit so duldsamen Zusehern wie beim fast fünfstündigen Lear. Daher kam der „Sturm“ so abgespeckt im Akademietheater daher. Und muss als einziges Werk mit Vorab- oder Programmlektüre als Grundlage konsumiert werden – sonst ist man immer nur dabei, und niemals mittendrin.

Alles andere versteht sich aus sich heraus, bietet Kundigen und Erkundenden vielfältige Anknüpfungspunkte, macht Spaß und doch auch immer ein kleines bisschen weise. Die Seele Österreichs scheint in „Maß für Maß“ auf. Wer hier nicht lacht, lacht nie (über sich selbst und hat somit nichts zu lachen). Wer hier nichts über Utopien und Weltverbesserer lernt, ist selber schuld. Überhaupt die Macht, ein garstiges Thema, schon zu Shakespeares Zeiten und folglich auch in seinen Stücken. „Julius Caesar“ mit dem wunderbaren Peter Simonischek kann uns lehren, wie sich (unterstellte) Korrumpierbarkeit auswirkt. Ein zutiefst österreichisches Thema, übrigens. Nur ein Bürgerkrieg und die gezielte Selbsttötung ranghoher Befehlshaber fehlen uns noch. Und die herrliche politische Rhetorik eines Marc Anton freilich auch.

Machtkämpfe zwischen den Generationen, das ist das Thema bei „König Lear“. Und wer Gert Voss den Lear nicht abnehmen will, wer hier nicht selbst als Sohn mehr mit den Alten leidet, ja der ist selbst ein Bastard. Oder spürt es zumindest, was es bedeutet einer zu sein. Äußerst überzeugend gelingt dem Altmeister der Bretter, die die Welt bedeuten, die tragischste Figur all der Shakespearestücke. Vielleicht auch gerade deshalb, weil hier die Bühne klassisch blieb, die Sprache sowieso. Was nicht heißen soll, dass man mit „Sommernachtsträumen“ unter- und oberhalb eines großen Partyzelts auch sein Vergnügen haben kann. Theaterkritik im Theater, köstliche Handwerker spielen da lächerlich Tragisches. Aber auch die pikanten Szenen mit all den Liebenden, mit Puck und dem Schädling Liebesnebel gefallen.

Insofern ist mit Spannung die Aneignung von „Romeo und Julia“, „Die Rosenkönige“ und „Heinrich IV.“ in der kommenden Spielzeit zu erwarten – mehr als nur „viel Lärm um Nichts“ wird’s allemal. In diesem Sinne, auf ein Wiedersehen mit Shakespeare in der Burg!

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