Johanna Walser „Die Unterwerfung“ (1986)

Die UnterwerfungSprachmächtige Bücher verdienen auch 25 Jahre nach ihrem Erscheinen eine nachdrückliche Empfehlung. Johanna Walser, der Tochter Martin Walsers, ist ein solches besonderes Buch, eine schmale Erzählung, geglückt.

Sie handelt von Lisa, einer jungen Frau, die in der Welt der fremden Sprachen den ihr eigentümlichen Selbstausdruck findet: „Sie erschrak. Es war ziemlich schwierig, wenn man das über sich wusste, was diese Sätze sagten. In fremden Sprachen musste sie anscheinend von sich und dem, was sie erlebt hatte, sprechen; es wäre unangenehmer gewesen, sich diese Sätze in ihrer eigenen Sprache vorzusprechen.“

Jedoch ist es Lisa nicht möglich, die normale Gymnasial- und Studienlaufbahn zu absolvieren – die Mutter will sie in einem Lehrberuf sehen, doch dagegen sträubt sich das Mädchen: „Irgendwelche Sicherheiten will ich gar nicht; wenn sie meinen noch unwiderlegbaren Wunsch ausschließen, kommen sie mir trostlos vor. Ungelernt musst du eben gar alles machen, wenn es dann nicht so kommt, wie du es dir denkst, sagte die Mutter. Schon, aber zu der Möglichkeit, der Tür, die zu etwas Schönerem führt, kann man doch noch eine Weile hinsehen, antwortete Lisa, ich würde mich nie zu endgültig irgendwo einrichten, immer auf den Wind warten, der manches aufwirbeln könnte.“ Daher fängt Lisa in einer Gärtnerei an und besucht die Abendschule, beobachtet tagsüber die Welt der Arbeitenden (und der seinerzeit mitunter noch kommunistische Alternativen erhoffenden Proletarier) ebenso intensiv wie abends die der Lernenden und Lehrenden.

Lisas Rückzug

Zufällige Begegnungen und Anreden auf Beruf und Berufung machen Lisa immer befangener – sie glaubt, all die anderen seien von der Mutter instruiert, Lisa auf den rechten Weg zurückzuführen. Sie bezieht mehr und mehr eine Abwehrhaltung, wünscht sich allen Ortes „nicht in Betracht zu kommen“. So beginnt trotz aufgenommenen Studiums im Gefühle vollkommener Unzugehörigkeit eine Rückzugs-, Seitwärts- und Abwärtsbewegung, die in der Psychiatrie ihr vorläufiges Ende findet. Der schmale Grat zwischen Hellsichtigkeit und zusetzender Fragilität wird durch die klingend stechende Sprache noch betont: „Während Lisa auf der Straße ging, kamen ihr viele Menschen entgegen, die alle in sich eingeschlossen waren. Einen Augenblick das Gesicht an irgendeiner Brust bergen, dachte Lisa, dann rasch aufstehen und schnell weitergehen, widerrufen. Die Welt macht Schleifen und Knoten in uns. So geben wir uns dann dem Tod und lassen uns lösen, dachte Lisa.“ Lisa bleibt trotz Medikamente ein Opfer (ver)inner(licht)er Stimmen: „Sie fesselten Lisa, dass sie sich nicht mehr rühren konnte, und sprachen sich ihr vor, dass es Lisa traf wie Peitschenschläge. Lisa stand oft nicht gerecht da, gegenüber manchen, die diese Sätze gesprochen hatten, die Vorwürfe waren oft gerechtfertigt. Auch war es nicht so, dass Lisa die Menschen dafür hassen musste oder konnte, aber die bloße Verletzung würgte sie ziemlich. Manchmal schliefen die Besatzer, auf einmal aber konnten sie aufwachen und ihre Feste feiern in Lisa.“ Sie erkennt, dass die Hauptgefahren ihres Lebenswandels im „Ersticken und Verhungern“ liegen.

Lisas Rückkehr

Für sie gangbarere Auswege in die noch immer schmerzende Welt zurück liegen in der bewussten Wahrnehmung des Schönen – das Buchende huldigt der Musik: „Wenn Lisa abends Musik hörte, war sie gerettet; es kam ihr vor, sie verwandle sich in Musik. Den Schmerz nahm sie dann wie eine Hostie. Dann war sie plötzlich beleidigt – nur weil die Musik sich entrüstete, zuckte wie ein stolzes, misshandeltes Pferd – oder nein, sie täuschte sich, sie war von etwas emporgehoben, das hell auffährt und alles Schwere und Niederdrückende abwirft. Helle Flucht. Jemand spielte Klavier, und eine Musikstelle versetzte Lisa in einen Augenblick, in dem sie alles einfach empfing und alles sie schön berührte, zu ihr kam, an die Augen, sanft. Der Klavierspieler wiederholte diese leise, schöne Musikstelle, wieder und wieder … sie wachte auf und wachte auf, hörte nicht auf gerade aufzuwachen.“

Lesers Verwandlung

Wir Lesende werden in dieser betörenden Erzählung gleich mehrfach zum Aufwachen angehalten. Einerseits mag man dieses Buch einer Philosophiestudentin als Kritik am Lebensmodus des Ertragens, des Duldens, der Weltabgewandtheit, der Mutlosigkeit, des bloßen Sehnens ohne Realisationsversuch lesen. Ferner wird die Entwicklung einer jungen verletzlichen Seele, die in die Krankheit fliehen muss, um in einer ihren Werten und Zielen entgegen gesetzten Welt überstehen zu können, aufgezeigt. Und in diesen so kristallin klirrenden Gedanken Lisas findet sich stets der Appell zum Selbstausdruck, zur Selbstverantwortung – ohne diesen laufen wir alle Gefahr zu ersticken und zu verhungern. Für diese warnende Ermutigung zu mehr Bedächtigkeit gebührt Johanna Walser Dank.

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